Fussball

Philip Albrecht: Hilfe für die Helfenden

Von Walandi Tsantiridis
Philip Albrecht hilft nach seinem verletzungsbedingten Karrireende anderen Leistungssportlern
© Getty

Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst. Längst beherrschen diese Worte auch die Sport-Welt. Jeder vierte Fußballprofi ist nach dem Ende seiner Karriere pleite. Ex-Fußball-Profi Philip Albrecht zeigt bei der Studien- und Weiterbildungsbegleitung für Leistungssportler Wege auf, sich rechtzeitig auf sein Karriereende vorzubereiten.

Sommerzeit ist Vorbereitungszeit. Einige Fußballer bleiben bei diesem jährlichen Turnus auf der Strecke. Sie sind arbeitslos, finden keinen neuen Verein. Ein Problem, dass viele unterschätzen.

"20 bis 25 Prozent der Spieler sind am Ende ihrer Karriere pleite oder überschuldet", sagte VdV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky, "sie wissen, dass sie auf eine Wand zurasen. Aber sie bremsen nicht."

Am Ende seien die Spieler von Staatsleistungen oder ihrer Frau abhängig. Baranowsky: "Deshalb raten wir: Keine teuren Autos, sondern lieber Bildung. Irgendwann kommt der Tag X. Jeder weiß, dass jedes Foul den Tag X bedeuten kann."

So erging es Philip Albrecht. Im März 2006 mit damals 25 Jahren war die Profikarriere bereits wieder beendet. "Nach einem Trainingsunfall wurde ein Knorpelschaden am Knie bei mir festgestellt. Die Operationen konnten auch nichts am Karriereende ändern", sagt Albrecht im Gespräch mit SPOX.

In Erinnerung bleibt Albrecht die Einwechslung im Bundesliga-Spiel gegen Werder Bremen in der Saison 2001/2002 und das Erstrunden-Aus im DFB-Pokal in der darauffolgenden Saison mit der Amateur-Mannschaft vom FC St. Pauli gegen Eintracht Frankfurt, als der Oberligist erst in der 119. Minute das entscheidende 0:1 kassierte.

"Mein Traum ist geplatzt"

"Mein Traum ist damals geplatzt", so Albrecht. So sehr eine Welt für ihn zusammenbrach, das plötzliche Karrieende war auch eine Chance für Albrecht. Früh bereitete er sich auf das Leben nach der Fußballerkarriere vor.

"Mein Vordiplom hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits in der Tasche. Den Grundstein für meine Zukunft hatte ich demnach bereits gelegt, um nach der Verletzung nicht ins Bodenlose zu stürzen", sagt Albrecht. Das Studium als Diplom-Kaufmann schloss er erfolgreich im September 2008 ab.

Mittlerweile zeigt Albrecht Leistungssportlern Möglichkeiten auf, sich bereits während der Profi-Karriere weiterzubilden. Seit März 2009 arbeitet Albrecht selbstständig als "Studien- und Weiterbildungsbegleitung für Leistungssportler".

"Praktisch läuft es in drei Schritten ab. Wir erstellen einen Profilbogen, bei dem wir den Bildungsstand analysieren - welche schulische Ausbildung der Sportler hat, welche Zeit er investieren möchte, in welche Fachrichtung er gehen möchte und welche Kosten er auf sich nehmen möchte. Nach der Analyse suchen wir im zweiten Schritt passende Weiterbildungsmaßnahmen heraus. Im letzten Schritt entscheidet der Sportler schlussendlich selbst über die konkrete Aus- oder Weiterbildungsmaßnahme."

Vereine vernachlässigen Fürsorgepflicht gegenüber Spielern

Als oberstes Ziel setzt die Studien- und Weiterbildungsbegleitung für Leistungssportler bei der Förderung der Persönlichkeitsentwicklung an. Ein Credo, das sich der DFB als oberste Leitlinie in der Ausbildungskonzeption "Persönlichkeitsförderung" junger Fußballer auf die Fahnen geschrieben hat:

"Spielerinnen und Spieler ganzheitlich auszubilden bedeutet:

1. sie nicht nur auf den Fußball, sondern auch auf das Leben vorzubereiten

2. die Entwicklung von Eigenverantwortlichkeit und Eigeninitiative".

Verbandsinteresse ist jedoch nicht mit Vereinsinteresse gleichzusetzen. Daher fordert Albrecht die Vereine zur Initiative auf.

"Die Fürsorgepflicht liegt auch bei den Vereinen. Die meisten Klubs interessieren sich jedoch nicht für diese Entwicklungen. Der Spieler steht maximal drei oder vier Jahre unter Vertrag. Dann hat man mit ihm nichts mehr zu tun. Natürlich gibt es auch positive Beispiele in der Bundesliga, aber vor allem Spieler in der 2. oder 3. Liga bekommen kaum Unterstützung."

Training, Massage - und abends Playstation

Dabei leidet laut Albrecht auch bei kompletter Beschränkung auf den Sport die sportliche Leistung: "Ich habe an mir selbst gemerkt, dass sich die eigene Wahrnehmung komplett einschränkt. Training, Massage, Medientermine, und abends spielen viele nur Playstation oder sitzen vor dem Fernseher. Meine Leistung hat darunter eher gelitten. Natürlich darf der Sport - also der Beruf - nicht darunter leiden, aber sich nebenbei fortbilden schadet nicht - ganz im Gegenteil."

Die VDV ist sich dieser Problematik bewusst. In der Sommerpause bereiteten sich 20 Profis im Trainingslager der VDV vor. Neben körperlicher Vorbereitung konnten die Spieler auf psychologische und seelsorgerische Unterstützung bei den Trainingscamps zurückgreifen.

Arbeitslose Fußballer - ein europaweites Phänomen

Im Ausland ist die Situation noch prekärer. Vor Beginn der Saison hatten in Frankreich 163 Profi-Fußballern keinen Job. "Normal sind sonst zu dieser Jahreszeit im September um die 100 arbeitslose Profis", erklärte der Pressesprecher der französischen Spielergewerkschaft UNFP Stéphane Saint-Raymond.

Auch Österreich meldet sein eigenes Cordoba im Fußball-Arbeitsmarkt. Hier sind knapp ein Drittel der Profis arbeitslos gemeldet. Laut Fußball-Gewerkschaftler Rudolf Novotny gibt es den hohen Prozentsatz bereits seit Jahren.

In Italien meldet die Spielergewerkschaft AIC über 200 arbeitslose Fußballer. Sergio Campana, der Präsident der Fußballergewerkschaft, fordert daher eine Reduzierung der Anzahl ausländischer Spieler.

Zu beschränken ist diese Entwicklung jedoch nicht nur auf Fußballer. "Ich habe schon mit Handballern, Eishockey-Spielern und Boxern zusammengearbeitet. Dabei ging es nicht nur um ein paralleles Studium. Auch bei Weiterbildungsangeboten und Schulabschlüssen habe ich sie unterstützt", sagt Albrecht, der auch als Dozent im kaufmännischen Bereich arbeitet.

Er fordert die Profi-Sportler auf, selbstständig Wege zu suchen, um die Gefahr der späteren Arbeitslosigkeit einzuschränken: "Das Problem liegt darin: Wenn du einmal aus dem Karussell rausfällst, dann gibt es kaum einen Weg zurück ins Profi-Geschäft."

Philip Albrecht im Steckbrief

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