Dienstag, 20.12.2011

Tom Dooley im Interview

Team USA: Die deutsche Handschrift

Mit Nationaltrainer Jürgen Klinsmann sollen die USA endlich zu einer Fußball-Macht werden. Die Strategie: deutsches Know-how meets Spieler mit deutschen Wurzeln. Ex-Bundesliga-Profi Tom Dooley, Mitglied in Klinsmanns Trainerstab und Kenner beider Welten, über die Hintergründe.

So ging die USA in Frankreich ins Spiel (0:1): Chandler (Nr. 3), Williams (Nr. 7) und Cherundolo (Nr. 2)
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So ging die USA in Frankreich ins Spiel (0:1): Chandler (Nr. 3), Williams (Nr. 7) und Cherundolo (Nr. 2)

SPOX: Jürgen Klinsmann berief zuletzt Andreas Herzog zu seinem Assistenten. Im Sommer, als er zum neuen Nationalcoach des US-Teams ernannt wurde, hatte er gleich drei Co-Trainer: Martin Vasquez, Tab Ramos und Sie. Seine Idee: eine Art Casting. Wie haben Sie beim Casting abgeschnitten?

Tom Dooley: Es war von vornherein klar, dass Martin Vasquez seine Nummer eins ist. Ich war bei den ersten drei Länderspielen beim A-Team dabei und half aus, darüber hinaus deckte ich den Juniorenbereich ab als Co-Trainer der U 23 und U 20. Wir werden uns zeitnah zusammensetzen und genau meinen Arbeitsbereich definieren. U-20-Trainer Ramos will mich als seinen Assistenten, denkbar ist aber auch, dass ich die U 17 übernehme.

Tom Dooley (l.) mit USA-Nachwuchsboss Claudio Reyna
Tom Dooley (l.) mit USA-Nachwuchsboss Claudio Reyna
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SPOX: Als Deutsch-Amerikaner passen Sie zum eingeschlagenen Kurs. Der US-Verband hat eine deutsche Handschrift mit Klinsmann sowie den langjährigen Ex-Bundesliga-Profis Claudio Reyna als Nachwuchsdirektor und Herzog als Klinsmanns Co-Trainer. Ein Zufall?

Dooley: Ganz und gar nicht. Mittlerweile ist in den USA die Erkenntnis gewachsen, dass sich etwas Grundlegendes verändern muss, um den Anschluss an die Weltspitze wiederherzustellen. Der Aspekt, nicht nur auf gute Spieler zu setzen, sondern ein funktionierendes und taktisch gut geschultes Team aufzubauen, wurde etwas vernachlässigt. Daher ist es logisch, etwas von dem Land zu lernen, das in den letzten Jahren am beständigsten in der Weltspitze vertreten war: Deutschland.

SPOX: Die USA unternimmt seit diesem Jahr verstärkt Anstrengungen, um in Europa Spieler mit amerikanischen Wurzeln zu rekrutieren. Vor allem in Deutschland wurde der Verband fündig. Warum sind deutsch-amerikanische Talente so interessant?

Dooley: Die Ausbildung in Deutschland ist schlicht und ergreifend extrem gut. Nehmen wir die jüngsten Beispiele aus der A-Nationalmannschaft: Fabian Johnson, Daniel Williams, Timothy Chandler und Alfredo Morales. Sie hatten in Deutschland seit der U 15 in der Woche bis zu acht Trainingseinheiten, in den USA bei den Academies sind es maximal drei. Das sind tausende von Stunden auf dem Platz, die die Deutsch-Amerikaner voraus sind. Hinzu kommt die theoretische Grundausbildung - und das nicht nur im klassischen Sinne.

SPOX: Wie meinen Sie das?

Dooley: Im TV sind fast jeden Tag zig Spiele live zu sehen, außerdem kommen die Analysen und Experten-Interviews vor dem Spiel, in der Pause und nach dem Abpfiff.

SPOX: Die "Sportschau" oder der "Doppelpass" bringen bessere Talente hervor?

Dooley: Das ist ein wichtiger Aspekt. Diese theoretische Unterfütterung durch die Präsenz des Fußballs in allen Bereichen fehlt den amerikanischen Talenten. In Deutschland eignet man sich fast schon automatisch ein taktisches Verständnis an, während man sich in den USA außerhalb des Trainings kaum mit Fußball beschäftigen kann. Das spiegelt sich in den Leistungen wieder.

SPOX: Johnson und Williams sind sehr variable Spieler. Eine Eigenschaft, die in den USA selten ist?

Dooley: Ein taktisch gut ausgebildeter Spieler kann auf jeder Position seine Leistung bringen, egal ob als defensiver Mittelfeldspieler oder als Außenverteidiger. Das beweisen Johnson und Williams in Hoffenheim. Chandler gehört ebenfalls dazu, deswegen wollen wir ihn als Linksverteidiger ausprobieren, obwohl er in Nürnberg rechts eingesetzt wird, weil wir keinen geeigneten Linksfuß haben. Man merkt, dass diese taktische Vielseitigkeit in Deutschland eher gefördert wird als in den USA.

SPOX: Auch bei dem zuletzt in Duisburg abgehaltenen Camp für die U 23 und U 20 war der Anteil deutsch-amerikanischer Spieler auffällig.

Dooley: Wir sind in eine Phase, in der wir so viel testen müssen wie möglich. Wir haben die Namen und kennen ihre Positionen und ihre Größe, doch wir wissen noch nicht, wie ein Spieler fußballerisch tickt. Für den US-Verband ist es beispielsweise wichtig zu wissen, welche Typen eher dazu geeignet sind, in einer Qualifikationsrunde gegen eine lateinamerikanische Nation anzutreten oder bei einer WM gegen eine europäische Nation. Da gibt es sehr unterschiedliche Anforderungen, weil der Fußball-Stil sich teils sehr stark unterscheidet. Daher haben wir so viele Spieler wie möglich zum Camp eingeladen.

Jürgen Klinsmanns Karriere in Bildern
Jürgen Klinsmanns Karriere startete 1981 bei den Stuttgarter Kickers. 1984 wechselte er zum Rivalen VfB
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Sein atemberaubender Treffer per Fallrückzieher gegen den FC Bayern wurde 1987 zum Tor des Jahres gewählt
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1988 holte er Bronze bei den Olympischen Spielen in Seoul. Zudem wurde er Deutschlands Fußballer des Jahres
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1989 spielte Klinsmann im UEFA-Cup-Finale gegen den SSC Neapel
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Nach dem verlorenen UEFA-Cup-Endspiel wechselte Klinsi zu Inter Mailand
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Der Wechsel war sichtlich eine Umstellung für den Schwaben...
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...doch die italienische Küche brachte die gute Laune zurück
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1990 ging es nicht in den Sommerurlaub, sondern zur Fußball-WM
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Klinsmann bejubelte gemeinsam mit Lothar Matthäus einen Treffer...
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...aber erst beim Gewinn des WM-Titels war die Freude grenzenlos. Klinsmanns größter Triumph
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...aber erst beim Gewinn des WM-Titels war die Freude grenzenlos. Klinsmanns größter Triumph
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Aber auch mit Inter war er erfolgreich. 1991 holte er mit Andreas Brehme den UEFA-Cup
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1994 dann der Wechsel zum AS Monaco
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Seinem Käfer blieb der gebürtige Göppinger treu...
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...und genoss das warme Klima sichtlich
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Im Sommer 1994 ging der Schwabe zu den Tottenham Hotspurs und kreierte alsbald den "Diver"
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Und natürlich nahm er seinen Käfer mit auf die Insel
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1995 reiste Klinsmann nach Kapstadt. In Südafrika setzte er sich für soziale Projekte ein
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Klinsi bei Madame Tussauds. Sein Wachsfigur-Double schenkte ihm 1995 jedoch wenig Beachtung
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Klinsmann geht zum Entspannen mit seiner Ehefrau Debbie auch mal zu einem Tennisturnier (1996)...
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...um Kraft für die Titeljagd zu sammeln. Klinsmann holte mit Bayern den UEFA-Cup. Den Rekord von 15 Tore im Laufe des Wettbewerbs wurde erst von Radamel Falcao gebrochen
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Unvergesslich: Captain Klinsmann führte die Nationalelf bei der EM 1996 zum Triumph. Der letzte große Titel von Deutschland
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Ein legendärer Moment in Klinsis Karriere: Trapattoni wechselte ihn aus, Klinsmann trat in die Tonne
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1999 war Schluss - beim Abschiedsspiel in Stuttgart flossen Tränen. Danach ging es erstmal nach Amerika
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Mit neuen Erfahrungen aus den USA krempelte er 2004 die deutsche Nationalmannschaft komplett um...
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...und bei der WM 2006 war Deutschland begeistert von Klinsmanns Arbeit
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2008 übernahm er das Ruder des FC Bayern. Zu Beginn lief es eher stockend...
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...doch dann nahmen die Bayern Fahrt auf und beendeten die Bundesliga-Vorrunde mit acht Siegen und zwei Remis
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2009 begann ebenfalls glänzend: 5:1 im Pokal in Stuttgart und die Konkurrenz bekam das große Zittern
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Doch dann kamen die Rückschläge
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Doch dann kamen die Rückschläge
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Nach der 0:1-Niederlage gegen Schalke wurde Klinsmann am 27. April 2009 nach zehn Monaten beim FC Bayern entlassen
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Juli 2011: Jürgen Klinsmann wird neuer Nationaltrainer seiner Wahlheimat USA. Good luck, Klinsi!
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Der Verband und die Fans der USA versprechen sich viel von der Verpflichtung des Weltmeisters von 1990
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Der Verband und die Fans der USA versprechen sich viel von der Verpflichtung des Weltmeisters von 1990
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Das erste Ausrufezeichen gelang dem US-Team im Februar: ein sensationeller 1:0-Sieg in Italien!
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Das erste Ausrufezeichen gelang dem US-Team im Februar: ein sensationeller 1:0-Sieg in Italien!
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SPOX: Wer ist Ihnen besonders aufgefallen?

Dooley: 1860 Münchens Bobby Wood hatte einige sehr gute Trainingseinheiten, Berlins John Anthony Brooks hat sich genauso empfohlen.

SPOX: Das größte deutsch-amerikanische Talent dürfte Shawn Parker sein, deutscher U-19-Nationalstümer des FSV Mainz 05. Welche Argumente hat der US-Verband, um jemanden wie ihn zu überzeugen? Die in Amerika aufgewachsenen Giuseppe Rossi und Neven Subotic entschieden sich bereits anderweitig.

Dooley: Das wichtigste Argument wird sein: Willst du bei Deutschland nur die Nummer 23 sein und auf der Bank sitzen? Oder bei uns in der ersten Elf stehen und eine WM spielen?

SPOX: Der Schalker Jermaine Jones entschied sich aus genau diesem Grund für die USA. Bislang konnte er die Erwartungen aber nicht ganz erfüllen. Warum?

Dooley: Jones kann mit seiner Qualität sehr wichtig werden. Dennoch muss auch er sich durchbeißen. Er kam bei Schalke lange nicht zum Einsatz, deswegen wurde ihm hier und da ein Stammspieler aus der MLS vorgezogen, der sich Woche für Woche beweisen musste und sich so Wettkampfhärte holte. Dass er auf Schalke wieder häufiger spielt, ist ein gutes Zeichen. Seine Klasse ist unbestritten.

Alles zur WM 2014 in Brasilien

Interview: Haruka Gruber

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