Geschichte der Fußball-Taktik, Teil 6

Schuhverkäufer Sacchi lehrt Raumverknappung

Von SPOX/Andreas Renner
Samstag, 18.07.2009 | 13:54 Uhr
Arrigo Sacchi lehrt und Ruud Gullit, Paolo Maldini, Carlo Ancelotti und Co. lauschen
© Imago
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Der Schlüssel zu allem war das extreme Verknappen des Raums, den der Gegner zum Spielen hatte. Alle Akteure mussten verteidigen (das wurde selbstverständlich vorausgesetzt) und der Abstand zwischen Abwehr und Angriff sollte, so Sacchi, im Optimalfall nicht mehr als 25 Meter betragen.

Dadurch wurde der Gegner so unter Druck gesetzt, dass er keine Zeit hatte, die weit aufgerückte Abwehr des AC mit Pässen zu überspielen. Stattdessen zog sich das Abwehrnetz um den Mann im Ballbesitz so zu, dass ihm oft nur ein Rückpass oder ein unkontrollierter Schlag nach vorne möglich war. In beiden Fällen hatte die Abwehr ihr Ziel erreicht.

Sacchis Mannschaft reduzierte so aber auch die eigenen Laufwege, weil der Raum, in dem man den Gegner angreifen musste, klein gehalten wurde.

Mit anderen Worten: Die Laufarbeit im Fußball veränderte sich völlig. Wo man vorher einem Gegenspieler gefolgt war und sprintete, wenn er sprintete, dafür aber auch herumstand, wenn der Gegner stand, war die Mannschaft als Einheit nun permanent in Bewegung. Man sparte sich so aber viele Kraft raubende Sprints, weil man immer nah am Geschehen dran war. (siehe Grafik)

Fünf schlagen zehn

Die Effektivität seiner Methoden bewies Sacchi seinem Team mit einer Übung. "Ich sagte ihnen, dass fünf Spieler mit guter Organisation zehn Spieler ohne Organisation schlagen könnten." Sacchi nahm Torwart Galli plus die Verteidiger Tassotti, Costacurta, Baresi und Maldini. Dagegen stellte er Gullit, Van Basten, Rijkaard, Virdis, Evani, Ancelotti, Colombo, Donadoni, Lantignotti und Mannari.

Die zehn Akteure bekamen 15 Minuten Zeit, um gegen Sacchis fünf Mann ein Tor zu machen. Die einzige Regel für die Angreifer war, dass sie bei Ballverlust wieder in der eigenen Hälfte beginnen mussten. Sacchi behielt Recht: 15 Minuten lang blieb Gallis Kasten sauber.

Geisterspiel

Natürlich war Sacchis Philosophie für die Spieler anstrengend. Volle Konzentration war gefragt, über 90 Minuten. "Unsere Spieler hatten vier Referenzpunkte: den Ball, den Raum, den Gegner und seine Mitspieler. Jede Bewegung musste in Beziehung zu diesen Referenzpunkten passieren. Jeder Spieler musste entscheiden, welcher dieser Referenzpunkte seine Bewegungen bestimmen sollte."

Geübt wurde das Ganze bis zum Umfallen. An jedem Spieltag gab es morgens eine Trockenübung. "Wir stellten uns in unserer Formation auf. Ich rief unseren Spielern zu, wo der imaginäre Ball war und die Spieler mussten sich entsprechend bewegen, den unsichtbaren Ball passen und sich wie ein Uhrwerk über den Platz bewegen, basierend auf den Reaktionen der Spieler."

Ein Scout von Real Madrid sah eine solche Trainingseinheit und berichtete: "Sie haben ein Spiel gemacht mit elf Mann über das ganze Feld, ohne Gegner und ohne Ball." Geisterfußball - bei so viel Fußball-Voodoo können sogar Königliche Angst bekommen.

90 Minuten Freude

Aber Sacchis Philosophie war keineswegs nur auf Defensive ausgelegt. "Ich wollte bei eigenem Ballbesitz immer fünf Mann vor dem Ball haben. Und es musste immer ein Spieler den linken und den rechten Flügel besetzen. Aber das konnte jeder sein, es mussten nicht immer die gleichen Leute sein." Unbedingt gewinnen zu müssen, war gar nicht die Maxime des Coachs.

"Ich tat es, um den Menschen 90 Minuten Freude zu bereiten. Diese Freude sollte nicht nur vom Gewinnen kommen, sondern daher, dass man unterhalten wurde und etwas Besonderes zu sehen bekam."

Viele von Sacchis Nachahmern haben sich in den folgenden Jahren allerdings hauptsächlich auf die Defensivstrategie konzentriert und die Offensive weitgehend außer Acht gelassen.

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