"Das Schönste ist doch, normal zu sein"

SID
Donnerstag, 03.11.2011 | 12:01 Uhr
1961 schlug Uwe Seeler ein Angebot von Inter Mailand aus - und damit eine Million Mark
© Getty
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Er gehört zu Hamburg wie der Hafen: Uwe Seeler. An diesem Samstag feiert das HSV-Idol seinen 75. Geburtstag. Seine bescheidene Art, sein Einsatz auf dem Platz und ein "Nein" machten aus dem Fußballer ein Denkmal.

Es regnete, als Uwe Seeler im April 1961 zur Legende wurde. Typisches Hamburger Wetter. Also ging er nach dem Training hastig zu seinem Ford 12 M und fuhr in seiner "blauen Badewanne" die paar Kilometer vom Rothenbaum zum Hotel Atlantic, damals Hamburgs feinste Adresse. In einer Suite im ersten Stock, mit Blick auf die Alster, wartete Helenio Herrera, damals bester Trainer der Welt, schon auf Uwe, damals einer der besten Stürmer der Welt. Herrera wollte Uwe zu Inter Mailand holen. Mit aller Macht.

Eine Million Mark sollte es allein als Prämie für die Vertragsunterschrift geben - das Handgeld lag in einem Aktenkoffer unter dem Tisch. Dazu 500.000 Mark Jahresgehalt netto, eine Villa, ein Auto, die deutsche Schule für die Kinder. "Das Angebot war sensationell", sagt Seeler im vor seinem 75. Geburtstag, "aber Herrera wäre sicher noch höher gegangen." Er hätte nur seinen Namen kritzeln müssen und wäre ein gemachter Mann gewesen, mit 25 Jahren. Zwei Tage lang wurde verhandelt - doch am Ende schüttelte Uwe den Kopf und schickte den Mann mit dem schicken italienischen Anzug und dem Geldkoffer nach Hause.

Uns Uwe als nationales Vorbild

Hamburg stand kopf, Deutschland feierte Seeler. Den Star, der allen gehörte. Den man anfassen konnte. Der auf traumhaften Reichtum verzichtete und damit zum Idol aufstieg. Uns Uwe war jetzt nationales Eigentum, Vorbild und moralischer Kompass. "Beim HSV habe ich nur einen Bruchteil von dem verdient, was ich in Mailand bekommen hätte. Aber wer weiß, ob ich glücklich geworden wäre", sagt Seeler. "Mehr als ein Steak am Tag kann man nicht essen. Und wenn ich heute Bilanz ziehe, war diese Entscheidung goldrichtig."

Zwischen 1953 und 1972 verbreitete sein Name bei den gegnerischen Abwehrspielern Angst und Schrecken. Er war nicht elegant, aber er hatte unendliche Kraft. Uwe krempelte die Ärmel hoch, er arbeitete Fußball, er kämpfte, wühlte, biss, wollte. Er warf sich in den Dreck und verkörperte die Werte der jungen Bundesrepublik nach dem Krieg - Einsatz, Fleiß und ehrliche Arbeit. Was für die deutsche Industrie das Made in Germany war, das war Uwe für den deutschen Fußball. Dafür lieben sie ihn noch heute.

"Das Schönste is doch, normal zu sein"

"Warum hätte ich abheben sollen? Nur weil ich ein bisschen besser kicken konnte?", sagt Seeler, "so bin ich nicht erzogen worden." Uwes Art ist das direkte Ergebnis der Lehren seines Vaters Erwin. Der war Schutenfüher im Hafen, ein Knochenjob, und predigte die Dreifaltigkeit im Hause Seeler: Bleib anständig, arbeite hart und respektiere deine Mitmenschen! Es gibt kein Gespräch mit Uwe, in dem er nicht davon erzählt. "Das Schönste ist doch, normal zu sein", sagt er.

Und das ist er - erfrischend normal. Seit 52 Jahren ist er ohne Skandale mit seiner geliebten Ilka verheiratet, er fuhr nie die größten Autos und schätzt Steckrübeneintopf, Kartoffelsuppe und Grünkohl. "Uwe ist der liebenswürdigste und hilfsbereiteste Mensch, den ich kenne. Er ist das Gegenteil von kleinkariert, mein Vorbild in vielen Dingen", sagt Franz Beckenbauer über seinen Freund. Seit 1958 wohnt Seeler im selben Bungalow in Ochsenzoll. Trägt er Hut, greift er zum Elbsegler, der proletarisch angehauchten Kopfbedeckung für Hanseaten, weniger fein als die Prinz-Heinrich-Mütze, die Wahl des Altkanzlers Helmut Schmidt.

Ehre, wem Ehre gebührt

Uwe wird mit Sympathie fast zugeschüttet. Ein kleiner Auszug seiner Ehrungen und Verdienste: als erster Sportler überhaupt erhielt er das große Bundesverdienstkreuz, er ist Hamburger Ehrenbürger, Ehrenspielführer der Nationalmannschaft, war dreimal Fußballer des Jahres und erster Bundesliga-Torschützenkönig, ist Ehrenkommissar der Polizei Hamburg, Goldener Rathausmann von Wien, Ehren-Schleusenwärter in Hamburg, Ehrenkapitän der Rickmer Rickmers. Vor dem Hamburger Stadion steht sein rechter Fuß, in Bronze gegossen und vier Tonnen schwer.

Trotz seiner unzähligen Tore für den HSV und die Nationalmannschaft bleiben besonders zwei Spiele für immer mit Uwe Seeler verbunden. Nur sechs Monate nach einem Achillessehnenriss im Februar 1965 schoss der Dicke Deutschland gegen Schweden (2:1) zur WM nach England. Und bei der WM in Mexiko 1970 erzielte er seinen legendärsten Treffer - gegen England mit dem Hinterkopf. "Meine tollen Locken sorgten für die richtige Richtung des Balles", sagt Seeler und lacht. Weltmeister wurde er dennoch nicht, wie 1966, als er im sagenumwobenen Finale gegen England auf dem Platz stand.

Der eine Makel: Präsident beim HSV

Nur einmal traf Uns Uwe eine unglückliche Entscheidung, als er sich 1995 zum Präsidenten seines HSV wählen ließ. Finanzskandale und sportliche Misserfolge kratzten an seinem bis dahin makellosen Image. Enttäuscht von alten Weggefährten trat er 1998 zurück.

Als Fehler bezeichnet er seine Entscheidung rückblickend nicht, selbstverständlich auch nicht seine Absage an Herrera - obwohl er während seiner ganzen Fußballer-Karriere immer nebenher gearbeitet hat. Morgens um sieben klingelte der Wecker, um halb acht ging er aus dem Haus und auf Achse - erst als Verkäufer für einen Baustoffgroßhandel und Vertreter für eine Süßwarenfirma, später dann für einen großen Sportartikelhersteller.

80.000 Kilometer pro Jahr war er unterwegs. Wenn Uwe auswärts gespielt hatte und erst am nächsten Morgen nach einer langen Eisenbahnfahrt zurückkam, stand seine Ilka schon mit der Aktentasche am Bahnhof. Am 1. Mai 1972 endete die große Laufbahn von Uns Uwe. Am Tag der Arbeit.

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