Fussball

Ungarn, Brasilien und das Wunder von Bern

Von SPOX/Andreas Renner
Szene aus dem Kinofilm zur WM 1954 von Sönke Wortmann: "Das Wunder von Bern" (2003)
© Imago

Vier Jahre später lernte die Welt Brasilien so richtig kennen. Klar, die Brasilianer waren 1950 erst im entscheidenden Spiel (ein echtes Finale gab es damals nicht) an Uruguay gescheitert und hatten 1954 das Viertelfinale erreicht (2:4 gegen Ungarn).

Mit der brasilianischen Dominanz, die wir heute kennen, hatte das wenig zu tun. Die begann nämlich bei der WM 1958 in Schweden. Mit dem 4-2-4-System.

Das gar nicht so weit entfernt war von dem, was die Ungarn in den Jahren zuvor geboten hatten. Dafür gab es auch Gründe.

Zwar war die brasilianische Variante des 4-2-4 schon vor seiner Ankunft kreiert worden, doch als der ungarische Coach Bela Guttmann 1957 Sao Paulo übernahm, verpasste er dem Spiel der Brasilianer einen Schuss Direktheit und Tempo. Sao Paulo holte den Titel, Guttmann ging zurück nach Europa, doch sein Assistent Vicente Feola führte seine Arbeit fort und wurde kurz vor der WM 1958 zum Nationaltrainer berufen.

Selecao opfert 470 Zähne

Der stark übergewichtige Feola, der an Herzproblemen litt, steht im Ruf, so entspannt gewesen zu sein, dass er ab und an beim Training einnickte, was vielleicht nur eine Legende ist.

Die Weltmeisterschaft jedenfalls plante er generalstabsmäßig: 25 potentielle Trainingsgelände wurden besichtigt, bevor man sich für eins entschied. Im Hotel der Brasilianer wurden alle weiblichen Mitarbeiter entlassen, um die Spieler nicht abzulenken.

Die Akteure wurden medizinisch durchgecheckt, den 33 Spielern wurden insgesamt 470 Zähne gezogen, die meisten mussten wegen Parasiten- und Würmerbefall behandelt werden und einer wegen Syphilis.

Außerdem arbeitete Feola mit einem Psychologen zusammen, der prompt empfahl, sowohl Pele ("zu infantil") als auch Garrincha ("ungeeignet für Drucksituationen") aus dem Team zu nehmen - ausgerechnet die beiden Stars im Team.

Feola antwortete: "Vielleicht haben sie Recht. Aber leider verstehen sie nichts von Fußball". Der Ruf der Psychologen im Fußball hatte einen schweren Schlag erlitten.

Renaissance der Raumdeckung

Die große Neuerung der Brasilianer war allerdings die Wiederentdeckung der Raumdeckung (etwa 40 Jahre, bevor wir Deutschen uns diesem Trend anschlossen), die mit der Änderung der Abseitsregel im Jahr 1925 von einer konsequenten Manndeckung abgelöst worden war. Die war nun (für Brasilien zumindest) passé, was die Mannschaft flexibler machte.

Einer der beiden Mittelfeldläufer wurde nach hinten gezogen, um der Mannschaft einen vierten Verteidiger zu geben. Der andere blieb im defensiven Mittelfeld.

Die offensive Mittelfeldposition übernahm ein ehemaliger Stürmer, wie bei den Ungarn, nur dass die Brasilianer nicht den Mittelstürmer zurückzogen, sondern den rechten Halbstürmer Didi. (siehe Grafik)

Geburt eines Mythos

Und Pele als einer von zwei zentralen Angreifern agierte etwas hinter seinem Kollegen Vava. Sozusagen als hängende Spitze. Die nun neu geschaffenen Außenverteidiger agierten auch offensiv. Auf Rochaden des Gegners hatte man durch die Raumdeckung die passende Antwort.

Man deckt einfach den Spieler, der vor einem auftaucht, egal, wer er ist (und welche Rückennummer er trägt). Nun sorgte ein zurückhängender Stürmer (zumindest in der Theorie) nicht mehr für totale Verwirrung bei der Verteidigung.

Die Kombination aus neuer Taktik und individueller Klasse (ja, Pele und Garrincha durften spielen) war unwiderstehlich. Die Südamerikaner überzeugten in der Offensive und in der Defensive: Brasilien holte den Titel in Schweden mit fünf Siegen, einem Unentschieden und 16:4 Toren. Ein Mythos war geboren.

Aber zu dieser Zeit pflegten nicht alle den offensiven, attraktiven Fußball. In Italien zeigte sich erstmals die hässliche Fratze des Spiels: der Catenaccio. Den gibt es am Donnerstag...

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