Nachruf auf Udo Lattek

Legende zu Lebzeiten

Donnerstag, 05.02.2015 | 14:36 Uhr
Feierten gemeinsam große Erfolge: Udo Lattek (r.) und Lothar Matthäus
© getty
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Mit Udo Lattek hat einer der erfolgreichsten Trainer der Bundesliga-Geschichte die Welt verlassen. Er nahm für sich nie in Anspruch, ein Erneuerer des Fußballs zu sein, sondern brachte es mit vergleichsweise einfachen, aber sehr wirkungsvollen Mitteln zu Ruhm, Ehre und Kultstatus.

"Udo Lattek hat auf der Tribüne geweint." Diesen Satz schmetterte Bayern Münchens Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge im April 2009 den Spielern entgegen, nach einer der heftigsten Pleiten in der Geschichte des Vereins. Beim 0:4 in Barcelona war der FC Bayern nach allen Regeln der Kunst vorgeführt worden, angefühlt hatte es sich eher wie ein 0:8.

Rummenigge wollte den Spielern klarmachen, was sie da in 90 Minuten angerichtet hatten. Ein Verrat am ganzen Verein und seiner so erfolgreichen Historie, zu der Udo Lattek maßgeblich beigetragen hat.

In den frühen 70er Jahren hatte Lattek die Bayern zu drei Meistertiteln in Folge geführt und 1974 im legendären Duell mit Atlético Madrid den Landesmeistercup nach München geholt. Spieler wie Uli Hoeneß und Paul Breitner wurden unter Lattek zu Stars und der Trainer schaffte es, mit Franz Beckenbauer den Spieler auf seine Seite zu ziehen, der den größten Einfluss hatte im Verein.

Früher Tod des Sohnes

Als er nach fünf erfolgreichen Jahren zum großen Konkurrenten Mönchengladbach wechselte, nahm man ihm das in München übel. Doch Lattek wollte in seiner Karriere vor allem eins: bedingungslosen Erfolg.

In Gladbach sah er die Chance, einer spielerisch herausragenden Mannschaft das fehlende Puzzleteil hinzuzufügen, um Titel zu gewinnen. Er brachte die Maloche zu den Fohlen, ohne dabei die Mannschaft in ihrem Sturm und Drang zu bremsen. Die Arbeiter Uli Stielike, Rainer Bonhof und Berti Vogts wurden Führungsfiguren, Gladbach gewann unter Lattek zwei Meistertitel und den UEFA-Cup.

Der Tod seines Sohnes Dirk, der mit 15 an Leukämie starb, beeinflusste Latteks Leben auch als Fußballtrainer. Er kehrte Deutschland den Rücken und ging zum FC Barcelona. Bei Bernd Schuster und vor allem Diego Maradona stieß Lattek, dem Disziplin wichtig war, der seine Spieler aber an der langen Leine ließ, solange die Leistung stimmte, an seine Grenzen.

Er ging zurück nach München, holte abermals Titel am Fließband, musste aber auch die schmerzlichste Niederlage seiner Laufbahn als Trainer einstecken. 1987 verloren die Bayern in Wien das Landesmeistercup-Finale gegen den krassen Außenseiter FC Porto.

Kultobjekt blauer Pulli

Danach verkündete Lattek seinen Abschied vom Trainerdasein und wechselte ins Sportdirektor-Büro des 1. FC Köln. Beim FC erlangte Lattek schnell Kultstatus - durch ein Kleidungsstück. Der banale blaue Strickpulli wurde zum Medienereignis. Lattek zog ihn als Glücksbringer an und erklärte, erst im Falle einer Niederlage des 1. FC Köln sein Outfit zu wechseln.

15 Spiele lang hielt die Serie, das gute Stück wurde anschließend zugunsten der Kinderkrebshilfe für 36.000 Mark versteigert.

In Köln erkannte Lattek die Fähigkeiten des jungen, unverbrauchten und äußerst selbstbewussten Trainers Christoph Daum und wurde dessen größter Förderer. Köln wurde in den nächsten drei Jahren einmal Dritter und zweimal Vizemeister.

Später kehrte Lattek selbst auf verschiedene Trainerbänke zurück, seine Expertise war noch lange gefragt. 2000 wurde der Titelsammler von Borussia Dortmund als Feuerwehrmann verpflichtet. Lattek holte sich Matthias Sammer an die Seite und bewahrte den BVB vor dem Abstieg. Sammer führte Dortmund zwei Jahre später zur deutschen Meisterschaft.

Kein Trendsetter - ein Arbeiter

Als Trainer war Lattek nie ein Erneuerer, revolutionäre Ideen überließ er anderen. Während Hennes Weisweiler, den Lattek in Gladbach beerbte, Johann Cruyff oder später Arrigo Sacchi den Fußball veränderten, setzte Lattek auf Bewährtes: Fleiß, Akribie, Ehrlichkeit und Bodenständigkeit.

Lattek war kein Trendsetter, er wollte Mannschaften verbessern, indem er sie dort abholte, wo sie standen und drehte dann an ein paar Schrauben.

Lattek hat mehrere Generationen begeistert, beim Jüngeren Publikum erlangte er durch seine Tätigkeit als TV-Experte Kultstatus. Seine direkte, hemdsärmelige und oft humorige Art kam an. Lattek hat sich nie verbiegen lassen, er hatte kein Mitleid mit anderen und auch nicht mit selbst.

Wenn es ungemütlich wurde, stellte er sich in den Wind. Als er einmal in einer TV-Debatte heftig mit seinem Ziehsohn Uli Hoeneß aneinandergeriet, lief er zu Hochform auf. "Man konnte mit Udo leidenschaftlich streiten. Es blieb nie etwas hängen", sagte Hoeneß einmal.

Mit dem Fußball der Gegenwart konnte Lattek nur noch bedingt etwas anfangen. Seiner Meinung nach unterwanderten zu viele "Weichspüler" das Geschäft. Im Zuge der Steueraffäre um Uli Hoeneß sagte er kurz vor seinem 80. Geburtstag: "Uli hätte von mir auf die Schnauze gekriegt."

Mit Udo Lattek hat ein echtes Original die Welt verlassen. Der Bauernsohn, der nach eigener Aussage aus dem Nichts kam und für den Fußball alles bedeutete. "Wenn im Himmel Fußball gespielt wird, dann ab sofort erfolgreich", twitterte Benedikt Höwedes. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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