Ex-Popstar Julian Kasprzik im Interview

"Fußball ist auch verlogen"

Von Interview: Haruka Gruber
Montag, 04.01.2010 | 18:15 Uhr
"Sind alle noch Freunde": Julian (2.v.l.) mit den Ex-Room2012-Kollegen Cristobal, Tialda, Sascha (v.l.)
© Getty
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Julian Kasprzik lebte den Traum aller Jugendlichen. Er war auf dem Weg zum Fußball-Profi und gewann bei der Casting-Show "Popstars". Doch aufgerieben zwischen zwei Welten musste der 22-Jährige vor einem Jahr einen Schlussstrich ziehen - und begann erneut, bei Sportfreunde Siegen zu spielen. Ein Interview über Betrügereien, Mitleid mit Casting-Kollegen und die Unterschiede zwischen der Fußball- und der Musikbranche.

SPOX: Nachdem sich 2008 die von Popstars gecastete Band Room2012 aufgelöst hat, wollten Sie sich auf Ihre Fußballer-Karriere konzentrieren. Wie läuft es?

Julian Kasprzik: Ich mache gerade meinen Zivildienst nach, den ich wegen Popstars aufgeschoben habe. Für die Malteser kümmere ich mich um die Behindertenförderung und stelle Essen zu. Mit Fußball muss ich derzeit leider kürzer treten, da ich seit Anfang der Saison durch einen Riss der Patellasehne ausfalle. Letztes Jahr habe ich vor allem in der zweiten Mannschaft von Sportfreunde Siegen gespielt und habe bei der ersten ausgeholfen.

SPOX: Wie kam das Engagement mit Sportfreunde Siegen zustande?

Kasprzik: Siegen war mein vorheriger Klub und als es ruhiger wurde mit Popstars, habe ich gefragt, ob ich wieder mitrainieren dürfte. Nach der ersten Einheit durfte ich dann gleich bleiben, weil der Trainer der zweiten Mannschaft einen offensiven Spielertypen wie mich gebraucht hat.

SPOX: Warum hat es bisher nicht zum Profi gereicht?

Kasprzik: Für einen Offensivspieler ist es zwar nicht so wichtig, aber im Stellungsspiel kann man mich vergessen. Taktik war noch nie so mein Ding. Und mein Vater Helmut, der in der 2. und 3. Liga gespielt hat, sagte mir immer schon, dass ich zwar alles für den Profi-Fußball mitbringe, dafür aber fokussierter sein müsste auf den Sport.

SPOX: Wenn Sie wieder fit sind, wäre der Zeitpunkt doch perfekt, um konsequent den Sprung in den Profi-Fußball anzupeilen.

Kasprzik: Na ja, das muss man relativieren. Ich habe zwar letztes Jahr unter Popstars einen Schlussstrich gezogen und habe mich dem Fußball gewidmet, aber mittlerweile zeichnet sich klar ab, dass ich doch in der Musik bleibe. Ich habe einen Plattenvertrag und fahre jetzt schon jede Woche nach Berlin, um mein erstes Solo-Album aufzunehmen. Nächstes Jahr soll die CD erscheinen, daher wird der Fußball wieder etwas kürzer treten müssen.

SPOX: Wäre es nicht besser gewesen, wenn Sie sich für einen Weg entschieden hätten, statt zwischen Fußball und Musik hin- und herzupendeln?

Kasprzik: Bis ich 17 Jahre alt war, habe ich alles für den Fußball getan und mit der A-Jugend von Sportfreunde in der zweithöchsten deutschen Klasse gespielt. Dann habe ich das Singen für mich entdeckt und schnell hatte es einen mindestens genauso hohen Stellenwert wie der Sport.

SPOX: So sehr, dass Sie an 'Deutschland sucht den Superstar' oder 'Shibuya', der Karaoke-Sendung auf VIVA, teilnahmen.

Kasprzik: Bei Deutschland sucht den Superstar habe ich mich mit 18 angemeldet. Ich war als Sänger bei weitem nicht so weit, dennoch habe ich mich immerhin für die Top 20 qualifiziert. Eine bessere Platzierung wäre ehrlich gesagt auch nicht verdient gewesen. Shibuya habe ich nur gemacht, um das Preisgeld abzustauben.

SPOX: Und dann kam Popstars...

Kasprzik: Ich habe vorher eine Ausbildung zum Fitnesstrainer gemacht. 600, 700 Euro netto pro Monat kamen vielleicht raus. Dann startete Popstars und hat alles verändert. Nur ein Beispiel: Vor zwei Jahren habe ich mit Room2012 bei der Silvesterfeier am Brandenburger Tor vor 1,5 Millionen Menschen gesungen. 1,5 Millionen Menschen! Vor größerem Publikum ist auch Michael Jackson nicht aufgetreten.

SPOX: Doch wenige Monate später gab es die Band schon nicht mehr.

Kasprzik: Es war der größte Schock meines Lebens. Ich habe mir mehr davon erhofft als nur ein halbes Jahr bekannt zu sein. Es steckten Millionen hinter der Band, daher wären mindestens zwei, drei Jahre schön gewesen. Aber wir wurden wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Am Ende des Tages scheißen die Leute eben auf dich.

SPOX: Waren Sie zu naiv?

Kasprzik: Definitiv. Wir waren Frischlinge, haben zu vielen Leuten vertraut und uns davon einlullen lassen, dass am Anfang jeder nett zu einem ist. Auch die Journalisten. Aber im Endeffekt sind wir denen allen völlig egal. Zu Beginn waren wir völlig geplättet von den Eindrücken und den 20-Stunden-Arbeitstagen. Erst nach drei, vier Monaten haben wir angefangen, Dinge zu hinterfragen, weil uns Einiges komisch vorkam.

SPOX: Zum Beispiel?

Kasprzik: Wir hatten beispielsweise eine ganze Auftrittsreihe mit unter anderem Monrose, unserer Vorgängerband bei Popstars. Uns wurde gesagt, dass wir kein Geld dafür sehen, weil wir Promotion für uns machen müssten - während die anderen sehr wohl bezahlt wurden. Unser Geld hingegen floss irgendwo anders hin. Irgendwann kam der Zeitpunkt, als wir uns fragen mussten: Was für kalte Menschen bringt die Musik hervor? Ist die Musikbranche die verlogenste Branche der Welt?

SPOX: Was unterscheidet die Musik- von der Fußballbranche?

Kasprzik: Fußball ist ab einem gewissen Punkt auch eine verlogene Geschichte. Dennoch geht es zwar nicht ausschließlich, aber zu einem großen Teil um Leistung. Und wenn die Leistung entscheidet, zieht auch eine gewisse Ehrlichkeit ein. Wenn ich zum Beispiel meinen alten Dorfverein besuche, treffe ich nur ehrliche, nette Menschen. Daher war ich am Anfang von Room2012 wohl auch zu gutgläubig.

SPOX: Mitte Dezember wurde die neue Popstars-Band gecastet. Ein Duo mit dem Namen 'Some & Any'. Was haben Sie gedacht, als Sie die Entscheidungsshow gesehen haben?

Kasprzik: Einerseits Schadenfreude, weil auch dem Letzten klar wurde, dass diese Popstars-Staffel das Niveau aller Casting-Shows noch mal unterboten hat. Insgesamt konnten vielleicht vier, fünf Teilnehmer singen, der Rest war lächerlich. Beim Zuschauen war viel Fremdschämen dabei.

SPOX: Andererseits?

Kasprzik: Als ich die beiden Gewinner Vanessa und Leo beim Jubeln gesehen habe, war auch etwas Mitleid dabei. Sie wissen nicht, was auf sie zukommt. Aber ich gönne es niemandem, so abgespeist zu werden wie wir damals. Mit ein bisschen Glück schaffen sie es ja vielleicht.

SPOX: Der Fußball hat den Wettskandal, aber auch bei Popstars soll betrogen werden. Stimmt das?

Kasprzik: Ich glaube bis heute nicht, dass irgendein Juror oder anrufender Zuschauer etwas bei der Band-Zusammensetzung zu sagen hat. Für mich war damals auch alles neu, aber wenn man dann weiß, was wirklich so abgeht, ist es nur krass. Wie die Band aussieht, entscheidet allein die Popstars-Produktionsfirma 'Tresor TV'. Ich lache mich mittlerweile kaputt, wenn ich von Leuten höre, die tatsächlich dort anrufen.

SPOX: Unecht und inszeniert sind auch viele Szenen, die während der Staffel zu sehen sind. Fiel es Ihnen nicht schwer, bei der Charade mitzumachen?

Kasprzik: Beim Fußball heißt es ja so schön: 'Die Wahrheit liegt auf dem Platz.' Im Gegensatz dazu geht es bei Popstars sicherlich unecht zu. Aber damit hatte ich keine Probleme. Ich habe mich total gut anpassen können, weil ich nun mal das Casting gewinnen wollte und ich wusste, dass ich nicht weiterkomme, wenn ich mich nicht an die Spielregeln halte. Ich fand es nie schlimm, zum Beispiel einen Spruch für die Kamera extra zu wiederholen und dabei so zu tun, als ob es spontan ist.

SPOX: Im Popstars-Leben gab es sicherlich auch nette Randerscheinungen. Wie viele Stars haben Sie kennengelernt?

Kasprzik: Die sind mir völlig egal. Wir hatten häufig After-Show-Partys, aber ich bin in der Regel nach Hause, weil ich lieber mit meinen Kumpels trinken wollte. Ich habe einige prominente Frauen kennengelernt, aber im Nachhinein hätte ich lieber das attraktive Bild von ihnen in Erinnerung behalten. Meistens stehen solche Mädels am Bartresen und sind besoffen und total ekelhaft. Unter den Promis sind fast nur bekloppte Leute unterwegs, die nur umsonst saufen wollen.

SPOX: Dennoch wollen Sie lieber Musiker als Fußballer sein?

Kasprzik: Ich denke schon. Aber wer weiß, vielleicht sage ich in drei Jahren, dass doch Fußball mein Ding ist. Und wenn beides nicht klappt, finde ich eben was anderes. Wenn ich wollen würde, könnte ich jetzt schon als Event- oder Tour-Manager arbeiten. Ich muss mir keine Sorgen machen.

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