Sonntag, 01.06.2008

Schriftsteller Pamuk kritisiert

Türkischer Fußball dient dem Nationalismus

Hamburg - In der Türkei ist der Fußball nach Auffassung von Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk "eine Maschine zur Produktion von Nationalismus, Fremdenhass und autoritärem Denken".

EM 2008, Türkei, Pamuk
© DPA

Der türkische Fußball diene heutzutage dem Nationalismus, aber nicht der Nation, sagte der in Istanbul lebende Schriftsteller dem Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" anlässlich der bevorstehenden Europameisterschaft, bei der auch die Türkei mitspielt.

Pamuk verwies auf das Verhalten von türkischen Medien und Fußballern nach Niederlagen, etwa nach der verpassten Qualifikation für die WM 2006 in Deutschland.

Schweiz-Spiel als Beispiel

Damals hatten türkische Spieler Schweizer Spieler tätlich angegriffen. "Das war unethisch und nicht akzeptabel, vor allem, wie die türkischen Zeitungen später darüber schrieben. Das Scheitern wurde den Schiedsrichtern angelastet und irgendwelchen Verschwörungen. Fürchterlich."

Nach Auffassung Pamuks fördern nicht Siege, sondern Niederlagen den Nationalismus.

Pamuk unterstützt Türkei bei EM

Auch wenn Nationaltrainer Fatih Terim "ein Ultra-Nationalist" sei, "bin ich natürlich während der Europameisterschaft für das türkische Team", betonte Pamuk, der als Jugendlicher selber nie in einem Verein, sondern nur auf den Straßen Istanbuls Fußball gespielt hatte.

Er könne es nicht gut ertragen, wenn die türkische Mannschaft verliere, bekannte Pamuk. Aber ein Fan sei er nicht mehr.

Torhüter nehmen besondere Rolle ein

Pamuk verwies darauf, in den 1980er Jahren immer mehr zum Schriftsteller geworden zu sein und in den USA gelebt zu haben.

"Außerdem war der türkische Fußball sehr schlecht. Das war keine Verehrung von Helden mehr, sondern von Verlierern. So spielten für uns bis weit in die 90er Jahre hinein die Torhüter eine besondere Rolle, weil angesichts der gegnerischen Überlegenheit bei internationalen Spielen es stets von ihnen abhing, die Nation zu retten."

Und schließlich liege das Vergnügen am Fußball im sozialen Kontext, "aber mein Vertrauen in diesen sozialen Zusammenhang habe ich verloren.", sagte Pamuk.


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