Der Mythos lebt

Vierzig Jahre Gladbacher Büchsenwurf

SID
Donnerstag, 20.10.2011 | 13:53 Uhr
Gladbach - Inter: 7:1. Ein Inter-Spieler geht durch eine Büchse, die ein Fan warf, zu Boden
© Imago
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Vor genau 40 Jahren schoss Borussia Mönchengladbach Inter Mailand am Bökelberg kurz und klein. 7:1 hieß es nach 90 Minuten. Doch das Ergebnis wurde anulliert, das Spiel wiederholt und die Fohlen schieden aus. Schuld daran war eine Getränkedose, die aus der Gladbacher Fanecke kam und Inters Roberto Boninsegna angeblich schwer verletzte.

Irgendwas stimmt nicht mit dieser Dose. Vierzig Jahre alt, und sieht aus, als sei sie gerade erst frisch in den Ausgabeschacht eines Automaten gerutscht. Dabei hat sie - angeblich - einiges hinter sich: im hohen Bogen an den Kopf von Roberto Boninsegna geflogen, eine Ohnmacht und eine monströse Beule ausgelöst, beides aber nur bezeugt durch Boninsegna. Dann von Luggi Müller über den Rasen am Bökelberg getreten, der bei dieser Gelegenheit feststellte, dass sie leer und nicht voll war.

Die Cola-Dose steht seit einigen Jahren im kleinen Klub-Museum von Vitesse Arnheim; eine Leihgabe des niederländischen Schiedsrichters Jef Dorpmans, der am 20. Oktober 1971 eines der legendärsten Spiele der Fußball-Geschichte leitete. Borussia Mönchengladbach gegen Inter Mailand, Achtelfinal-Hinspiel im Meisterpokal.

Betrogen um die größte Nacht

Kurz die Chronologie: Spielstand 2:1, Büchsenwurf, Mailands Stürmerstar auf Trage vom Platz, Gladbach gewinnt 7:1. Rückspiel in Mailand 2:4, Wiederholung des Hinspiels in Berlin 0:0. Weisweilers Fohlen waren um ihre größte Nacht betrogen - niemand in Deutschland bezweifelt, dass Boninsegna eine Schmieren-Tragödie gespielt hat.

Obwohl ja nicht selbstverständlich ist, dass der Inter-Star - Schütze des 1:1-Ausgleichs - so früh die Gelegenheit zum Abgang nutzen würde. Allenfalls vorsorglich, so deutete es Günter Netzer später, weil jeder gespürt habe, dass Gladbach die alternden Inter-Abwehrkünstler hinwegfegen würde.

Protagonisten in Mantua und Oberhaching aufgespürt

Jef Dorpmans, inzwischen 86-Jährig, wirkt fast so alterslos wie die Dose, die ihm ein Polizist an jenem Abend in die Hand drückte. Befragt nach der Schwere von Boninsegnas Verletzungen, bekommt er einen ansteckenden Lachanfall: Bei Italienern war in jener Zeit immer mit Schauspieleinlagen zu rechnen. Aber wer wollte das beweisen?

Aufgespürt hat Dorpmans gerade der Westdeutsche Rundfunk (WDR) für eine Reportage, und die anderen Hauptdarsteller gleich dazu: Boninsegna, 67 Jahre, in hellem Tuch gewandet auf einem eleganten Platz in Mantua, und seinen Gegenspieler Luggi Müller, 70 Jahre, drahtig und immer noch erbittert, in der Sportschule Oberhaching.

Blog: Der Büchsenwurf vom Bökelberg

"Ihr Deutschen wollt mir sowieso nicht glauben", sagt Boninsegna, der interessanterweise von "15 bis 20 Sekunden Ohnmacht" auf dem Platz spricht; damals war von 10 bis 15 Minuten die Rede, absolviert in der Kabine. Luggi Müller trägt seine Sicht vor, wie schon oft: der Treffer war an der Schulter, die Dose leer, der Rest Theater.

Nein, an der Sache stimmte so einiges nicht, hinten und vorne. Doch mit dem Abstand von 40 Jahren präsentiert sich einer der stärksten Mythen des deutschen Sports, von dem Borussia Mönchengladbach wohl bis heute zehrt. Wer damals dem offensiven Charme der Gladbacher noch nicht erlegen war, wurde spätestens jetzt zum glühenden Fan der Mannschaft, der dunkle Mächte so grausam mitgespielt hatten - bei allem Unglück ein Sympathieschub sondergleichen.

Reportage endet mit bitterer Fußnote

Verstärkt wurde dieser Effekt durch den Umstand, dass nur die 28.000 Zuschauer im Stadion das Spiel gesehen hatten: die Verhandlungen über eine Live-Übertragung waren an der Frage gescheitert, wer die fällige Mehrwertsteuer tragen würde.

So gibt es nur einige Filmaufnahmen der je zwei Tore von Heynckes, Le Fevre und Netzer sowie des Elfmeters von Sieloff. Ohne die Passagen dazwischen erzählt sich so ein Spiel schnell zum grandiosesten Fußballrausch aller Zeiten.

Die gescheiterte Live-Übertragung 1971 wirkt beim WDR womöglich noch immer nach, deshalb die aufwendige Recherche. Die Reportage endet, wie die wahre Geschichte, mit einer bitteren, ja bösen Fußnote. Kurz vor Ende des Wiederholungsspieles in Berlin gab es einen üblen Zweikampf zwischen Boninsegna und Luggi Müller. "Er wollte mir wohl das Bein brechen", sagt der Italiener heute. Tatsächlich wurde damals Müller vom Platz getragen, mit gebrochenem Bein.

Borussia Mönchengladbach im Steckbrief

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