Absturz aus dem Fußball-Himmel

Von Felix Götz
Dienstag, 12.04.2011 | 18:07 Uhr
Der SSV Ulm 1846 spielte in der Saison 1999/2000 in der Bundesliga
© Getty
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Es war ein Fußball-Märchen. Nach zwei Aufstiegen in Folge fand sich der SSV Ulm 1999 in der Bundesliga wieder. Der Verein hatte zwar keinen bundesligatauglichen Kader, sorgte aber für Furore. Mit SPOX erinnert sich der damalige Trainer Martin Andermatt an vier Platzverweise für sein Team in einem Spiel, eine historische Heimklatsche, überlaufende Fans und einen beispiellosen Absturz. Denn: Nur zwei Jahre später fanden sich die Spatzen in der Verbandsliga wieder.

Als Berti Vogts vor ein paar Jahren bei einem Bundesligarückblick im TV eine Spielszene des SSV Ulm 1846 gezeigt wurde, war er baff: "Ulm hat in der Bundesliga gespielt? Wollt ihr mich verarschen?" Nein, das wollte niemand. Ulm hat tatsächlich ein einjähriges Gastspiel in der Bundesliga gegeben - in der Saison 1999/2000. Wie Vogts wird die Ulmer so mancher vergessen haben.

Kein Wunder: Der SSV spielt aktuell in der Regionalliga Süd, im Dezember wurde ein Insolvenzverfahren eröffnet. Die Spatzen stehen damit als Absteiger fest und starten in der kommenden Saison einen Neuanfang in der Oberliga. Eine Insolvenz ist für den Chaos-Klub von der Donau nichts Neues, schließlich legten die Ulmer den größten Absturz in der deutschen Fußball-Geschichte hin.

Vier Klassen runter - in zwei Jahren

Innerhalb von zwei Jahren gelang den Schwaben einst der Durchmarsch von der Regionalliga Süd in die Bundesliga. Nur zwei weitere Jahre benötigten die Ulmer, um 2001 im Sturzflug schließlich völlig pleite in der Verbandsliga zu landen.

Besonders das Jahr im Oberhaus hatte es in sich. Trainer war damals Martin Andermatt. Gemeinsam mit SPOX erinnert sich der Schweizer an seine verrückte Zeit in Ulm.

März 1999: Aufsteiger Ulm steht in der zweiten Liga auf Rang fünf, Trainer Ralf Rangnick zieht es zum VfB Stuttgart. Der damals erst 38-jährige Andermatt übernimmt - mit vier Punkten Rückstand auf die Aufstiegsplätze.

Andermatt: "Ich kam damals als Nobody nach Ulm und fand eine Mannschaft vor, die als solche funktionierte. Rangnick hat im Raum spielen lassen. Für mich war das nichts Neues, das kannte ich aus der Schweiz. Wir haben uns dann in den restlichen Spielen im taktischen Bereich schlauer verhalten als so mancher Gegner, weshalb es mit dem Aufstieg geklappt hat."

Aufstieg in die Bundesliga: Zehn Spieltage später ist der Coup geglückt. Ulm reicht am 34. Spieltag ein 0:0 gegen Fürth, der Durchmarsch ist geschafft.

Andermatt: "Ich erinnere mich gut: Ein sehr emotionales Erlebnis in einem proppevollen Stadion. Nebenan war zudem auf einer Wiese noch eine Leinwand aufgebaut - halb Ulm war da. Nach dem Abpfiff habe ich die Schwaben mal so richtig feiern sehen - das sieht man nicht oft (lacht)."

Ulm plant die Bundesliga: Der SSV versucht sich für das Oberhaus zu rüsten. Die Mittel sind äußerst begrenzt, Manager Erich Steer hat im Profifußball praktisch keine Erfahrung. Immerhin: Die Euphorie ist riesig. Die Stadionkapazität wird auf 23.000 Zuschauer aufgestockt, der SSV verkauft 15.000 Dauerkarten.

Andermatt: "Ulm in der Bundesliga war bis dahin nicht vorstellbar. Also mussten wir uns überlegen, wie wir an die Sache rangehen. Schließlich haben wir das Motto 'ein Jahr Party ausgegeben' und gehofft, dass ein zweites Jahr drangehängt werden kann. Wir wollten diese riesige Aufgabe positiv in Angriff nehmen."

2. Spieltag: Auswärtsspiel bei 1860 München. Die Partie geht mit 1:4 verloren. Andermatt erinnert sich herzhaft lachend an eine Szene, die gut beschreibt, wie überrascht die meisten Ulmer Spieler selbst darüber waren, plötzlich in der Bundesliga zu spielen.

Andermatt: "Als wir vor dem Spiel im Olympiastadion in den Katakomben standen, schaute mich Oliver Unsöld ungläubig und mit offenem Mund an. Ich fragte ihn, was los ist. Und Oli meinte: 'Trainer, vor einem Jahr musste ich hier noch an der Kasse anstehen'."

Holpriger Auftakt: Nach drei Spieltagen steht der SSV schon da, wo ihn alle erwartet haben - im Tabellenkeller. Dennoch schwappt den Spatzen eine Welle der Sympathie entgegen.

Andermatt: "Die Ulmer waren gerngesehene Gäste. Nicht etwa weil sie Punkte abgeliefert haben, sondern weil sie in ihrem Auftreten eine echte Bescheidenheit an den Tag gelegt haben. Das war authentisch und galt für alle Bereiche."

Ein schwacher Kader: Dennoch macht sich schnell bemerkbar, dass der Kader nicht bundesligatauglich besetzt ist. Die "Stars" im Team sind unter anderem: Torhüter und heutiger Bayern-Psychologe Philipp Laux, Aufstiegsheld Dragan Trkulja, Sascha Rösler, Janusz Gora oder Hans van de Haar, mit zehn Toren bester Ulmer Bundesligatorschütze. Ulm, der krasseste Außenseiter, der sich je dem Abenteuer Bundesliga gestellt hat?

Andermatt: "Ja, das kann man so sagen. Man muss sich nur mal anschauen, welche Spieler später den Sprung geschafft haben. Das waren Laux, der nach Dortmund ging, Rösler und Otto vielleicht noch, der später in Griechenland gespielt hat. Sonst hat das Gefüge gestimmt, wir konnten nur als Mannschaft dagegenhalten. Das war letztlich auch der Grund, weshalb es nicht ganz gereicht hat. In der Bundesliga kannst du taktisch gut spielen, rennen und kämpfen. Am Ende gibt aber oft die individuelle Qualität den Ausschlag."

Vier Platzverweise in einem Spiel: Den ersten bemerkenswerten Auftritt liefern die Ulmer in Rostock ab. Der SSV geht unbeholfen zu Werke, die Spieler sind einfach zu langsam und treffen in schöner Regelmäßigkeit nicht den Ball, sondern die Beine der Hansa-Spieler. Zudem lässt Schiri Herbert Fandel Fingerspitzengefühl vermissen. Die Folge: Vier Ulmer fliegen vom Platz, Andermatt und Steer müssen auf die Tribüne - Bundesliga-Rekord! Mit acht Mann erzielt Ulm das 1:1, in der Schlussminute macht Hansa das 2:1. Gora wütet, sein "Skandal"-Schrei wird legendär.

Zum Video: Janusz Gora rastet aus

Andermatt: "Ein verrücktes Spiel, bei dem die Emotionen übergekocht sind. Ich wurde damals zu unrecht auf die Tribüne geschickt. Nicht ich war zum Linienrichter unverschämt, sondern er zu mir. Aber ich bin nicht nachtragend. Fandel war damals wie heute zu Recht ein angesehener Schiri, nach Abpfiff war das erledigt. Nur für Janusz Gora nicht (lacht)."

Am Tabellenende: Nach 14 Spieltagen hat Ulm als Vorletzter nur zehn Punkte auf dem Konto, Siege gelangen bis dahin nur gegen Bielefeld und Unterhaching. Dann explodiert das Team. Gegen Kaiserslautern, in Wolfsburg und gegen Frankfurt gibt es drei Dreier in Folge.

Andermatt: "Wir haben eine gewisse Zeit gebraucht, um anzukommen. Die Mannschaft hatte gelernt, außerdem wurden wir teilweise unterschätzt. Wir haben in diesen Spielen vor der Winterpause noch einmal alles rausgepowert - und plötzlich hatten wir eine gute Ausgangsposition."

Winterpause: Ulm steht über dem Strich - und das mit sechs Punkten Vorsprung auf Platz 16. Dennoch: So wirklich ernst nimmt die Ulmer niemand.

Andermatt: "Zwischendurch wurden wir bemitleidet, teilweise auch belächelt. So nach dem Motto: Was will diese kleine Stadt und dieser Verein in der Bundesliga? Hat dieser Klub auf diesem Level eine Daseinsberechtigung?"

20. Spieltag: Ulm gastiert in Dortmund - und erkämpft sich ein 1:1. Tamas Bodog gleicht die Führung von Heiko Herrlich aus. Die BVB-Fans sind von ihrem Star-Ensemble enttäuscht und beschließen kurzum, die Ulmer nach dem Abpfiff zu feiern. "Wir wollen die Ulmer sehen", hallt es aus tausenden Kehlen der Südtribüne. Dortmund-Fans machen mit Ulm-Spielern die Welle.

Andermatt: "So etwas habe ich nie wieder erlebt. Ich stand in den Katakomben, meine Spieler kamen zu mir und sagten: 'Coach, die wollen die Ulmer sehen'. Ich habe gezögert, weil ich Sorge hatte, dass es respektlos gegenüber dem BVB rüberkommen könnte, wenn meine Spieler mit deren Fans feiern. Dann habe ich ihnen gesagt, dass sie hingehen sollen, aber nur kurz grüßen und wieder weggehen sollen. Die Jungs haben dann ein wenig mit den Dortmund-Fans gefeiert, was aber zum Glück nicht respektlos rüber kam. Es war einfach so: Die BVB-Fans haben meinen Jungs Respekt für den großen Kampf gezollt, den sie in dem Spiel abgeliefert haben."

24. Spieltag: Der SSV liefert sein Meisterstück ab - 2:1-Sieg beim HSV. Der größte Sieg in der Vereinsgeschichte, der heutige KSC-Trainer Rainer Scharinger und Bernd Maier treffen.

Andermatt: "Wenn man unsere Möglichkeiten betrachtet, dann war das sicher einer unserer bedeutendsten Siege. Auswärts beim HSV zu gewinnen - herrlich."

Der Anfang vom Ende: Dennoch war vielleicht der Sieg gegen den HSV die Einleitung des Untergangs. Acht Zähler Vorsprung auf die Abstiegsränge ließen im Umfeld so manchen abheben, man fühlte sich wie im Fußball-Himmel. Einige sprachen plötzlich vom UEFA-Cup. Hat auch die Mannschaft die Bodenhaftung verloren?

Andermatt: "Die Spieler haben nicht angefangen zu spinnen. Wir hatten in der folgenden Phase mit Verletzungen zu kämpfen. Und man muss schon ehrlich sagen, dass wir in der Breite zu dünn besetzt waren. Wissen Sie: Wir mussten immer 90 Minuten Vollgas geben, zum Ausruhen hat uns schlichtweg die Qualität gefehlt. Das war übrigens auch in der Trainingsplanung schwierig. Wir mussten uns ständig überlegen, wie wir es schaffen, dass die Jungs wieder und wieder über sich hinauswachsen. Jedes Spiel hatte Pokalcharakter. Eine normale Leistung hat uns eigentlich nie zu Punkten gereicht."

Eine historische Klatsche: Eine Woche später verliert Ulm gegen Leverkusen mit 1:9 - die zweithöchste Heimpleite in der gesamten Bundesliga-Historie.

Andermatt: "Können wir nicht über ein anderes Spiel sprechen (lacht)? Kurios war, dass bei uns einige Sachen gut funktioniert haben. Wir hatten Torchancen. Nach der Partie kam Christoph Daum zu mir und hat sich entschuldigt. Er sagte: 'Wenn wir heute den Ball senkrecht nach oben geschossen hätten, dann hätte ihn der Wind ins Tor geweht'. Es gab aber auch einen schönen Moment, das Tor zum 1:9 von Leandro. Da haben die Ulmer Fans uns gefeiert. Sie haben gemerkt: Die wollen, aber es geht halt nicht. Die Ulmer Fans waren insgesamt fantastisch. Sie hatten ein tolles Gespür dafür, was die Mannschaft im Stande zu leisten war und haben es honoriert, wenn alles gegeben wurde. Auch an einem Tag wie gegen Leverkusen."

Der Abstieg: In den restlichen Spielen gelingt nur noch ein Sieg gegen Wolfsburg. Mit einer 1:2-Pleite in Frankfurt verabschieden sich die Spatzen aus der Bundesliga. Gefeiert wird trotzdem: Als die Mannschaft mit dem Bus spät abends nach Ulm zurückkehrt, wird der Absteiger von vielen Fans bejubelt. Dennoch bricht der Klub auseinander, der Verein wirtschaftet dilettantisch.

Andermatt: "Damals hat die Vereinsspitze Fehler gemacht. Man ging vom Optimalen aus, nicht von der Realität. Die Realität wäre gewesen, dass man sein Konzept so auslegt, dass der Klub über die Jahre hinweg in der zweiten Liga etabliert wird. Man muss sagen, dass das rationale Denken in der Welt der Großen, also der Bundesliga, abhanden gekommen ist."

Im freien Fall: Nach nur fünf Spieltagen in der zweiten Liga wird Andermatt gefeuert. Der SSV steigt sang- und klanglos ab, bekommt keine Lizenz für die Regionalliga und muss in der Verbandsliga neu anfangen.

Ulm in der Bundesliga - eine einjährige Party, die wohl nie wieder stattfinden wird.

Insolvenz: Ulm steht als Absteiger fest

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