Buch-Kritik zum ersten Todestag

Robert Enke: Es bleibt die Fassungslosigkeit

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 10.11.2010 | 10:40 Uhr
Robert Enke nahm sich am 10.11.2009 im Alter von 32 Jahren das Leben
© Getty
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Am 10. November jährt sich zum ersten Mal der Todestag von Robert Enke. Deutschlands renommierter Sportjournalist Ronald Reng hat ein Buch über den Selbstmord seines Freundes geschrieben. Ein Meisterwerk.

Wie viele Zeilen, Worte, Anschläge reichen nur aus, um Ronald Rengs Buch annähernd so zu beschreiben, dass es ihm gerecht wird. Keine Ahnung. Es ist beinahe unmöglich, seine Komplexität greifbar zu machen.

Seine schlichte Schönheit, die skurrilen Anekdoten aus dem Leben eines Torhüters, die Balance zwischen ergreifender Tiefe und Banalitäten, die das Leben doch so lebenswert machen.

Ronald Reng lässt sich dafür 429 Seiten Zeit. Am Ende steht eine eindringliche Biographie, die den Leser umtreibt, ihn zum Nachdenken bewegt und die über alles die Frage stellt: Wie nur hätte man das verhindern können?

Robert Enkes Leben wird in all seinen Facetten gezeichnet, auf dem Fußballplatz, im Schoß der Familie, von den Anfängen in Jena, den Auslandsstationen Lissabon, Barcelona und Istanbul mit ihren Höhen und Tiefen, dem Wirken bei Hannover 96 bis zum tragischen Ende am Bahnübergang in Eilvese.

Ronald Reng hatte Einblick in Enkes Tagebücher, die so offen und schonungslos jenen Kampf dokumentieren, den man sich so nie hätte vorstellen können. Enkes Weggefährten kommen zu Wort, sein Kumpel Marco Villa, Berater Jörg Neblung, seine Frau Teresa, seine Eltern, seine Trainer.

Selbst Barca-Keeper Victor Valdes, jener Jungspund, der Enke den Platz im Tor der Katalanen stibitzt hat und dem im Gespräch mit dem Autoren die Tränen in die Augen schießen. Sie alle erzählen ihre Geschichte mit Robert Enke, weil sie sich auch auf einen gewisse Weise erleichtern wollen. Sie erklären ihre Sicht der Dinge, ohne sie zu verklären.

Ronald Reng, der ein enger Freund Enkes war, gelingt der schwierige Spagat zwischen Nähe und der nötigen Distanz, die verhindert, dass das Buch zu einer Art Lobeshymne auf Enke wird. Er schildert vielmehr auch die Eigenschaften Enkes, die in jedem von uns schlummern, Eifersucht oder Ungerechtigkeit.

Ronald Rengs Arrangements reichen dabei von schockierend bis gewitzt, von der unfassbaren Tragik von Enkes Krankheit bis zu den vielen unbeschwerten Momenten in seinem Leben sind es manchmal nur Nuancen.

Gezeichnet wird das Bild eines zutiefst verzweifelten und zerrissenen Menschen, der an seinen Selbstzweifeln zerbricht, nach außen aber immer das Bild des Gladiatoren, des starken Familienvaters, des unerschütterlichen Helden geben muss.

In der wahren Flut nichtssagender (Auto-)Biographien anderer Sportler sticht ausgerechnet das Werk hervor, das sich mit dem tragischen Thema Depressionen befasst.

Es ist dabei geradezu ein Irrsinn, wenn man allmählich merkt, dass das Buch über eine heimtückische Krankheit und das vielschichtige Leben eines Getriebenen das vermutlich beste ist, das man je zur Hand genommen hat - obwohl es den Leser am Ende beinahe fassungslos zurücklässt.

"Robert Enke - Ein allzu kurzes Leben" ist ein Buch der Erleichterung, verfasst vom besten Sportjournalisten Deutschlands. Und eine Mischung aus Wunsch und Versprechen für die Zukunft: Jeder soll seine Schwächen offen zeigen dürfen.

Neue 96-Adresse wohl Robert-Enke-Straße

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