Tom Dooley im Interview

Team USA: Die deutsche Handschrift

Von Interview: Haruka Gruber
Dienstag, 20.12.2011 | 15:49 Uhr
So ging die USA in Frankreich ins Spiel (0:1): Chandler (Nr. 3), Williams (Nr. 7) und Cherundolo (Nr. 2)
© Imago
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Mit Nationaltrainer Jürgen Klinsmann sollen die USA endlich zu einer Fußball-Macht werden. Die Strategie: deutsches Know-how meets Spieler mit deutschen Wurzeln. Ex-Bundesliga-Profi Tom Dooley, Mitglied in Klinsmanns Trainerstab und Kenner beider Welten, über die Hintergründe.

SPOX: Jürgen Klinsmann berief zuletzt Andreas Herzog zu seinem Assistenten. Im Sommer, als er zum neuen Nationalcoach des US-Teams ernannt wurde, hatte er gleich drei Co-Trainer: Martin Vasquez, Tab Ramos und Sie. Seine Idee: eine Art Casting. Wie haben Sie beim Casting abgeschnitten?

Tom Dooley: Es war von vornherein klar, dass Martin Vasquez seine Nummer eins ist. Ich war bei den ersten drei Länderspielen beim A-Team dabei und half aus, darüber hinaus deckte ich den Juniorenbereich ab als Co-Trainer der U 23 und U 20. Wir werden uns zeitnah zusammensetzen und genau meinen Arbeitsbereich definieren. U-20-Trainer Ramos will mich als seinen Assistenten, denkbar ist aber auch, dass ich die U 17 übernehme.

SPOX: Als Deutsch-Amerikaner passen Sie zum eingeschlagenen Kurs. Der US-Verband hat eine deutsche Handschrift mit Klinsmann sowie den langjährigen Ex-Bundesliga-Profis Claudio Reyna als Nachwuchsdirektor und Herzog als Klinsmanns Co-Trainer. Ein Zufall?

Dooley: Ganz und gar nicht. Mittlerweile ist in den USA die Erkenntnis gewachsen, dass sich etwas Grundlegendes verändern muss, um den Anschluss an die Weltspitze wiederherzustellen. Der Aspekt, nicht nur auf gute Spieler zu setzen, sondern ein funktionierendes und taktisch gut geschultes Team aufzubauen, wurde etwas vernachlässigt. Daher ist es logisch, etwas von dem Land zu lernen, das in den letzten Jahren am beständigsten in der Weltspitze vertreten war: Deutschland.

SPOX: Die USA unternimmt seit diesem Jahr verstärkt Anstrengungen, um in Europa Spieler mit amerikanischen Wurzeln zu rekrutieren. Vor allem in Deutschland wurde der Verband fündig. Warum sind deutsch-amerikanische Talente so interessant?

Dooley: Die Ausbildung in Deutschland ist schlicht und ergreifend extrem gut. Nehmen wir die jüngsten Beispiele aus der A-Nationalmannschaft: Fabian Johnson, Daniel Williams, Timothy Chandler und Alfredo Morales. Sie hatten in Deutschland seit der U 15 in der Woche bis zu acht Trainingseinheiten, in den USA bei den Academies sind es maximal drei. Das sind tausende von Stunden auf dem Platz, die die Deutsch-Amerikaner voraus sind. Hinzu kommt die theoretische Grundausbildung - und das nicht nur im klassischen Sinne.

SPOX: Wie meinen Sie das?

Dooley: Im TV sind fast jeden Tag zig Spiele live zu sehen, außerdem kommen die Analysen und Experten-Interviews vor dem Spiel, in der Pause und nach dem Abpfiff.

SPOX: Die "Sportschau" oder der "Doppelpass" bringen bessere Talente hervor?

Dooley: Das ist ein wichtiger Aspekt. Diese theoretische Unterfütterung durch die Präsenz des Fußballs in allen Bereichen fehlt den amerikanischen Talenten. In Deutschland eignet man sich fast schon automatisch ein taktisches Verständnis an, während man sich in den USA außerhalb des Trainings kaum mit Fußball beschäftigen kann. Das spiegelt sich in den Leistungen wieder.

SPOX: Johnson und Williams sind sehr variable Spieler. Eine Eigenschaft, die in den USA selten ist?

Dooley: Ein taktisch gut ausgebildeter Spieler kann auf jeder Position seine Leistung bringen, egal ob als defensiver Mittelfeldspieler oder als Außenverteidiger. Das beweisen Johnson und Williams in Hoffenheim. Chandler gehört ebenfalls dazu, deswegen wollen wir ihn als Linksverteidiger ausprobieren, obwohl er in Nürnberg rechts eingesetzt wird, weil wir keinen geeigneten Linksfuß haben. Man merkt, dass diese taktische Vielseitigkeit in Deutschland eher gefördert wird als in den USA.

SPOX: Auch bei dem zuletzt in Duisburg abgehaltenen Camp für die U 23 und U 20 war der Anteil deutsch-amerikanischer Spieler auffällig.

Dooley: Wir sind in eine Phase, in der wir so viel testen müssen wie möglich. Wir haben die Namen und kennen ihre Positionen und ihre Größe, doch wir wissen noch nicht, wie ein Spieler fußballerisch tickt. Für den US-Verband ist es beispielsweise wichtig zu wissen, welche Typen eher dazu geeignet sind, in einer Qualifikationsrunde gegen eine lateinamerikanische Nation anzutreten oder bei einer WM gegen eine europäische Nation. Da gibt es sehr unterschiedliche Anforderungen, weil der Fußball-Stil sich teils sehr stark unterscheidet. Daher haben wir so viele Spieler wie möglich zum Camp eingeladen.

SPOX: Wer ist Ihnen besonders aufgefallen?

Dooley: 1860 Münchens Bobby Wood hatte einige sehr gute Trainingseinheiten, Berlins John Anthony Brooks hat sich genauso empfohlen.

SPOX: Das größte deutsch-amerikanische Talent dürfte Shawn Parker sein, deutscher U-19-Nationalstümer des FSV Mainz 05. Welche Argumente hat der US-Verband, um jemanden wie ihn zu überzeugen? Die in Amerika aufgewachsenen Giuseppe Rossi und Neven Subotic entschieden sich bereits anderweitig.

Dooley: Das wichtigste Argument wird sein: Willst du bei Deutschland nur die Nummer 23 sein und auf der Bank sitzen? Oder bei uns in der ersten Elf stehen und eine WM spielen?

SPOX: Der Schalker Jermaine Jones entschied sich aus genau diesem Grund für die USA. Bislang konnte er die Erwartungen aber nicht ganz erfüllen. Warum?

Dooley: Jones kann mit seiner Qualität sehr wichtig werden. Dennoch muss auch er sich durchbeißen. Er kam bei Schalke lange nicht zum Einsatz, deswegen wurde ihm hier und da ein Stammspieler aus der MLS vorgezogen, der sich Woche für Woche beweisen musste und sich so Wettkampfhärte holte. Dass er auf Schalke wieder häufiger spielt, ist ein gutes Zeichen. Seine Klasse ist unbestritten.

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