Der "Fall Dejagah"

Zwischen Angst und Naivität

Von Stefan Moser
Mittwoch, 10.10.2007 | 23:08 Uhr
dejagah
© Getty
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München - Der "Fall Dejagah" zieht immer weitere Kreise. Die Weigerung des Deutsch-Iraners, mit der U-21-Auswahl des DFB in Israel anzutreten ist längst ein Politikum.

Die Diskussion ist kontrovers, mitunter auch hitzig. Sie ist komplex, mitunter auch diffus. Während Dejagahs Absage zu Beginn als explizite politische Geste verstanden wurde, mehren sich nun die Gerüchte über etwaige persönliche Motive.

Doch schon alleine die Grenze zwischen "persönlich" und "politisch" ist fließend, ein fundiertes Urteil über den Sachverhalt umso schwieriger. Viele Fragen bleiben weiterhin in der Diskussion.

Als Diskussionsgrundlage zeichnet SPOX.com die Chronologie der Geschehnisse nach und bat Dejagahs Verein, den DFB sowie die Bundesregierung um weitere Fakten.

1. Das Zitat in der "Bild"-Zeitung

Die Affäre nahm ihren Anfang, als Ashkan Dejagah am vergangenen Wochenende den DFB bat, ihn von der U-21-Länderspielreise nach Israel freizustellen. Aus "persönlichen Gründen", wie es in der offiziellen Presse-Mitteilung heißt. Um welche Gründe es sich dabei konkret handelt, wird nicht näher erläutert.

Am Montag schließlich veröffentlicht die "Bild"-Zeitung eine andere Version der Geschichte. Sie zitiert Dejagah mit einem einzelnen Satz: "Das hat politische Gründe. Jeder weiß, dass ich Deutsch-Iraner bin."

Die Formulierung lässt genügend Interpretationsspielraum, den die "Bild" auch nutzt, um eine politisch-ideologische Stoßrichtung von Dejagahs Absage zu suggerieren. "Die Absage legt den Eindruck nahe, dass Dejagah mit dem iranischen Machthaber Mahmud Ahmadinedschad sympathisiert", so die Zeitung.

Ahmadinedschad äußerte in den letzen Jahren wiederholt die Fantasie, den Staat Israel mit einem Nuklearschlag zu vernichten. Die "Bild" nennt ihn den "Irren von Teheran". Für den Zentralrat der Juden in Deutschland ist er ein "Weltmeister im Antisemitismus".

2. "Mit Juden spielt man nicht"

Entsprechend heftig fielen die Reaktionen aus. Dejagahs Absage sei eine dezidiert politische - namentlich eine "anti-israelische" - Geste. "Die Botschaft ist: 'Mit Juden spielt man nicht'", so Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats.

Die Präsidentin Charlotte Knobloch forderte - genau wie etliche Vertreter der deutschen Politik - den sofortigen Ausschluss Dejagahs aus der Nationalmannschaft.

Während das Thema in israelischen Medien selbst noch keine Rolle spielt, sah auch die iranische Presse einen symbolischen Akt - und feierte ihn als "heroisch und meisterlich". Die Sportzeitung "Goal" sah "ein sehr ehrenvolles Verhalten von einem jungen Mann, der nicht mal im Iran aufgewachsen ist".

3. Naivität und Angst - Persönliche Gründe

Im Laufe des Dienstags verschob sich der Schwerpunkt der Diskussion. Während Dejagahs Absage anfangs als explizites politisches Statement betrachtet wurde, rückten nun die "persönlichen Gründe" mehr und mehr in den Vordergrund.

Demnach habe sich der 21-Jährige gegenüber der "Bild"-Zeitung zwar naiv - vielleicht auch "dumm" (DOSB-Generaldirektor Michael Vesper) - verhalten und sei in seinen Äußerungen missverstanden worden. Die Gründe für seine Bitte um Freistellung seien aber in der Tat nicht politischer Natur.

Auch auf Nachfrage von SPOX.com erklärte Dejagahs Verein, der VfL Wolfsburg, es handle sich "ausschließlich um private Gründe", wie sie in der DFB-Pressemitteilung erwähnt - allerdings nicht konkret benannt - wurden.

Auch VfL-Trainer Felix Magath bestätigte inzwischen: "Möglicherweise - das kann ich aber nicht beurteilen - hat er sich etwas unglücklich ausgedrückt. Er versichert mir, dass seine Entscheidung keine politischen Gründe hat."

Nichtsdestotrotz schossen weiterhin die Gerüchte ins Kraut. Spekuliert wurde nun über verschiedene persönliche Motive.

4. Dejagah kann nicht mehr für den Iran spielen

Die Aussage von DFB-Präsident Theo Zwanziger, der Spieler müsse sich entscheiden, für welchen Verband (Deutschland oder Iran) er in Zukunft auflaufen wolle, führte zu folgender Annahme: Dejagah wolle nicht gegen das iranische Einreise-Verbot nach Israel verstoßen, um sich die Option offen zu halten, später für die iranische Nationalmannschaft zu spielen.

Der DFB aber erklärte gegenüber SPOX.com, dass die Möglichkeit ohnehin nicht mehr besteht, "weil Dejagah nach Vollendung seines 21. Lebensjahres bereits ein Pflichtspiel für die deutsche U-21-Auswahl absolviert hat".

Einen naheliegenderen Grund nannte wenig später Bundestrainer Jogi Löw, der sich bei Dejagahs U-21-Trainer Dieter Eilts über den Sachverhalt informiert hatte: "Dieter hat mir den Vorgang beschrieben und die Gründe des Spielers genannt. Demnach haben er und seine Eltern größte Bedenken wegen seiner Einreise nach Israel. Ein Teil von Dejagahs Familie lebt im Iran und fürchtet Konsequenzen, falls der Sohn in Tel Aviv spielt."

Hintergrund: Seit der Islamischen Revolution von 1979 lehnt es der Iran ab, Israel anzuerkennen und verbietet seinen Staatsbürgern die Einreise sowie den sportlichen Wettkampf. Das Verbot wurde von den jeweiligen Verbänden in den vergangenen 28 Jahren strikt und ohne Ausnahme umgesetzt.

5. Einreiseverbot und mögliche Haftstrafen

Dejagah besitzt neben dem deutschen auch einen iranischen Pass. Und mehrere Experten bestätigten gegenüber SPOX.com, dass ein Aufenthalt in Israel sehr wohl zu einem Einreise-Verbot für Dejagah in den Iran führen könnte.

Bei einer konsequenten Gesetzesauslegung droht sogar eine Haftstrafe für mehrere Jahre. Es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass ein Länderspiel in Israel für Dejagah bedeutet, dass er seine Familie im Iran nicht mehr besuchen kann. Auch Sanktionen gegen seine Familie seien keineswegs auszuschließen.

Das wäre in der Tat ein sehr persönlicher Grund für eine Absage und kein explizites politisches Statement. Die Frage, ob Dejagah deshalb weiterhin für Deutschland spielen kann oder soll, bleibt jedoch trotzdem weiter in der Diskussion.

6. Die Entscheidung liegt beim DFB

Wie ein Sprecher von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble betonte, sollte jeder Spieler einer deutschen Nationalmannschaft grundsätzlich "bereit und in der Lage sein", in jedem Land zu spielen, mit dem Deutschland sportliche Beziehungen unterhält. Politische Überlegungen sollten dabei keine Rolle spielen.

Die Entscheidung über die sportliche Zukunft Dejagahs in deutschen Auswahlmannschaften liegt nun bis auf Weiteres in den Händen des DFB.

Auf Anfrage von SPOX.com bestätigte das Deutsche Auswärtige Amt in Berlin, dass die Angelegenheit weiter im Zuständigkeitsbereich des DFB liege, solange Dejagahs Absage "ausschließlich persönliche" Gründe habe.

DFB-Präsident Zwanziger kündigte bereits an, nach dem Spiel in Tel Aviv (Freitag) "zeitnah mit ihm zu sprechen."

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