Fussball

"Nicht meine eigenen Gedanken"

Von Manuel Schumann
Montag, 11.08.2014 | 10:21 Uhr
Biermann hatte in Erwägung gezogen, ein Psychologie-Studium zu beginnen
© imago

Vor einem Monat nahm sich Andreas Biermann das Leben. Journalist Manuel Schumann traf ihn vor gut dreieinhalb Jahren und erzählt eine Geschichte eines ehemaligen Profis, der den Kampf gegen eine Krankheit verlor, die im Fußball-Geschäft immer noch unterschätzt und verdrängt wird.

Falkensee bei Berlin, 2011. Andreas Biermann steht am Eingang eines Restaurants, bewegt sich nicht, hat die Hände lässig in die Taschen seines dunkelblauen Kapuzenpullis gesteckt und schaut in Richtung Bahnstation. Keine Regung, keinerlei Zeichen von Ungeduld, er steht einfach nur da und wartet. Biermann ist an diesem sonnigen Märznachmittag mit einem Journalisten verabredet, mit dem er zuvor einige Male telefoniert hatte - ein Interviewtermin. Es geht um sein Buch "Rote Karte Depression", dessen Erscheinungstermin kurz bevorsteht. Interviewtermin? Biermann mag das Wort nicht, es klinge "irgendwie zu sehr nach Karla Kolumna", sagt er später mit einem Lächeln.

Ein verschwitzter Mann sucht Blickkontakt, hetzt auf Biermann zu - und stellt sich vor. Er bittet um Entschuldigung und macht für die Verspätung umgehend die Deutsche Bahn verantwortlich. "Kein Problem", erwidert Biermann, und fragt den Journalisten, der schwer atmet und desen Kopf hochrot ist, ob er eine angenehme Fahrt gehabt habe. Der Journalist japst einige Stichworte. Andreas Biermann lacht. Es folgt ein fester Handschlag. "Wie wär's mit 'ner kalten Cola?"

Depressionen im Profifußball: Keine Zeit mehr für Tabus

Der Tag, an dem Andreas Biermann auf einer Pressekonferenz erklärte, er sei schwer krank, ist mittlerweile anderthalb Jahre her. Die Augen geöffnet habe ihm der Suizid Robert Enkes. Nur zwei Tage nach dessen Tod suchte sich Biermann professionelle Hilfe und verbrachte 58 Tage und Nächte in der Depressionsstation des Klinikum Nord in Hamburg-Ochsenzoll. Nun will er anderen Betroffenen Mut machen, sie dazu animieren, sich ebenfalls behandeln zu lassen. Denn die Stoffwechselkrankheit Depression, an der in Deutschland derzeit etwa vier Millionen Menschen leiden, wird noch immer unterschätzt. Manche wissen nicht, dass sie krank sind, andere wiederum trauen sich nicht, mit ihrem Hausarzt über ihr Leiden zu sprechen.

Die Rolle als Aufklärer

Exakt jene Menschen will Andreas Biermann erreichen, sie aufklären, informieren. In Talkshows wie "Beckmann" oder "Lanz" sprach er daher detailliert über seine Selbstmordversuche und die Therapie. Eine Offenheit, die zugleich eine Art Selbstschutz war. "Ich hatte große Angst, die Boulevardmedien würden meine Geschichte zerschreiben und Fakten verzerren - diese Angriffsfläche wollte ich ihnen auf keinen Fall bieten."

In dem weitläufigen Lokal sind, dem Wetter angemessen, nur wenige Tische belegt, aus den Boxen an der Decke schallt dem Gast Formatradio-Musik entegegen. Nach einem kurzen aber intensiven Dialog zum Thema "Berliner Fußballklubs" legt der Journalist das Aufnahmegerät auf den Tisch, zitiert eine Passage aus dem Buch und formuliert die erste Frage, als ihn Andreas Biermann unterbricht und sagt, er fände es angenehmer, wenn man ihn duzte. "Ich bin der Andi."

Der Reporter könnte behaupten, er wisse beinahe alles über Andreas Biermann, schließlich hat er das Buch gelesen, die Pressemitteilungen, sämtliche Interviews und sich zudem mit ehemaligen Weggefährten unterhalten. Recherche pur sozusagen. Dennoch merkt er schnell: Die Zettel, auf denen wunderbar ausformulierte und vermeintlich kenntnissreiche Fragen stehen, sollten schleunigst wieder in der Tasche verschwinden.

"Ich war tatsächlich so naiv"

"Ich habe mir das alles ganz anders vorgestellt", sagt Biermann, während er seinen Finger auf dem Glas kreisen lässt. "Ich war tatsächlich so naiv zu glauben, ich könne nach dem ganzen Brimborium wieder Fußball spielen." Biermann lacht erneut. Er fühle sich gebrandmarkt, ausgeschlossen, irgendwie abgeschrieben. Zwar habe er gewusst, dass das Profigeschäft hart sei, doch derart hart? Pause. "Wer krank ist, fliegt raus - und soll gefälligst nicht wiederkommen".

Dass sein Vertrag beim FC St. Pauli 2010 nicht verlängert wurde und zu jener Zeit sämtliche Klubs abwinkten, zehrt offenbar noch immer an dem Vollblut-Fußballer. "Wie soll ich betroffenen Sportlern heute Mut machen, wenn ebenjene sehen, was mit mir damals passiert ist?" Es ist der einzige Moment in dem zweistündigen Gespräch, in dem er schneller spricht und in seinen Worten Wut zu spüren ist. Immer wieder fallen die Namen einiger DFB-Funktionäre, immer wieder das Wort "Sonntagsreden". Zugleich betont Biermann allerdings, er mache niemandem einen Vorwurf. "Ich bin zunächst einmal für alles selbst verantwortlich", sagt er, während aus den Boxen ein Basslauf dröhnt, auf den Lady Gaga schreit: "Don't hide yourself in regret - Just love yourself and you're set - I'm on the right track, baby - I was born this way."

Morgens und abends Tabletten

Wie lebt Biermann heute mit jener Volkskrankheit, die laut Weltgesundheitsorganisation bis zum Jahr 2020 die weltweit zweithäufigste sein wird? Er sei froh darüber, dass er mittlerweile wisse, was mit ihm los ist. "Ich bin nicht geheilt, sondern nehme morgens und abends meine Tabletten." Antidepressiva, die die Botenstoffe im Gehirn beeinflussen und somit den Alltag der Betroffenen erträglicher und zugleich weniger gefährlich machen. Außerdem geht Andreas Biermann regelmäßig zur Gesprächstherapie. "Das wird wahrscheinlich immer so bleiben, womit ich kein Problem habe, denn solange ich stabil bleibe, ist alles okay."

Sobald die Kellnerin sich dem Tisch nähert, hört Biermann auf zu sprechen, wartet, lächelt - und steigt anschließend exakt an jener Satzstelle ein, an der er wenige Augenblicke zuvor aufgehört hatte. Der Reporter spürt: Ihm sitzt ein Mann gegenüber, der jedes Wort, jede Geste, genau durchdacht hat. Immer wieder überlegt Biermann einige Sekunden, um anschließend auf fast jede Frage eine druckreife Antwort zu geben. Harte Sätze spricht er so aus, als würde er über Selbstverständliches reden. "Jeder, der das Buch gelesen hat, weiß, dass ich mich nicht mag"; "Es fällt mir nach wie vor schwer, mich im Spiegel zu sehen"; "Es ist noch nicht lange her, da war ich überzeugt, ich sei ein Nichts"; "Ich fühlte mich ständig minderwertig".

In der Klinik habe er gelernt, gegen derartige Gedanken zu arbeiten. "Wenn es einem wieder schlecht geht, muss man sich stets vor Augen führen: Diese Gedanken sind nicht deine eigenen, sondern das Symptom der Krankheit." Eine Botschaft, die Biermann in den vergangenen Wochen Hunderte Male weitergetragen hat. Auf seiner Internetseite veröffentlichte er seine Handynummer, "um Leuten, denen es ähnlich geht, eine Anlaufstelle zu bieten". Fast täglich rufen ihn seitdem depressive Menschen an. Es ist offensichtlich: Biermann hat sich damit übernommen. "Ich kann das einfach nicht mehr leisten, tut mir echt leid". In Kürze wolle er seine Handynummer wechseln, um nachts endlich wieder schlafen zu können.

Keinen Kontakt mehr zu Kollegen

Keinerlei Kontakt zu ehemaligen Mitspielern oder Trainern aus seiner Profizeit? Biermann schüttelt den Kopf.. "Die wollen sich wahrscheinlich selbst nicht belasten und wissen vielleicht auch nicht, wie sie mit mir umgehen sollen." Na klar sei er darüber enttäuscht. Wer wäre das nicht? Aber: "Man kann da auch nichts erwarten." Sehr gefreut habe ihn dagegen die Unterstützung aus dem Umfeld Robert Enkes, er spricht von "tollen Menschen" und "hilfreichen Gesprächen".

Wie soll es nun weitergehen? "Mir fällt die Decke auf den Kopf, ich will unbedingt arbeiten." Ihm gehe langsam das Geld aus und er müsse schließlich auch an die Zukunft der Kinder denken. Biermann, der eine Tochter und einen Sohn hat, setzte nach seinem Abitur alles auf die Karte Profifußball. Ein Ass, das ihm auf tragische Weise aus der Hand geglitten ist. "Die Jobsuche ist extrem schwierig, momentan sind wir ratlos."

Biermann sagt, welch starken Halt ihm seine Kinder gäben und erzählt ausführlich eine lustige Alltagssituation. Lachen. Kurzes Schweigen. Wieder ernst: Sein Traum sei es rund um die Uhr an Autos herumzuschrauben. "Aber das geht natürlich nicht, weder aus finanzieller noch aus praktischer Sicht." Alternativ erkundige er sich gerade über ein Pychologie-Studium. "Das könnte etwas werden", sagt Biermann, und bestellt zwei Tassen Kaffee. Er sagt, ihm oder auch anderen Betroffenen würden sich die Sportler eher öffnen als jenen Sportpsychologen, die zurzeit bei vielen Bundesligisten angestellt sind.

Sportpsychologen nur zur Leistungssteigerung

"Derzeit ist es ja in Mode, Sportpsychologen in die Klubs zu schicken, um die Jungs noch mal zu pushen." Mehr komme dabei allerdings nicht herum, kritisiert Biermann. "Derjenige Spieler, der krank ist, wird sich dem Sportpsychologen mit Sicherheit nicht öffnen, weil er befürchtet, anschließend erfährt der Trainer alles." Ein tragisches Beispiel sei Robert Enke, der in der Nationalmannschaft zwar ständig mit DFB-Sportpsychologen zu tun hatte, ebenjene aber nie etwas von seiner Depression merkten. "Es ist traurig, wenn das große Feld der Psycholgie lediglich zur Leistungsteigerung eingesetzt wird." Biermanns Appell: Die Strukturen im Fußball müssten derart verändert werden, dass jeder sich zu seiner Krankheit bekennen kann, und zwar ohne dadurch automatisch seinen Job zu verlieren.

Bis zu 15 Prozent der Patienten mit schweren, wiederkehrenden depressiven Störungen nehmen sich das Leben. Andreas Biermann beschreibt, wie er seinen zweiten Suizidversuch 2009 plante, dass er oft nächtelang im Internet recherchierte und wie froh und erleichtert er war, als er wusste: Wenn es hart auf hart kommt, habe ich eine Ausstiegsoption. Kranke Gedanken, wie er während des Gesprächs einige Male betont. "Wer glaubt, so ein Suizidversuch sei eine Kurzschlussreaktion, der hat keine Ahnung von Depressionen."

Die Perfektion des Schauspiels

Wie so viele an Depression Erkrankte hatte Biermann es perfektioniert, anderen Leuten vorzuspielen, dass es ihm gut geht. Nachdem er beim Pokern - mal wieder - viel Geld verloren hatte und es danach einen heftigen Beziehungstreit gab, war ihm klar: Ich ziehe die Option. Er fuhr in den Baumarkt und kaufte sich ein paar Schläuche, die er später am Auspuff befestigte. "Ich habe mich in den Wagen gesetzt, den Motor gestartet und einfach nur gewartet - stundenlang." Nach einer kurzen Pause der traurige Satz: "Ich habe mich auf den Tod gefreut."

Er sei froh, dass diese düsteren Zeiten mittlerweile vorbei seien. Seit Beginn der Therapie sage er sich immer wieder: "Ich will kein Schauspieler mehr sein, ich will anderen Leuten nichts vormachen - Schluss mit den Geheimnissen und Lügen!"

"Nicht meine eigenen Gedanken"

Die Kellnerin bringt derweil die Rechnung, Andreas Biermann reicht ihr einen Schein, sagt "Stimmt so" und lächelt, als ihn der Reporter verdutzt anschaut und krampfhaft versucht, seine Getränke selbst zu zahlen. "Keine Chance, zu spät, Herr Journalist." Nach einem kurzen Plausch vor der Tür, es geht um irgendeinen Fernsehmoderator, folgt ein lockerer Handschlag und die Verabschiedungsformel: "Mach's gut, wir telefonieren."

Fast dreieinhalb Jahre später, ein Samstagabend im Juli 2014, 0 Uhr: Der Journalist schaltet den Fernseher aus und wirft, während er die Treppe hinaufsteigt, einen letzten Blick auf sein Handy - ein Schock. Auf einer Nachrichtenseite die Überschrift: "Ehemaliger Fußballprofi Andreas Biermann ist tot". Der Reporter geht zu seinem Schreibtisch, überfliegt die E-Mails, die ihm Andreas Biermann seit dem Treffen geschickt hatte, und hört sich parallel noch einmal das Tonband an. Biermann lacht, vorspulen, Biermann spricht über den FC St. Pauli, vorspulen, Biermann sagt: "Die Selbstmordgedanken waren nicht meine eigenen Gedanken, sondern das Symptom der Krankheit."

Wenn Sie oder eine Ihnen nahe stehende Person von Depressionen betroffen sind, wenden Sie sich bitte an die Telefon-Seelsorge unter der Nummer: 0800 111 0 111

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