Unterlassene Hilfeleistung

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 18.07.2012 | 14:26 Uhr
FIFA-Boss Sepp Blatter (l.) und FIFA-Exekutivmitglied Dr. Theo Zwanziger
© Getty
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Sepp Blatter musste nur kurz irritiert sein - dann hat sich der Deutsche Fußball-Bund wieder brav eingereiht in das Heer der Claqueure. Der krasse Gegensatz zur zürnenden Liga ist augenscheinlich. Aber warum eigentlich? Der DFB ist mal wieder dabei, eine zumindest kleine Chance zu verspielen.

Und es geht immer so weiter. Am Dienstag hat Joseph S. Blatter seine neue zweigeteilte Ethikkommission vorgestellt. Er hat das in seiner Funktion als Präsident des Weltfußballverbands FIFA erledigt, natürlich. Die will und wird er auch in den nächsten Jahren, womöglich bis 2015 innehaben, natürlich.

Vorstößchen von Niersbach

Vor ein paar Tagen durfte man noch die Hoffnung haben auf eine minimale Chance, dem jahrzehntelangen unsauberen Treiben der FIFA endlich mal gezielt auf die Finger zu schauen. Da war Blatter unter Druck, zumindest so stark, dass er aus der Bedrängnis heraus etwas unbedacht ein Fass aufgemacht hat, dass ihn selbst hätte zerquetschen können.

Die in seiner ihm eigenen verschwurbelten Rhetorik formulierten Andeutungen, bei der Vergabe der WM 2006 nach Deutschland könnte einiges nicht ganz koscher verlaufen sein, würde letztlich ja auf ihn, der die Geschicke der FIFA seit mehr als drei Jahrzehnten in verschiedenen Positionen politisch leitet, zurückfallen. Also ruderte er schnell zurück.

Davor hatte sich der Deutsche Fußball-Bund in Person von Wolfgang Niersbach für seine Verhältnisse einigermaßen kratzbürstig der FIFA und Blatter gegenüber gezeigt. Dem Vorstoß von DFL-Boss Reinhard Rauball, gepaart mit einer eindeutigen Rücktrittsforderung an Blatter, folgte ein mildes Vorstößchen von Niersbach. Aber immerhin.

Gleichstellung mit Guam oder Neukaledonien

Leider hat der DFB seinen Angriffsmodus aber nach nicht einmal 100 Stunden schon wieder verlassen und sich zurückgezogen auf seinen gewohnten Posten als Claqueur. Während die Liga (Rauball, Heribert Bruchhagen, Uli Hoeneß) weiter scharf gegen Blatter und die FIFA schießen, ist der DFB schon wieder windelweich geworden im Umgang mit dem Zürcher Verein.

"Das Wort Rücktritt wird sicherlich keine offizielle Initiative des DFB werden, so anmaßend sollten wir nicht sein", sagt Niersbach jetzt wieder. Der deutsche Fußball Bund als größter Verband im Blatter-Reich FIFA gibt sich wieder devot. Vorstoß? Angriff? War da was?

Man sei nur einer von 209 Mitgliedsverbänden, erzählt Niersbach weiter. Damit hat er Recht. Aber muss sich der DFB gemein machen und auf eine Stufe stellen mit - bei allem Respekt - Guam, Neukaledonien oder den Turks- und Caicosinseln?

Niersbach sollte sich daran erinnern, dass er nicht nur als Präsident einer Vereinigung vorspricht, sondern im Namen von knapp 6,8 Millionen Mitgliedern. Das sollte genügen, um auch mal selbst aktiv zu werden, und nicht erst die "Gesamtstimmung auszuloten", wie er es ausdrückt.

DFB mal wieder zu devot

Blatter hat erneut betont, er werde von sich aus nicht zurücktreten. Wer einen echten Drang nach Aufarbeitung und womöglich sogar Veränderung verspürt, der muss dann zumindest von außen Druck aufbauen.

Wenn es schon kaum eine rechtliche Handhabe gibt, den Selbstbedienungsladen auseinanderzuschrauben, sollte man doch wenigstens seiner moralischen beziehungsweise - Achtung, Zauberwort! - ethischen Verpflichtung nachkommen. Momentan sieht es mal wieder nicht danach aus.

Dabei hat der DFB doch kaum etwas zu befürchten, jedenfalls weniger als Blatter. Mit einer Weltmeisterschaft ist nach den Turnieren 2006 und 2011 in naher bis mittelfristiger Zukunft nicht zu rechnen, als Bittsteller muss der DFB so schnell also nicht mehr auftreten. Seine Abhängigkeit ist derzeit nicht sonderlich groß. Und selbst wenn...

Es wird aber trotzdem wieder auf Zeit gespielt, beschwichtigt, zurückgerudert. So geht alles weiter seinen Gang. Und Sepp Blatter sitzt das bisschen Gegenwind locker aus. Dabei könnte der Fußball durchaus einiges an Hilfeleistung vertragen, gerade von den Großen der Branche.

Der Übeltäter darf wieder "aufräumen"

Dr. Theo Zwanziger ist als DFB-Abgesandter Teil der FIFA-Exekutive. Zwanziger ist seinen Job mit markigen Worten angegangen, er wolle die Vergaben der Weltmeisterschaften 2018 nach Russland und 2022 nach Katar prüfen lassen und gegebenenfalls kippen.

Die erste "Konfrontation" mit Blatter hat er jetzt hinter sich. Er hat zunächst geschwiegen und dann das gesagt: "Aus Sicht der Fifa-Exekutive ist er (Blatter, Anm. d. Red.) absolut tragbar. Der Reformprozess wäre gar nicht weitergegangen ohne ihn."

Jener Reformprozess, der erst nötig wurde, weil Blatter seinen Laden nicht im Griff hatte. Jetzt soll also der Verursacher selbst den Schaden wiedergutmachen.

Mit einer Kommission, die zwei neutrale Vorsitzer, aber dahinter fast ausnahmslos Blatter getreue Mitglieder beherbergt. Wie wunderbar das funktioniert, haben zig andere Aufarbeitungsversuche Blatters schon gezeigt. Nämlich gar nicht.

Zwanziger gewohnt zurückhaltend

Zwanziger habe keinen Auftrag gehabt, Blatters Rücktritt zu fordern. Also geht alles wieder von vorne los.

Der DFB begünstigt mit seinem Verhalten einmal mehr die FIFA-Vorgehensweise und das Gebaren Joseph S. Blatters, das mittlerweile seit 30 Jahren so läuft wie es eben läuft. Kleptokratisch, Ich-bezogen.

Blatter wurde im Herbst 2010 zum Ehrenmitglied beim Deutschen Fußball-Bund, die Ehrennadel nahm er vom damaligen DFB-Präsidenten von Theo Zwanziger in Empfang.

Er trage sie heute noch "mit Stolz", wie Blatter am Dienstag mitteilte. Das wiederum glaubt man ihm gern.

Das ist der Deutsche Fußball Bund

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