"Aldi oder Gucci? Völlig egal!"

Von Interview: Haruka Gruber
Freitag, 01.08.2008 | 16:00 Uhr
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München - Schicksal Arbeitslosigkeit. In Deutschland betrifft das 3,21 Millionen Menschen, darunter auch einige Dutzend Fußball-Profis.

Einer von ihnen: Moses Sichone, 83-maliger Bundesligaspieler und Nationalheld in seinem Heimatland Sambia. Um vor der Saison doch noch einen neuen Verein zu finden, nimmt der 31-Jährige, der zuletzt beim Zweitliga-Absteiger Offenbach unter Vertrag stand, in Duisburg am Trainingscamp für vertragslose Fußballer teil. Das Trainingscamp im Video-Porträt!

Dort will er sich fit halten, um das Interesse von Bundesliga- oder Zweitliga-Klubs zu wecken.

Im SPOX-Interview spricht Sichone über das fehlende Gucci-Flair, deplatzierten Stolz und das Warten auf den entscheidenden Handy-Anruf.

SPOX: Wie unangenehm war der Gang zum Arbeitsamt?

Moses Sichone: Es war ein richtig komisches Gefühl, so etwas musste ich ja noch nie machen. Aber da muss man durch.

SPOX: Es heißt, dass sich Menschen durch die Arbeitslosigkeit verändern. Sie auch?

Sichone: Nein, ich habe mich in keiner Weise verändert. Nur vom Geld her musste ich mich natürlich umstellen, so ohne das monatliche Gehalt.

SPOX: Es ist also Aldi angesagt?

Sichone: Mir war und ist es völlig egal, wo ich einkaufen gehe. Wenn ich etwas brauche, kaufe ich das, ob das nun im Aldi ist oder im Gucci- oder Dolce-&-Gabbana-Shop. Hauptsache, die Dinge gefallen mir.

SPOX: Das Kleingeld reicht demnach noch für Gucci?

Sichone (lacht): Ich habe noch ein bisschen was auf dem Konto, das ist kein Problem.

SPOX: Im Trainingscamp für vertragslose Fußball-Profis leben und trainieren Sie hingegen in einer Sportschule. So ganz ohne Gucci-Flair…

Sichone: Das ist überhaupt kein Problem, diese ganze Atmosphäre gehört doch auch dazu. In der Sportschule übernachten derzeit neben uns auch Jugend- und Damenmannschaften sowie Teams aus dem Ausland. Vor allem die Jugendlichen sprechen mich immer wieder an und fragen nach Autogrammen. Alles sehr angenehm.

SPOX: Wie ist die Stimmung unter den Profikickern?

Sichone: Sehr gut. Fast, als ob wir eine echte Mannschaft wären. Die anderen interessieren sich für einen, fragen nach, wie es geht. Dank des Trainingscamps ist das Gefühl weg, dass man alleine ist. Ansonsten hockst du ja alleine zuhause rum, gehst alleine joggen, gehst alleine trainieren und fällst vielleicht irgendwann in ein Loch.

SPOX: Und auch sportlich macht das Camp Sinn?

Sichone: Das Training ist super. Es ist fast wie in einem richtigen Verein. Wir arbeiten an den konditionellen Grundlagen und sammeln die nötige Spielpraxis durch Testspiele. Zuletzt hatten wir Partien gegen einen Landesligisten und gegen die Reserveelf von Mönchengladbach. Wenn man einen Verein sucht, ist das hier ideal. Ich bin heilfroh.

SPOX: Einen Unterschied gibt es jedoch zu einem richtigen Verein. Die Handys dürfen immer an sein…

Sichone: Das stimmt. Es könnte ja sein, dass ein interessierter Verein anruft, daher ist man darauf angewiesen, in der Kabine oder beim Essengehen erreichbar zu sein. Ansonsten wird die Disziplin aber groß geschrieben. Wer zu spät zum Training kommt, kriegt Ärger. So, wie es sein muss.

SPOX: Klingt alles sehr positiv. Fiel es Ihnen aber nicht dennoch schwer, sich für das "Arbeitslosen-Trainingslager" anzumelden?

Sichone: Nein. Bei jedem Profisportler kommt eine Phase, in der man mit Problemen zu kämpfen hat. Ich habe die Situation akzeptiert und will das Beste daraus machen. Deswegen interessieren mich derzeit auch nicht Dinge wie Stolz oder Eitelkeit. Ich gehe ganz locker an die Sache ran und versuche, mir so wenig Gedanken wie möglich zu machen.

SPOX: Dabei standen Sie in Köln und Aachen in der Kritik, weil Sie auf dem Platz zuviel nachdenken würden und deswegen den einen oder anderen Patzer verschuldet hätten.

Sichone: Da wurde viel übertrieben. Fußballer haben einfach Momente, in denen es vielleicht an der Konzentration mangelt. Aber das geht jedem so, nicht nur mir. Zum Beispiel unterläuft auch einem Lucio hier und da ein Fehler, aber bei ihm wird das nicht so thematisiert, weil er als brasilianischer Nationalspieler ein größeres Standing hat.

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SPOX: Ihr Ruf hat auch unter dem Unfall von vor eineinhalb Jahren gelitten, als sie alkoholisiert mit dem Auto gegen einen Zaun gefahren sind. Ist diese Episode bei der Vereinssuche hinderlich?

Sichone: Das ist schon lange her und ich habe schon genug dazu gesagt. Das Thema ist abgeschlossen. Müssen wir noch einmal darüber sprechen?

SPOX: Dann blicken wir lieber in Ihre Zukunft. Der MSV Duisburg soll Interesse gezeigt haben. Stimmt das?

Sichone: Der MSV hat sich bei mir gemeldet und wir haben auch schon über unsere Vorstellungen geredet. Mal schauen, ob es klappt.

SPOX: Was passiert, wenn Sie bis zum 26. September, dem letzten Tag des Trainingscamps, keinen Verein gefunden haben?

Sichone: Ich mache mir nicht allzu viele Sorgen, in neun Jahren Deutschland habe ich immerhin schon ziemlich alles erlebt. Das Wichtigste ist, dass ich von mir selber weiß, dass ich noch Fußball spielen kann. Vielleicht finde ich etwas, vielleicht auch nicht. Vielleicht ist auch die Zeit gekommen, um Deutschland den Rücken zu kehren.

Das Trainingscamp für vertragslose Fußballer im Video-Porträt!

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