Von der Europa League in die A-Klasse

Von Jonas Schützeneder
Ex-Profi: Wackers Vitali Matvienko hat eine spannende Vergangenheit
© spox

Ein ungewöhnlicher Kreisligist: Wacker München war in den 1920er Jahren ein Spitzenteam und hat sich mittlerweile als Vorbild für Integration einen Namen gemacht. Zum 111. Jahrestag der Gründung kommt der FC Bayern in den Münchner Süden. SPOX begleitet Wacker auf dem Weg zum großen Highlight. Teil 2: Die Geschichte von Wacker-Keeper Vitali Matvienko.

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Die Krawatte sitzt. Mit weißem Hemd und Sakko, dazu eng geschnittene beige Stoffhose, wirkt Vitali Matvienko gerade mehr wie ein Werkstudent als ein Profi-Torhüter. "Sieht doch gut aus, oder?", meint der gebürtige Georgier mit einem Lächeln. Zusammen mit seinem Teamkollegen will er Bewerbungsfotos machen. Für einen Job als Werkstudent.

Bei Wacker München haben sie dieser Tage genug zu tun. Zum 111. Jahrestag der Vereinsgründung kommt am 11. Juli der FC Bayern zum Vorbereitungsspiel. Mittendrin zwischen Plänen über Fluchtwege, Brandschutz und Kartenverkauf steht Matvienko und lächelt in die Kamera. So wie früher, als er als große Torwart-Hoffnung seines Heimatlandes abgebildet wurde. Das ist gerade einmal fünf Jahre her.

Mit 17 debütierte er als Torwart in Georgiens höchster Liga. In der Hauptstadt Tiflis verdiente er Geld mit Paraden und kämpfte mit seinem Klub um den Einzug in die Europa League. Heute lässt er Bewerbungsfotos von einem Teamkollegen machen. "Das spart Geld", sagt er und lacht wieder. Nach gut zwei Jahren in Deutschland spricht er die Sprache nahezu perfekt, fühlt sich wohl bei Wacker und in München. Und Fußball? "Das spiele ich nur noch zum Spaß."

Keine Angst vor Lewy

Gut 3000 Kilometer, vier Flugstunden, ist Matvienkos Weg von Tiflis nach München lang. Seine Geschichte dazu ist länger. Voll mit Ehrgeiz, kleinen Hindernissen und großen Erfolgen. Der 22-Jährige hätte es sich einfacher machen können. Das wollte er nie. Seine nächste Aufgabe: Lewandowski stoppen.

Teil 1 der Serie: Das ist Wacker München

Als Jugendlicher hat er davon geträumt, einmal in den ganz großen Ligen aufzulaufen. Kaum ist seine kurze Profikarriere vorbei, trifft er als Amateur auf den erfolgreichsten Klub der letzten drei Jahre. Auf den amtierenden Weltpokalsieger. Im Verein spricht jeder über das anstehende Testspiel gegen den FC Bayern.

Drei Tage nach dem Trainingsstart kommen Pep Guardiola und seine Mannschaft (ohne Nationalspieler) nach München-Sendling. Und Matvienko wird besonders gefordert sein. Angst vor Lewy? "Nein, er muss erst mal vorbeikommen!" So schnell macht ihn nichts mehr nervös.

"Überragende Persönlichkeit"

"Vitali ist eine überragende Persönlichkeit. Er hat sich unglaublich schnell integriert und ist sehr beliebt. Als Torhüter sind wir eigentlich einige Ligan zu niedrig für ihn", sagt Wacker-Präsi Marcus Steer über seinen Keeper. Als der Osteuropäer vor zwei Jahren zum ersten Training in München ankam waren Freude und Zweifel eng beieinander.

"Der wird uns nicht lange Freude bereiten", fürchtete Trainer Bernd Klemm. Nicht ohne Grund: Bei zahlreichen höherklassigen Teams in der Stadt könnte der BWL-Student ein ordentliches Taschengeld verdienen. Für Wacker läuft er schließlich umsonst auf.

"Es gab immer wieder Anfragen, aber ich habe alles abgesagt. Ich fühle mich unglaublich wohl bei Wacker. Ohne den Verein hätte ich mich niemals so schnell zurechtgefunden", begründet Matvienko seine Entscheidung. Was er damit konkret meint: Präsi Steer und Teamkollegen helfen bei verschiedenen Formularen, Behörden-Gänge oder so wie jetzt bei einer Bewerbung als Werkstudent eines großen Unternehmens. Typisch Wacker: Integration und Teamgeist gehen vor.

Studium statt Profifußball

Drei Jahre ist es jetzt her, dass sich der Torwart der schwierigen Entscheidung über seine Zukunft stellte. "Es war natürlich nicht einfach. Letztlich habe ich mich für ein Studium entschieden und bisher habe ich es nicht bereut."

Knapp 500 Euro im Monat bekam er in Tiflis. "Für Georgien ist das schon viel Geld, die Topspieler bekommen etwa 5000 im Monat." Dafür einzigartig: die Atmosphäre im Stadion. Auch wenn der durchschnittliche Zuschauerschnitt im unteren vierstelligen Bereich liegt - bei den Traditionsduellen sind es locker 15 000 Zuschauer, die in den maroden Betonschüsseln ihre Mannschaft zum Sieg brüllen.

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