Geschichte der Fußball-Taktik, Teil 8

Barcelona weist den Weg

Von SPOX/Andreas Renner
Montag, 20.07.2009 | 13:18 Uhr
Champions-League-Sieger, Meister und Pokalsieger: Barcelona ist derzeit das Maß der Dinge
© Imago
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Nie wurde in Deutschland soviel über Fußball-Taktik diskutiert wie heute. Doch woher kommen 4-4-2 und 4-2-3-1 und ballorientierte Raumdeckung? Gemeinsam mit Sky-Kommentator und SPOX-Blogger Andreas Renner haben wir versucht, der Sache auf den Grund zu gehen. Herausgekommen ist die SPOX-Themenwoche: Die Geschichte der Fußball-Taktik in acht Teilen.

Auch wenn Arrigo Sacchi das Gegenteil geplant hatte: Sein Raumdeckungsfußball führte zunächst zu einer defensiven Revolution. Wie DFB-Taktikexperte Urs Siegenthaler schon zur WM 2006 in Deutschland feststellte, legten Trainer weltweit den Fokus ganz klar auf die Verteidigung.

Mittlerweile, so Siegenthaler im Interview mit SPOX, "habe in diversen Ländern und Vereinsmannschaften seit geraumer Zeit" eine Gegenbewegung begonnen.

Dass die offensive Antwort auf die Raumverknappung nicht einheitlich sein muss, sondern viele Facetten haben kann, zeigen folgende Beispiele. Frank Wormuth, Trainerausbilder beim DFB hat mit seinen diesjährigen Lehrgangsteilnehmern die Spiele der U-21-EM analysiert.

Wormuth: "Wir stellten fest, dass in den meisten Fällen die Mannschaften, die mehr Ballbesitz hatten, als Verlierer vom Platz gingen."

Kontern wie in den 20er Jahren

Dazu passt eine Erkenntnis der technischen Kommission der FIFA zur letztjährigen EM in Österreich und der Schweiz: Fast niemand spielte mehr Angriffspressing (das Attackieren des Gegners schon tief in dessen Hälfte), weil Mannschaften heute technisch so stark sind, dass sie sich aus solchen Situationen befreien können.Stattdessen zogen sich alle tief in die eigene Hälfte zurück und versuchten dort, die Räume eng zu machen. Aus dieser starken Defensive wurde nun auf Konter gesetzt.  Siehe Russland, siehe die Niederlande.

Und weil es im Fußball keine ganz neuen taktischen Mittel mehr gibt, kann man diese Konterphilosophie zurückführen bis zu Herbert Chapmans Methoden bei Northampton und später Arsenal in den 20er und 30er Jahren.

Gegenentwurf: Spanien und Barcelona

Aber auch das Gegenmodell kann funktionieren, wie Spanien bei der EM oder der FC Barcelona in der abgelaufenen Saison bewiesen. Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte und lange Ballstafetten sind zum einen eine gute Verteidigungsstrategie, weil die anderen ja wenig Gelegenheit haben, um selbst anzugreifen.

Und die technische Stärke und das sichere Passspiel der Spanier ist auch ein Mittel, eine tief stehende Abwehr zu knacken. Mit viel Laufarbeit, ständigen Rochaden und dem geschulten Blick für die Lücke, wie ihn ein Xavi oder Iniesta hat.

St. Paulis Coach Holger Stanislawski sieht darin den Weg in die Zukunft: "Die Technik wird immer wichtiger. Das, was Barcelona macht, zeigt uns, wo der Weg hingeht." Und um gegen kompakte Defensivreihen Lücken zu finden, muss sie weiter verbessert werden.

Manndeckung sorgt für Verwirrung

Wie verschieden Trainer die Aufgaben der Zukunft angehen, illustriert ein Blick auf die Bundesliga: Da gibt es Borussia Mönchengladbach, das in der Vorsaison unter Hans Meyer die Old-School-Methode der Vergangenheit hervorkramte: Manndeckung nämlich. Und das kann heute durchaus sogar wieder funktionieren. Schließlich sind mittlerweile alle Spieler der Bundesliga auf das Verschieben zum Ball gedrillt und kennen das Mann-gegen-Mann der Vergangenheit gar nicht mehr.

Deshalb kann man so durchaus kurzfristig Erfolge feiern: Weil Manndeckung heute für genau so viel Verwirrung sorgt wie die Raumdeckung in den 90ern. Allerdings hat das auch seine Grenzen, so Wehens früherer Coach Christian Hock zu SPOX: "Mit ein bisschen Arbeit im Training kann man dieses Problem schnell in den Griff bekommen."

Defensive als Grundlage

Andere Klubs kämpfen noch mit der Umstellung auf die international notwendige Defensivstrategie. Bestes Beispiel: Die Diskrepanz in der Anzahl der Gegentore bei Borussia Dortmund in den letzten beiden Bundesligaspielzeiten (siehe Themenwoche, Teil 7). Da müssen offenbar auch noch einige Trainer an ihrer Fortbildung arbeiten.

Denn wie bei den Spielern gilt: Wer die neuesten Entwicklungen verschläft, der wird durch die Ligen nach unten durchgereicht. Oder in ferne Länder geschickt. Hertha BSC Berlin unter Lucien Favre hat dagegen den ersten Schritt nach vorne gemacht.

Und dieser erste Schritt heißt: Mit solider Defensivarbeit die Grundlage schaffen, auf die man dann offensiv aufbaut. Das ist für Favre und Co. nun der nächste Schritt und die Herausforderung für die Zukunft.

Neue Wege in die Offensive

Andere wiederum wissen, dass Defensive plus Kontern ihre beste Chance ist, um in der Liga zu bleiben. Und einige wenige, wie Freiburg und Hoffenheim, haben bereits auf der Basis einer guten Grundordnung neue Wege in der Offensive gefunden.

Hoffenheims Ralf Rangnick ging die Partie gegen den FC Bayern am 33. Spieltag mit Viererkette und davor sechs offensiven Leuten an. Die "defensivsten" waren Weis und Salihovic, die bekanntlich beide eher offensiv orientiert sind. Das muss man sich erst einmal trauen. Zur Pause, beim Spielstand von 2:2, brachte er dann allerdings Defensivspieler Fabricio für Angreifer Wellington.

Freiburg spielt (nicht) wie Manchester United

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