Der Siegeszug der "englischen Krankheit"

Von SPOX/Andreas Renner
Montag, 13.07.2009 | 14:01 Uhr
Eine Illustration von 1874, die die Aufmerksamkeit des Betrachters aufs "Dribbling" ziehen möchte
© Getty
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Worum war es bei diesem Richtungsstreit gegangen? Nicht etwa darum, ob der Ball mit der Hand gespielt werden dürfe. Vielmehr drehte sich der Streit um das so genannte "hacking". Kurz gesagt: Es ging darum, ob es erlaubt sein solle, den Gegner ordentlich ans Schienbein zu treten.

Die Verfechter des "hacking" waren nämlich der Meinung, dass diese spezielle Form des physischen Spiels in jedem Fall erhalten werden müsse. Ein gewisser F.W. Campbell aus Blackheath argumentierte: "Wenn man das hacking abschafft, dann braucht man für dieses Spiel weder Mut noch Schneid. Dann könnte ich ihnen eine Horde Franzosen bringen, die uns mit einer Woche Training besiegen könnte."

Im Sport ging es für die Engländer eben um das Beweisen von Mut und Männlichkeit. Und um das Zufügen von Schmerz. Talent, Technik oder ähnlicher Schnickschnack war nur etwas für Ausländer und die schlimmsten davon kamen bekanntlich aus Frankreich. Klingt vielleicht bizarr, aber der Grund dafür, dass Fußball überhaupt an Schulen und Universitäten gespielt wurde, war ein angeblich "pädagogischer".

Die Schulleiter hofften, das Spiel werde die Schüler moralisch stärken und dafür sorgen, dass sie nicht auf dumme Gedanken kommen. Masturbation etwa. Die war nämlich, glaubte man damals, am langsamen Zerfall des britischen Empire schuld. Und sorge darüber hinaus aus noch für ein vorzeitiges Ableben des Sünders. Tja, und deshalb spielt also inzwischen die ganze Welt Fußball.

Passspiel ist unmännlich

Das waren die Voraussetzungen für die ersten Fußballspiele unter den neuen Regeln. Vieles war immer noch anders als heute. Erst 1871 wurde ein fester Torwart eingeführt, der als einziger den Ball in die Hand nehmen durfte. Zuerst übrigens noch in der kompletten eigenen Hälfte.

Sunderlands Torwart Leigh Richmond Roose trug den Ball allerdings regelmäßig bis zur Mittellinie. Und weil das immer so ist, wenn es einer übertreibt, wurde im Jahr 1912 die Regel geändert und der Aktionsradius des Torwarts auf den eigenen Strafraum beschränkt. Wichtiger war jedoch die erste Abseitsregel. Zu Beginn galt nämlich eine ähnliche Vorschrift wie im Rugby: Jeder Spieler, der näher am gegnerischen Tor war als der Ball, war Abseits. Anders gesagt: Pässe konnten nur nach hinten gespielt werden.

Und deshalb verzichtete man zu Beginn auch praktisch völlig auf Passspiel. Der ballführende Akteur versuchte, durch die gegnerische Verteidigung zu dribbeln. Na ja, wir sollten "Dribbeln" wohl durch "Wühlen" ersetzen, das kommt eher hin. Das war aber wohl genau das "männliche" Spiel, das die Briten sehen wollten: Auf sie mit Gebrüll! Die Aufgabe der Mitspieler war es, den ballführenden Mann zu unterstützen.

Und unterstützen bedeutete: Abpraller aufnehmen. Denn absichtlich angespielt wurde man nicht. Wäre ja auch unmännlich gewesen. Eher etwas für Franzosen. Eine wirkliche Organisation auf dem Platz war noch unbekannt. In den ersten Jahren griffen Teams noch wie beim Rugby mit neun Spielern auf einer Linie an und hatten dahinter zur Absicherung einen Spieler plus den Torwart platziert. Anders gesagt: Man spielte eine 1-0-9 Taktik.

Kopfball? Wie exotisch!

Auch als die Abseitsregel 1866 geändert wurde, blieb das Dribbling Waffe Nummer eins. Die neue Abseitsregel sah nämlich immer noch anders aus als unsere heutige. Müssen heute im Moment der Ballabgabe zwei Mann näher am gegnerischen Tor sein als der vorderste Angreifer, mussten es damals sogar drei Mann sein.

Nur die Schotten brieten sich eine Extrawurst. Pässe und auch der ein oder andere lange Schlag nach vorne waren dort, anders als in England, schon früh kein Tabu mehr. Ebenso exotisch fand man es in England, den Ball mit dem Kopf zu spielen. Als ein Team diese Variante des Spiels im Jahr 1875 erstmals in London präsentierte, fand die Menge das eher "erheiternd als bewundernswert".

Zum ersten Mal prallten die unterschiedlichen Stile am 30. November 1872 im West of Scotland Cricket Club in Partick aufeinander. Schottland gegen England ging als erstes Länderspiel in die Geschichte des Fußballs ein. 4000 Menschen sahen zu.

Während die englischen Spieler mehr Masse in die Waagschale warfen, setzten die körperlich unterlegenen Schotten nicht auf eine Serie von Einzelaktionen, sondern auf mannschaftliche Geschlossenheit, Strategie und Passspiel. Und erreichten so gegen die klar favorisierten Engländer ein torloses Unentschieden. Vergleicht man die Formationen beider Teams, so setzten die Engländer auf ein 1-2-7, die Schotten mit ihrem 2-2-6 hatten schon eine Anspielstation mehr hinter der vordersten Front. (siehe Grafik)

Über die nächsten Jahre tobten die Diskussionen, welche Spielweise besser und Erfolg versprechender sei. In einem Kommentar der Zeitschrift "Umpire" behauptete ein Verfechter der britischen Individualtaktik: "Strategie kann niemals elf Paar flinke Beine ersetzen."

Und mal ehrlich: Führen wir diese Diskussion nicht auch noch heute? Was sonst hat Uli Hoeneß gemeint, als er vor dem Hoffenheim-Spiel seiner Bayern im Dezember behauptete: "Spiele werden nicht durch die Taktik entschieden, sondern durch die besseren Spieler."

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