"Thomas sind etliche Szenen saupeinlich"

Von Interview: Haruka Gruber
Dienstag, 26.07.2011 | 15:58 Uhr
Regisseur Aljoscha Pause (r.) mit seinem "Projekt" Thomas Broich
© Aljoscha Pause
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8 Jahre, 2 Freunde, 1 Mammutprojekt: Ex-Bundesliga-Profi Thomas Broich unternahm eine cineastische Reise zu seinen beiden Seelen. Grimme-Preisträger Aljoscha Pause begleitete seit den Anfängen Broichs Karriere und erzählt die Geschichte eines Mannes, der als großes Talent anfing und erst in Australien sein Glück fand. Am Donnerstag startet in den Kinos "Tom meets Zizou - Kein Sommermärchen". Pause über das melodramatische Happyend und die Grenzen des Sportjournalismus.

SPOX: Sie haben acht Jahre an 'Tom meets Zizou' gearbeitet. Spüren Sie seit dem Drehende eine gewisse Leere? Oder Erleichterung, dass das Mammutprojekt abgeschlossen ist?

Aljoscha Pause: Eher Erleichterung. So sehr mir der Thomas ans Herz gewachsen ist und so sehr ich mit dem Projekt gelebt und gelitten habe: Gott sei Dank ist das Ding durch. Wobei: So richtig abschließen konnte ich es noch nicht, weil ich mit der Kino-Veröffentlichung und dem Verleih alle Hände voll zu tun habe. Von daher bin ich noch weit entfernt von einem Broich-Entzug.

SPOX: Sie begleiteten so nah und so lange wie noch kein Filmemacher zuvor die Karriere eines Fußballers. Wie kam es, dass die Dreharbeiten von 2003 bis 2011 gingen, obwohl sie ursprünglich mit der WM 2006 enden sollten?

Pause: Das stimmt nur bedingt. Viele glauben, dass ich den Weg eines aufstrebenden Talents erzählen wollte, der bei der WM 2006 das eigene Land rockt und zum Star wird. Wir hätten das gerne mitgenommen, das gebe ich zu. Aber es war nie unser Ziel, eine lineare Erfolgsgeschichte nachzuzeichnen. Wir wollten wirklich hinter die Kulissen schauen. Wir wollten keine Storyboards, keine stilisierten Poster-Bilder und keine Dokusoap-mäßig ausgeleuchtete Pseudo-Authentizität. Es war eine Kernidee des Films, dass wir uns immer fragen: Was passiert jetzt? Wir haben uns auf ein Abenteuer eingelassen - und so kamen die acht Jahre zusammen.

SPOX: Gab es in der Zeit Zweifel, ob der Film nicht zum Scheitern verurteilt ist?

Pause: Im Grunde nicht, Thomas' Entwicklung war so spannend, dass man immer dranbleiben wollte. Es gab jedoch auch Tiefen. In der Phase 2006, 2007, als es in Thomas' Karriere und Privatleben keine großen Veränderungen gab, habe ich schon überlegt, wie man den Film sinnvoll zu Ende bringen kann. Richtiggehend Sorgen machte ich mir, als es Thomas zu seiner Zeit in Nürnberg richtig schlecht ging. Da fragt man sich selbst: Was machen wir hier überhaupt?

SPOX: Broich spricht selbst davon, dass er in Nürnberg Symptome einer Depression bei sich festgestellt hat.

Pause: Thomas fasste im Frühjahr 2010 den Entschluss: Ich muss raus aus Deutschland, ich hau ab nach Australien. Damals wussten wir nicht, ob es erfolgreich wird. Aber das war ihm total egal, weil er endlich den Ausstieg aus der Bundesliga schaffen wollte. Deswegen stand für mich sofort fest, dass der Wechsel nach Brisbane der perfekte Endpunkt für den Film ist. Dass es zu so einem melodramatischen Happyend kommt, konnten wir nicht ahnen.

SPOX: Broich führte Brisbane nach einem dramatischen Playoff-Finale zur Meisterschaft und wurde selbst zum zweitbesten Spieler der australischen Liga gewählt. Der Großteil des Films handelt jedoch von seinen sportlichen und menschlichen Krisen. Gab es von seiner Seite aus nie Bestrebungen, das Projekt zu beenden?

Pause: Das Schöne war, dass Thomas einen intellektuellen Background hat und von Anfang an die Einsicht hatte, dass ein gewisses Durchhaltevermögen nötig und es auf gut deutsch scheiße gewesen wäre, einfach abzubrechen. Aber klar: Thomas hatte nicht immer gleich viel Bock auf das Projekt. Gerade als er merkte, dass es mit ihm den Bach runtergeht, kamen Zweifel auf: Mag ich das? Will ich, dass meine Karriere und die Probleme so explizit herausgehoben werden? Im Nachhinein freut sich Thomas sehr über den Film, weil er ihm geholfen hat, vieles zu verarbeiten. Er sagt jedoch auch, dass ihm etliche Szenen saupeinlich sind.

Broich im SPOX-Interview: "Zu wenig aus meinem Talent gemacht"

SPOX: Sie zeigen nicht nur Broichs positive Seite, sondern auch seine Eitelkeit, seinen Übermut, sein teils kindisches Verhalten. Waren Sie in den acht Jahren auch mal genervt von ihm?

Pause: Genervt nicht. Ich konnte viele Sachen ja auch bis zum gewissen Grad nachvollziehen. Es gibt die Episode im Film, bei der Thomas zu seiner Zeit in Köln trotz einer schweren Verletzung aus dem Krankenhaus ausbüchst und feiern geht. Das beschreibt er im Film selber als total pubertär, als Ausdruck seines starken Wunsches, irgendwie cool zu sein. Vor der Öffentlichkeit, vor den Freunden, vor sich selbst. Das Faszinierende an Thomas ist allerdings, dass ihm zwei Seelen innewohnen. Die eine Seele wusste immer, was gut für ihn ist, und hat im Zweifel das Steuer übernommen.

SPOX: Spiegeln sich die zwei Seelen in seinen Augen wider? Äußerlich hat er sich über die Jahre kaum verändert, aber sein Blick unterscheidet sich.

Pause: Das ist eine Beobachtung, die ich auch gemacht habe. Seine Augen, sein Blick: Er hat wirklich zwei Gesichter. Das eine ist melancholisch, fast schüchtern, nachdenklich, verletzlich, zurückhaltend. Das andere ist richtig kess, angriffslustig, humorvoll, teils überheblich. Er schwankt immer zwischen beiden Extremen - und das spiegelt sich in seinen Augen wider.

SPOX: Broich interessiert sich für Kunst und stieß in der Fußball-Welt auf Unverständnis. Sie interessieren sich für Fußball - und stießen damit in der Kunst-Welt auf Unverständnis. Ihr Vater ist Rainer Pause, ein bekannter Kabarettist, Regisseur und Gründer des renommierten Kleinkunsttheaters "Pantheon". Gibt es Parallelen zwischen Broich und Ihnen?

Pause: Mein Vater ist ein absolut verständnisvoller Mensch, der mich bei allem unterstützt hat. Aber vielleicht gibt es wirklich eine kleine Parallele. Ich bin in einem kreativen Umfeld aufgewachsen und ich verbrachte schon als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit der deutschen Kabarett-Elite. Ich wurde natürlich mit dem Alter immer häufiger gefragt, ob ich denn in die Fußstapfen meines Vaters treten möchte. Das hat mich gehörig unter Druck gesetzt und ich musste mich erst einmal freischwimmen, weil ich für mich selbst wusste, dass ich einfach nicht auf die Bühne gehöre.

SPOX: Und dann kam der Fußball, so wie Broich die Kunst als Möglichkeit der Emanzipation nutzte?

Pause: Fußball war mein Ding. Ich hatte nie eine klassische Initiation, indem mich mein Onkel ins Stadion mitgenommen oder mir der Opa ein Trikot seines Lieblingsklubs geschenkt hat. Zuhause war Kabarett und die politische Denke der 70er allgegenwärtig - und dann komm ich mit dem Fußball an und schlage so aus der Art. Es tat mir auf jeden Fall gut.

SPOX: Mittlerweile gehören Sie zu den bekanntesten Sport-Filmemachern Deutschlands. Für Ihre Dokumentationen über Homosexualität im Fußball wurden Sie sogar mit dem Grimme-Preis bedacht. Dass diese jedoch auf Sport1 beziehungsweise DSF liefen, wirkt kurios. Wie kam es?

Pause: Sport1 steht nicht im Verdacht, permanent und unablässig sozialkritisch gefärbte Dokumentationen zu zeigen, richtig. Aber: Es hat nichts damit zu tun, dass die Redakteure ach so oberflächlich wären. Es gibt leider viele Zwänge im gesamten Sport-Journalismus. Ich habe ja auch für Premiere oder ran gearbeitet. Letztlich ist es im Sport überall ähnlich. Und das soll keine Kollegenschelte sein. Auch die ARD-Sportschau ist handwerklich sehr gut gemacht - aber letztlich nicht weniger boulevardesk als es ran damals war.

SPOX: Ihre Dokumentationen hätten aber im Öffentlich-Rechtlichen besser gepasst, könnte man meinen.

Pause: Sport1 gab mir die Möglichkeit, die Öffentlich-Rechtlichen nicht. Ohne die Rundfunkanstalt zu nennen: Ich habe dieser das gleiche Thema angeboten, daraufhin kam die Antwort: 'Ja, Herr Pause, wir können das gerne machen. Aber nur, wenn Sie uns zwei Bundesliga-Spieler bringen, die sich vor der Kamera outen.' Das war jedoch nicht einmal ansatzweise die Intention der Filme. Sport1 hingegen ließ mir freie Hand. Ein Sender, der sonst gegen Sexismus nicht unbedingt etwas einzuwenden hat, um das vorsichtig auszudrücken. Im Nachhinein haben sogar Vertreter aus der schwul-lesbischen Aktivistenszene gesagt, dass der Film bei Sport1 bestens aufgehoben war, weil es auf das richtige Publikum abgezielt hat.

SPOX: Was steht nun nach der Homosexualitäts-Trilogie und 'Tom meets Zizou' für Sie an? Welchen Fußballer würden Sie gerne als nächstes porträtieren?

Pause: Es gibt einen nächsten Film. Aber das ist noch nicht spruchreif. Losgelöst von Projekten: Ich finde klare, etwas archaische und kämpferische Typen wie Oliver Kahn imponierend. Und er ist ein richtig netter Kerl. Fast am spannendsten finde ich aber Leute wie Michael Oenning, dem als Freund und Trainer von Thomas Broich auch in 'Tom meets Zizou' keine unwichtige Rolle zukommt.

SPOX: Wirklich Michael Oenning, die vermeintlich kleine Trainer-Lösung des Hamburger SV?

Pause: Die Bundesliga braucht viel mehr Typen wie ihn. Es gibt ja die moderne Welle mit den Klopps und Tuchels, Oenning hingegen bringt eine andere Farbe rein. Er weiß ganz viel vom Fußball, hat gleichzeitig dennoch den Blick für das große Ganze - und kann im Gegensatz zu Thomas Broich das innere Gleichgewicht halten. Thomas ist unter anderem daran gescheitert, dass er nicht damit klarkam, wie das Fußball-Geschäft funktioniert. Oenning weiß auch, was alles im Argen liegt. Er schafft es jedoch, sich damit zu arrangieren, ohne sich zu verkaufen.

Thomas Broich im Steckbrief

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