Gequetscht bis zum Gehtnichtmehr

Von Dominik Geißler
Freitag, 01.07.2016 | 13:09 Uhr
Der FIA-Weltrat und Bernie Ecclestone einigten sich Ende 2015 auf den neuen Rekord-Kalender
© getty
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21 Rennen umfasst der Formel-1-Kalender 2016. Vier davon finden allein im Juli statt, den Auftakt macht der Große Preis von Österreich (alle Sessions im LIVETICKER). Das Mammut-Programm bringt die Teams an die Belastungsgrenze, doch Bernie Ecclestone könnte noch mehr wollen. Zum Verdruss der Fans?

16. August 1970. Jacky Ickx gewinnt den Großen Preis von Österreich auf dem frisch eingeweihten Österreichring in Spielberg. Es ist das neunte von insgesamt 13 Rennen in dieser Saison, die mit Jochen Rindt den einzigen posthumen Weltmeister der Formel-1-Geschichte hervorbrachte.

Wer 2016 Champion wird, ist selbstverständlich noch nicht abzusehen. Doch auch in diesem Jahr geht es zum neunten WM-Lauf auf den mittlerweile zum Red-Bull-Ring umbenannten Kurs in der Steiermark. Mit einem großen Unterschied: Nach dem Rennen am Sonntag folgen in dieser Saison noch zwölf weitere, das letzte am ersten Adventssonntag.

Somit wartet die Königsklasse mit insgesamt 21 Grands Prix auf. Ein Rekord. Allein in den nächsten fünf Juliwochen werden vier Rennen ausgetragen - ebenfalls Rekord. Nach dem Österreich-GP geht es direkt nach England, anschließend nach Ungarn und von dort aus sofort nach Deutschland zum Hockenheimring. Damit auch wirklich keinem Team langweilig wird, finden zwischendrin Testfahrten in Silverstone (12.-13. Juli) statt.

"Das ist eine Belastung"

Ein echter Monster-Monat. In einem Monster-Kalender. Der Promoter Bernie Ecclestone mehr Geld denn je verspricht. Und für die Teams so viel Stress wie nie zuvor bedeutet. "21 Rennen sind richtig viel, wir kommen von 19. Das wird physisch und psychisch zu einer Belastung für die Mannschaften", prophezeite Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff schon vor dem Saisonauftakt in Australien.

Und Claire Williams, stellvertretende Teamchefin des gleichnamigen Teams, pflichtete bei: "Ich habe viele meiner Leute nach einer Saison schon wirklich erschöpft und ausgelaugt gesehen. Sie müssen ihre Familien für diese Zeit daheim zurücklassen. Das ist viel verlangt."

Hinzu kommt der logistische Aufwand, der hinter so einer Mammut-Saison steckt. Zwar übernimmt die DHL als Partner der Formel 1 einen Teil dieser Arbeit. Viele Prozesse bleiben aber an den Teams hängen.

So reisten beispielsweise einige Mitarbeiter schon vor dem Kanada-GP nach Aserbaidschan, um die Vorbereitungen für den direkt darauffolgenden Europa-GP zu beginnen. Wie Force Indias Hauptkoordinator Franco Massaro berichtet, waren sogar schon im vergangenen Dezember Teammitglieder in Baku, um die schnellsten Routen zwischen Strecke und Hotel ausfindig zu machen.

Mehr Geld? Nicht für die Teams

Um all diesen Aufwand zu bewerkstelligen und die einzelnen Menschen nicht über ihre Belastungsgrenze hinaus zu fordern, kam bei Mercedes und McLaren sogar die Idee einer "B-Mannschaft" auf. Arbeitsteilung also. Ein Luxus, den sich nur die großen Teams leisten können.

"Wir Privatteams haben nicht so viele Leute, dass wir sie einfach austauschen können. Wir haben eben nicht diesem Schichtbetrieb, dass wir einen Teil der Belegschaft vor Ort haben und den anderen Teil dann zuhause lassen", gab Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn zu bedenken.

Mehr Geld bringt der vollgepackte Kalender den Rennställen nämlich nicht ein. Die Sponsoren zahlen eine bestimmte Summe für ein komplettes Jahr - ob das dann aus zehn oder 30 Rennen besteht, spielt keine Rolle.

Gefahr der Übersättigung

Neben der Extremherausforderung für die Teams stellt sich eine weitere Frage: Wollen die Fans überhaupt so viele Rennen sehen? Sind sie nicht irgendwann übersättigt? Eine Überlegung, die die Formel 1 bei dem aktuellen Zuschauerschwund an Rennstrecken und TV-Geräten sehr ernst nehmen muss.

"Der Kalender sieht vor, dass im Herbst drei Asien-Rennen in Folge (Singapur, Malaysia, Japan) in einem Zeitraum von vier Wochen über die Bühne gehen", wirft Kaltenborn ein: "Im Sinne der Logistik ist das zwar zu begrüßen, aber für den Mark ist das schlecht. Man muss da sehr vorsichtig sein. Wir liefern eigentlich selbst die Gründe, warum die Zuschauer nicht kommen."

Wie sieht 2017 aus?

Und doch könnte die Anzahl der Rennen in der kommenden Saison weiter steigen. Las Vegas soll dank chinesischer Investoren gute Chancen haben, schon 2017 in den Kalender zu rutschen. Ecclestone lässt sich diesbezüglich nicht in die Karten gucken. Mal spricht sich der Zampano für eine weitere Aufstockung aus, mal rudert er zurück.

"Es können 22 Rennen werden oder auch nur 18", sagte Ecclestone nun unlängst und stellte klar: "Ein oder zwei Länder werden wohl wegfallen. Und neue Länder aus anderen Teilen der Welt kommen, nicht aus Europa. Die Formel 1 ist schließlich keine Europa-, sondern eine Weltmeisterschaft."

Als besonders gefährdet gelten der Große Preis von Italien in Monza, der Belgien-GP sowie die Rennen in Deutschland und England. Auch Kanada und Brasilien sollen vor dem Aus stehen.

Doch all das ist im Moment Zukunftsmusik. Jetzt steht erst einmal der Rekord-Juli an, der die Teams auf der letzten Rille arbeiten lässt und den Fahrern die Möglichkeit gibt, massig Punkte zu sammeln. Bis zu 100 WM-Zähler sind im Idealfall vor der Sommerpause drin. Wer die holt, dem dürfte er auch der ganze Stress egal sein.

Ein dreimaliger Weltmeister kann die Aufregung sowieso nicht verstehen. "Wenn die Fahrer heute erzählen, dass sie ausgelaugt sind, kann ich nur lachen", wunderte sich Sir Jackie Stewart, Champion von '69, '71 und '73, bei auto motor und sport: "Ich fuhr Formel 1, Formel 2, Sportwagen, Tourenwagen, GT-Autos, Indianapolis. Ich meine, da leben Fahrer heute im Paradies." Die Fahrer vielleicht, doch die einfachen Mitarbeiter?

Die Formel-1-Kalender 2016 im Überblick

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