Insgesamt sollen etwa 200 Spiele in neun Ländern betroffen sein. Neben Deutschland sind dies Belgien, die Schweiz, Kroatien, Slowenien, die Türkei, Ungarn, Bosnien-Herzegowina und Österreich.
Hinzu kommen mindestens drei Champions-League- und zwölf Europa-League-Spiele sowie ein Qualifikationsspiel zur U-21-EM. "Das ist zweifellos der größte Betrugsskandal, den es im europäischen Fußball jemals gegeben hat", sagte Peter Limacher, Leiter der Disziplinarabteilung der UEFA.
Fakten
Stichwort: Wettmanipulation
- Pro Jahr werden in Deutschland mehr als eine Milliarde Euro verwettet
- Marktführer in Europa ist "bwin". Umsatz 2008: 235 Millionen Euro
- Problem: Viele Online-Buchmacher besitzen keine Lizenz für das jeweilige Heimatland des Kunden
- Viele Internet-Wettanbieter haben ihren Firmensitz in Steueroasen wie Malta oder Gibraltar
- 2005: Damals wurden Spiele aus den Bundesligen, dem DFB-Pokal und der Regionalliga manipuliert
- Ungewöhnliche Einzelwetten (erstes Foul, erste Gelbe Karte, nächster Eckstoß) machen das System für Manipulationen anfälliger
- DFB und UEFA installierten nach dem Skandal 2005 das Frühwarnsystem "Sportradar"
200 Personen werden verdächtigt
Da Spiele der aktuellen Europapokalsaison betroffen sind, sind Konsequenzen für den laufenden Spielbetrieb möglich. "Wir müssen erst die Täter ermitteln, dann können wir sagen, welche Konsequenzen es gibt", sagte Limacher.
Insgesamt werden 200 Personen verdächtigt, darunter Geldgeber, Strippenzieher im Hintergrund, aber auch Trainer, Spieler und Schiedsrichter.
Die Haupttäter sollen seit Beginn des Jahres Sportler, Trainer, Schiedsrichter und Offizielle bestochen und Wettgewinne in Höhe von mehreren Millionen Euro bei europäischen und asiatischen Wettanbietern erzielt haben.
Reichenberger und Cichon unter Verdacht
In Deutschland wurden am Donnerstag 15 Haftbefehle vollstreckt. Mehr als 50 Durchsuchungsbeschlüsse in sechs deutschen Bundesländern sowie der Schweiz, Österreich und Großbritannien wurden vollzogen. Zwei weitere Festnahmen erfolgten in der Schweiz.
Erste Namen wurden bereits bekannt. So werden die Spieler Thomas Reichenberger, Thomas Cichon und Marcel Schuon (alle damals VfL Osnabrück) verdächtigt. Haftbefehle, wie zunächst berichtet, wurden allerdings nicht erlassen.
Reichenberger sagte gegenüber "Bild": "Der Trainer hat mich informiert über die Vorwürfe. Es gibt aber die Richtlinie des Vereins, sich nicht dazu zu äußern. Außerdem ist unser Spiel jetzt gegen Dortmund II definitiv wichtiger."
Reichenbergers Berater Dieter Marquardt erklärt: "Ich lege die Hand für ihn ins Feuer. Thomas hat damit nichts zu tun, das hat er mir glaubhaft versichert."
"Bild" berichtet außerdem, dass Schuon, der derzeit für den SV Sandhausen spielt, in den letzten drei Tagen beim Training fehlte und mittlerweile festgenommen worden sein soll.
Wettgewinne in Höhe von zehn Millionen Euro
Insgesamt wurden bei den Festnahmen Bargeld und Vermögenswerte in Höhe von mehr als einer Million gesichert. Insgesamt wurden Wettgewinne in Höhe von zehn Millionen Euro ausgezahlt. "Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs", sagte Andreas Bachmann, der Leiter der Ermittlungen.
Laut Staatsanwaltschaft ist davon auszugehen, dass sich sowohl die Zahl der Tatverdächtigen als auch die Anzahl der betroffenen Spiele durch weitere Ermittlungen erhöhen wird.
Aus ermittlungstaktischen Gründen werden zur Identität der beteiligten Personen sowie der betroffenen Mannschaften derzeit keine Auskünfte erteilt. In Deutschland lagen die Schwerpunkte der Festnahmen in Berlin, Nürnberg und im Ruhrgebiet.
Osnabrücker Spieler in Skandal verstrickt?
Zuvor war bekannt geworden, dass nach Informationen der "Neuen Osnabrücker Zeitung" auch Profis des Zweitliga-Absteigers VfL Osnabrück verstrickt sein sollen. Die Staatsanwaltschaft Bochum verdächtigt demnach einen 34-jährigen Mann aus Lohne, zwei Begegnungen des VfL in der vergangenen Zweitliga-Saison mit Hilfe von Osnabrücker Spielern manipuliert zu haben.
Der Mann soll bereits verhaftet worden sein. Betroffen sind angeblich die beiden Auswärtsspiele der Niedersachsen beim FC Augsburg (0:3) am 17. April 2009 und beim 1. FC Nürnberg (0:2) am 13. Mai. Der 34-Jährige hatte laut Vorwurf der Staatsanwaltschaft hohe Summen auf die beiden Partien gesetzt und sich dabei auf eine Tordifferenz festgelegt, die dann tatsächlich eintrat.
Telefonate mit VfL-Spieler abgehört
Aus abgehörten Telefonaten einer Sondereinheit der Polizei Bochum gehe hervor, dass der Verdächtige in dem Zusammenhang Kontakt zu mindestens einem VfL-Spieler aufgenommen habe.
"Wenn das stimmt, wäre das eine Katastrophe - das könnte dann ein Grund für den Abstieg gewesen sein", sagte Osnabrücks Präsident Dirk Rasch der "NOZ", nach deren Informationen am Donnerstag im Rahmen der bundesweiten Polizeiaktion auch die Wohnung eines ehemaligen Osnabrücker Profis durchsucht wurde.
Anfangsverdacht gegen Ulmer Spieler
Auch das Freundschaftsspiel zwischen Regionalligist SSV Ulm und dem vom deutschen Trainer Christoph Daum trainierten türkischen Erstligisten Fenerbahce Istanbul am 14. Juli 2009 steht unter Manipulationsverdacht.
Fenerbahce hatte das Spiel gegen Ulm 5:0 gewonnen. Laut den Unterlagen der Ermittler soll sich der Verdacht ergeben haben, dass bislang unbekannte Spieler des SSV Ulm für ihre Bereitschaft genau in dieser Höhe zu verlieren insgesamt einen niedrigen fünfstelligen Betrag erhalten haben sollen. Dabei handelt es sich aber nur um einen Anfangsverdacht.
"Bislang gibt es nur einen Anfangsverdacht, deshalb müssen wir uns zunächst schützend vor die Mannschaft stellen. Aber wir werden als Verein alles zur Aufklärung beitragen", sagte SSV-Vizepräsident Mario Meuler, der bereits Akteneinsicht bei der Staatsanwaltschaft Bochum gefordert hat.
Ulms Torwart Holger Betz meinte: "Ich bin nicht angesprochen worden und habe auch nicht mitbekommen, dass jemand anderes angesprochen wurde."
Platini: "Es ist einfach nicht hinnehmbar"
Mit Präsident Michel Platini an der Spitze hat die UEFA in den vergangenen Monaten den Kampf gegen Manipulationen von Sportwetten forciert und ihren Überwachungsapparat ausgeweitet.
"Es ist einfach nicht hinnehmbar, dass manche Vereine, die nicht darauf hoffen können, ganz oben mitzuspielen, versuchen, aus ihrer Teilnahme an den europäischen Wettbewerben mittels illegaler Wetten und Spielabsprachen Profit zu schlagen", sagte Platini.
Zu Beginn dieses Jahres hat die UEFA das Frühwarnsystem gegen Wettbetrug (BFDS) eingeführt. Die UEFA hatte zuletzt 40 Spiele auf mögliche Manipulationen untersucht. Dabei handelt es sich auch um Begegnungen der Champions League sowie des damaligen UEFA-Pokals.
"Early Warning System" vor vier Jahren eingeführt
Der Weltverband FIFA gründete vor vier Jahren das "Early Warning System", um die Wettvorgänge zu beobachten. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) haben seit dem Skandal um den Ex-Schiedsrichter Robert Hoyzer vor knapp fünf Jahren den Kampf gegen Sportwettenbetrug verstärkt.
Seitdem arbeiten DFB und DFL mit dem Unternehmen Sportradar zusammen. Bei Sportradar werden die Quotenveränderungen der Wettanbieter in bestimmten Zeitabständen untersucht. Wann immer die Einsätze zu sehr in die ein oder andere Richtung ausschlagen, werden automatisch Warnungen versendet.
Anfällig für Betrügereien sind aber insbesondere die so genannten Live-Wetten, die nur schwer zu überwachen sind. Dass nun ein neuer Wettskandal untersucht wird, stellt auch die Frühwarnsysteme auf den Prüfstand.
Ante Sapina erneut verwickelt?
Damit wird der deutsche Fußball wieder vom Fall Hoyzer ein geholt. Anfang 2005 hatte der damalige Bundesliga-Referee Robert Hoyzer gestanden, 67.000 Euro und einen Plasma-Fernseher für die Manipulation von Spielen erhalten zu haben.
Am 17. November 2005 wurde er wegen des banden- und gewerbsmäßigen Betrugs zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und fünf Monaten ohne Bewährung verurteilt. Diese trat er am 18. Mai 2007 an.
Der Kroate Ante Sapina war damals wegen Wettbetrugs zu zwei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt worden, sein älterer Bruder Milan war mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Nach Informationen der "Süddeutschen" wurde Ante Sapina am Donnerstag nach Bochum gebracht, sein Bruder kam in Berlin in Untersuchungshaft.
Wettskandal erreicht 2. Liga