"Ich klage auf sehr hohem Niveau"

Von Interview: Stefan Maurer
Nicht verletzt, aber ohne Verein. Stefan Wessels wäre, Stand heute, nächstes Jahr nur Zuschauer
© Getty

Stefan Wessels stand einst ein große Karriere bevor. Zwischen 1998 und 2003 war er hinter Oliver Kahn zweiter Torhüter beim FC Bayern München. Jetzt steht der 30-Jährige vor dem Ruin seiner Laufbahn. Wessels ist ohne Verein, sein Vertrag bei Absteiger VfL Osnabrück galt nicht für die dritte Liga.

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Wessels trainiert mit anderen vereinslosen Profis im Camp der Vereinigung der Vertragsfußballspieler. SPOX sprach mit ihm über seine Situation.

SPOX: Herr Wessels, Sie haben keinen Verein. Sind Sie arbeitslos?

Stefan Wessels: Ja, das kann man sicher so sagen.

SPOX: In ihrer Karriere haben sie aber auch viel Geld verdient. Können Sie trotzdem die Ängste und Sorgen vieler Arbeitsloser in Deutschland nachvollziehen?

Wessels: Ja, mit Sicherheit. Ich fühle mich als Arbeitsloser auch nicht wirklich wohl. Dennoch weiß ich natürlich, dass ich auf sehr hohem Niveau klage. Der großen Mehrzahl der Arbeitslosen geht es wesentlich schlechter als mir, deshalb gibt es für mich auch keinen Grund, mich zu beschweren.

SPOX: Gibt es Signale, dass sich ihre Situation ändert?

Wessels: Es gab ein, zwei Anfragen, aber das hat aus verschiedenen Gründen nicht geklappt. Auch, weil ich mir selbst gesagt habe, dass ich Geduld brauche, um die beste Entscheidung für mich zu treffen.

SPOX: Dennoch könnte es auch sein, dass kein attraktives Angebot mehr kommt. Was passiert dann?

Wessels: Ich gehe davon aus, dass ich in der näheren Zukunft einen neuen Arbeitgeber finde. Aber, sollte das Worst-Case-Szenario eintreten, dass sich in diesem Sommer nichts mehr ergibt, dann würde ich meine Karriere beenden.

SPOX: Derzeit trainieren Sie im Camp der Vereinigung der Vertragsfußballspieler in Duisburg. Wie sind Sie dazu gekommen?

Wessels: Ich bin seit 1998 Mitglied in der VdV und war bisher in der glücklichen Lage, so gut wie keine Leistungen von der VdV in Anspruch nehmen zu müssen. Ich hatte nie in irgendeiner Form Probleme mit einem Verein. Nichtsdestotrotz denke ich, dass die VdV als Institution eine sehr wichtige Einrichtung ist. Das Trainingscamp an sich ist natürlich eine klasse Sache. Dort können sich Spieler wie ich, die derzeit auf Vereinssuche sind, fit halten. So kann dann jeder, der hier trainiert, nahtlos in das Vereinstraining einsteigen, wenn er den richtigen Verein gefunden hat. Das Training hier hält einen ganz anders fit, als wenn man zuhause ein paar Läufe und ein bisschen Krafttraining macht.

SPOX: Wie ist die Stimmung im Camp, über was sprechen die Spieler?

Wessels: Primär natürlich darüber, einen neuen Job zu finden. Für jeden Einzelnen ist es gut im Mannschaftsverbund arbeiten zu können.

SPOX: Sollte das Worst-Case-Szenario eintreten und Sie ihre Karriere beenden - was tun Sie dann? Gibt es Alternativen zum Profifußball?

Wessels: Ich habe schon 1998 mit dem Studium der Wirtschaftswissenschaften begonnen. Diesen Pfad habe ich aber seit längerem nicht mehr betreten, da mir einfach die Zeit dazu fehlte. Trotzdem stellt das natürlich eine Möglichkeit dar. Mit diesem Thema habe ich mich aber noch nicht intensiv beschäftigt, weil ich glaube, dass noch das richtige Angebot kommen wird.

SPOX: Haben Sie das Studium damals von sich aus aufgenommen, um sich für die "Karriere danach" zu rüsten?

Wessels: Das war natürlich der Sinn der Sache. Damals hatte ich mein Abitur fertig und bin zu den Bayern gewechselt. Dort habe ich einen Amateurvertrag unterschrieben. Natürlich haben zu der Zeit auch meine Eltern noch stark auf mich eingewirkt: Sie haben mir geraten, nicht alles auf die Karte Fußball zu setzen. Heute ist es natürlich optimal, dass ich diese Option habe.

SPOX: Haben Sie die Vereine im Laufe ihrer Karriere beim Studium unterstützt?

Wessels: Es handelt sich dabei um ein Fernstudium und es war von vorne herein klar, dass das nebenher laufen muss. Ich bin Profifußballer und da muss alles andere hinten an stehen. Bis auf die Klausuren läuft beim Fernstudium sowieso alles von zuhause. Deshalb gab es da nie Berührungspunkte mit den Vereinen und ich war nie auf Zugeständnisse von Vereinsseite angewiesen.

SPOX: Sie haben gesagt, Sie hätten schon ein zwei Anfragen abgelehnt - welche Kriterien muss ein neuer Verein erfüllen? Wäre zum Beispiel die dritte Liga eine Alternative?

Wessels: Prinzipiell auszuschließen ist das natürlich nicht, aber ich habe eigentlich andere Ziele. Vor nicht einmal zwei Jahren habe ich ja noch in der Premier League und im UEFA-Cup gespielt. Von daher bin ich mir sicher, dass ich nicht alles verlernt habe, auch wenn das letzte Jahr für mich ein bisschen unglücklich verlaufen ist.

SPOX: Hätten Sie selbst etwas anders machen können, um die Situation zu vermeiden, in der sie sich gerade befinden?

Wessels: Ja, natürlich. Ich hätte einfach den erstbesten Vertrag unterschreiben können, der mir angeboten wurde. Aber das wollte ich ja gerade nicht, sondern ich wollte Geduld haben und mir Zeit lassen. Das ist auch der Grund, warum ich mit meiner derzeitigen Situation nicht hadere, sondern mich ganz gut fühle. Für mich ist es ganz wichtig, dass ich diese Ruhe beibehalten kann.

SPOX: Die aktuelle wirtschaftliche Lage macht es sicherlich nicht einfacher, das richtige Angebot zu bekommen...

Wessels: Die Krise macht auch vor dem Profifußball nicht Halt, deshalb warten die Vereine, die nicht über die großen finanziellen Mittel verfügen, ein bisschen länger, bis sie Verträge abschließen.

SPOX: Trotz der Wirtschaftskrise werden für Fußballer wie Cristiano Ronaldo in diesem Sommer unglaubliche Summen bezahlt. Können Sie das nachvollziehen?

Wessels: So funktioniert nun einmal die Wirtschaft - es geht ganz einfach um Angebot und Nachfrage. Wenn Real Madrid einen Präsidenten hat, der meint, er muss die Millionen zum Fenster rauswerfen, dann soll er das tun. Solche Summen sind nicht zu rechtfertigen, aber andererseits scheint er ja genug Geld zu haben, um sich seine Traummannschaft zusammen zu stellen. Interessant ist ja, dass dadurch der Markt angekurbelt wird. Manchester United hat viel Geld eingenommen und wird es sicher auch wieder ausgeben und so geht das dann weiter. So profitieren der Fußball und auch die Profis von so einem Wechsel.

SPOX: Auch Ihr Ex-Verein Bayern München hat in diesem Sommer viel Geld investiert. Was erwarten Sie von den Bayern unter van Gaal?

Wessels: Das ist von außen natürlich sehr schwer einzuschätzen, aber er ist ein sehr erfahrener Mann, der den Bayern ganz sicher weiterhelfen wird.

SPOX: Bei den Bayern gibt es auch viele Diskussion um die Position, bei der Sie sich am besten auskennen, die zwischen den Pfosten...

Wessels: Ich denke, die letzte Saison ist für Michael Rensing unglücklich gelaufen. Er hat sich in der Rückrunde stabilisiert und musste dann aus heiterem Himmel seinen Posten räumen - zumindest empfand ich das als Außenstehender so. Man muss aber auch ganz klar sagen, dass Jörg Butt seinen Job danach sehr ordentlich gemacht hat. Ich bin gespannt wie es da weitergeht.

SPOX: Bei Ihrem anderen Ex-Klub, dem 1. FC Köln, ist Lukas Podolski zurück. Wie schätzen Sie diese Situation ein?

Wessels: Das ist natürlich ein Riesen-Hype, der da entstanden ist. 25.000 Fans beim Trainingsauftakt - das ist gigantisch. So was gibt es nur in Köln. Für die Stadt, den Verein und auch Poldi ist seine Rückkehr eine tolle Sache. Ich hoffe, er wird dort wieder viel Erfolg haben.

Stefan Wessels im Steckbrief