Nach dem EM-Sieg der U 19

Wer schafft den Sprung?

Von Stefan Rommel
Sonntag, 27.07.2008 | 22:56 Uhr
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München - In einer Zeit, als es noch keine Spartensender gab, war Marcel Witeczek nicht mehr als ein heimlicher Star.

Witeczek, am Ende seiner Karriere immerhin zwei Meisterschaften, einen UEFA-Cup-Sieg, 410 Bundesligaspiele und 50 Tore schwer, war Mitte der 80er Jahre eines der größten Talente des deutschen Fußballs.

Bei der U-17-WM 1985 wurde der damalige Uerdinger mit acht Turniertreffern Torschützenkönig und holte sich den Goldenen Schuh.

Einige Vereine aus der Bundesliga wurden aufmerksam, die Öffentlichkeit nicht. Zwei Jahre später wiederholte Witeczek das Kunststück bei den Welttitelkämpfen der Unter 20-Jährigen.

Jetzt traten auch Klubs aus dem Ausland auf den Plan, Witeczek entschied sich aber erst Jahre später für einen Wechsel - zu Bayern München.

Hrubeschs große Worte

Bei den U-19-Europameistern von 2008 wollen Experten aus dem In- und Ausland auch eine ganze handvoll Juwelen erkannt haben. Die Bender-Zwillinge Lars und Sven, Keeper Ron-Robert Zieler oder Richard Sukuta-Pasu.

Die Lobhudeleien setzen schon ein, die Träume von einer Goldenen Generation nehmen Konturen an. Angesichts der tollen Leistung der DFB-Auswahl durchaus berechtigt.

Trainer Horst Hrubesch sprach vor der nächtlichen Feier in einer Prager Diskothek von einem "Titel für die Ewigkeit. Davon werden wir noch in 50 Jahren reden." Große Worte, vielleicht aber ein wenig zu hoch gegriffen.

Wenige schafften den Durchbruch

Wagt man einen Blick zurück, finden sich einige Jahrgänge, denen schon einmal selbiges beschieden wurde - die aber danach die großen Vorschusslorbeeren nicht rechtfertigen konnten.

Von der 81er Mannschaft um Kapitän Ralf Loose schaffte keiner eine wirklich beeindruckende Karriere in der A-Nationalmannschaft. Dabei wurde die Truppe damals Weltmeister.

Aus dem Kader der U-20-Vizeweltmeister von 1987 gelang nur Andi Möller der große Durchbruch, er wurde Welt- und Europameister, holte die Deutsche Meisterschaft, die Champions League und den UEFA-Cup.

Von den Europameistern der U 16 von 1992, dem letzten großen deutschen Triumph, schaffte Lars Ricken zumindest bei Borussia Dortmund den Sprung zu ein wenig Ruhm. In der Nationalmannschaft der Männer blieb er mit 16 Einsätzen ein kleines Licht.

Ricken ist in Deutschland bis heute so etwas wie der Prototyp des ewigen Talents, dem der ganz große Wurf verwehrt blieb. Eine unterhaltsame Fügung, dass der mittlerweile 32-Jährige beim BVB seit ein paar Wochen als Nachwuchskoordinator angestellt ist.

Wo blieb die Nachhaltigkeit?

Jahrzehntelang wurden Erfolge beim DFB zwar gönnerhaft zur Kenntnis genommen. Als Anlass zur Verbesserung der Jugendförderung oder zur Sicherung der Nachhaltigkeit der Erfolge dienten die Siege aber nicht.

Der A-Nationalmannschaft fehlte der Unterbau, die DFB-Auswahl war bestimmt von vielen Quereinsteigern. Seit einigen Jahren aber ist eine erfreuliche Tendenz festzustellen.

Mario Gomez, Marcel Jansen oder Rene Adler durchliefen fast alle Jugend-Nationalteams und sind mittlerweile bei den Männern ein fester Bestandteil des Kaders.

Marko Marin oder Manuel Neuer stehen auf dem Sprung. Bundestrainer Joachim Löw hat Spieler wie Hamburgs Jerome Boateng oder Ashkan Dejagah vom VfL Wolfsburg im Blick.

Richtiger Weg mit Sammer

Seit dem Amtsantritt des zu Beginn umstrittenen Matthias Sammer im April 2006 wird der tugendhafte Weg in geregelte Bahnen gelenkt, Strukturen aufgebaut, Arbeitsabläufe optimiert und vor allem: Die Kommunikation mit den Profi-Klubs stark verbessert.

Denn dort, in der täglichen Arbeit, in die der DFB nicht eingreifen kann und will, liegt der Schlüssel zum Erfolg. "Der Weg, den Sammer eingeschlagen hat, zahlt sich nun aus. Die Kommunikation mit dem DFB ist deutlich verbessert. Wir stimmen uns jetzt besser ab", sagt Stefan Reuter, Geschäftsführer von 1860 München.

Die Löwen stellten vier Spieler der deutschen Startformation ab. Nur Bayer Leverkusen entsandte mit fünf Akteuren ein noch größeres Kontingent.

Überzeugungsarbeit beim DFB

Aber auch Sportdirektor Sammer musste im eigenen Verband zuerst mühsame Überzeugungsarbeit leisten. "Die Denkweise beim DFB ist mittlerweile sehr professionell. Die Verantwortlichen um Präsident Dr. Theo Zwanziger und Generalsekretär Wolfgang Niersbach haben die Wichtigkeit der Förderung erkannt und unterstützen den Nachwuchs vorbildlich."

Die Grundlagen sind geschaffen - eine Garantie für kommende A-Nationalspieler oder die Weltmeister von 2010 sind sie aber nicht. Keiner weiß das besser als Sammer, der ewige Perfektionist.

Ausruhen wäre fatal

"Der EM-Sieg ist der Anfang der Fahnenstange, nicht das Ende. Nur, wenn die Spieler jetzt begreifen, dass sie sich auf dem Triumph nicht ausruhen dürfen, werden wir einige von ihnen in ein paar Jahren auch in der Männer-Nationalmannschaft wieder sehen", sagt der 40-Jährige.

"Die Arbeit, die jetzt geleistet wurde, wird sich nur auszahlen, wenn die Spieler weiter an sich arbeiten. Dann kann aus diesem Jahrgang eine große Generation werden."

Leider hat das bei vielen früheren Generationen nicht geklappt. Obwohl die Voraussetzungen bestens waren. Marcel Witeczek etwa stach bei seinem zweiten Goldenen Schuh 1987 einen späteren Welt-Star aus.

Davor Suker musste sich damals mit dem zweiten Platz begnügen.

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