Formel-1-Regenrennen: Neue Diskussion beim Brasilien-GP

Wer definiert das Limit?

SID
Montag, 14.11.2016 | 10:56 Uhr
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Die Formel 1 hat ein Problem. Nach dem Großen Preis von Brasilien wiederholt sich die Diskussion aus Silverstone: Wird zu vorsichtig reguliert, sobald es Regen gibt? Die Interlagos-Rennleitung muss sich selbst von Lewis Hamilton Kritik gefallen lassen. Doch ist die überhaupt berechtigt?

Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit 250 km/h auf der Autobahn eine leichte Linkskurve und plötzlich können ihre Reifen das Wasser nicht mehr verdrängen. Aquaplaning. Es geht schnurstracks geradeaus, ohne dass Sie irgendetwas dagegen unternehmen können. Endstation Leitplanke.

Oder stellen Sie sich vor, Sie fahren mit 250 km/h auf der Autobahn und ihre Scheibenwischer funktionieren nicht. Es regnet. Die Gischt steht über der Fahrbahn. Plötzlich steht 50 Meter vor Ihnen ein Auto falsch herum.

Oder stellen Sie sich vor, Sie fahren mit 250 km/h auf der Autobahn mit zwei Metern Abstand hinter einem anderen Auto her und ihnen kippt jemand zwei Badewannen voller Wasser ins Gesicht. Plötzlich wird das Auto vor Ihnen langsamer.

Können Sie einen folgenschweren Unfall in einer der Situationen ausschließen?

Räikkönen-Unfall: Drei Probleme in einer Szene

Die drei Episoden sind die Beschreibung einer einzigen Szene des Brasilien-GP: Kimi Räikkönen verlor auf der Zielgeraden durch Aquaplaning die Kontrolle über seinen Ferrari blieb entgegen der Fahrtrichtung auf der linken Spur stehen. Mehrere Piloten wichen gerade noch aus, Esteban Ocon riss blitzschnell noch das Lenkrad zur Seite. Hinten verlangsamten die Piloten - bis auf Jolyon Palmer, der krachte beinahe ungebremst in den Toro Rosso von Daniil Kvyat.

Ein folgenschwerer Unfall blieb der Formel 1 glücklicherweise erspart. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte Ocons Manor sich über die Nase von Räikkönens Ferrari katapultiert.

Fans laufen Sturm gegen Sicherheit

Und trotzdem war das Geschrei während des Brasilien-GP groß. Die Fans an der Strecke reckten die Daumen nach unten, als zum zweiten Mal die Rote Flagge geschwenkt und damit das Rennen unterbrochen wurde.

"Die erste Rote Flagge war nachvollziehbar, weil die Leute abgeflogen sind", sagte Hamilton nach dem Rennen: "Bei der zweiten, nachdem wir wieder rausgefahren sind, war die Strecke bereit für Intermediates, aber das Safety Car blieb Ewigkeiten draußen."

Was Hamilton nicht erwähnte: Er hatte an der Spitze freie Sicht. Die Verfolger mussten sich in der Gischt zurechtfinden.

"Es war am Limit", sagte etwa Nico Rosberg, erster Hamilton-Verfolger und damit immer noch nicht in der maximal möglichen Spritzwassersuppe: "Am Ende haben sie es richtig gemacht. Sie haben einen guten Job bei der Beurteilung gemacht."

Sainz: "Unglaublich, wie gefährlich es war"

Noch schwieriger war das Rennen im brasilianischen Dauerregen für die Piloten im Mittelfeld. "Es ist sehr einfach von zu Hause aus zu sagen: 'Warum fahren sie kein Rennen? Das ist nicht mehr die F1.' Im Auto? Unglaublich, wie schwer es war, wie gefährlich es war", sagte Carlos Sainz jr., nachdem er das Kunststück vollbracht hatte, von Startplatz 15 auf Rang 6 vorzufahren.

Der Spanier in Diensten von Toro Rosso fuhr knapp hinter dem Iceman, als der sich plötzlich drehte. "Zehn Meter und ich hätte ihn bei 300 km/h getroffen. Von 300 auf 0 - Sie können sich das Ausmaß des Crashs vorstellen."

Sowas hätte es mit Bernie nicht gegeben

Als das Rennen zum zweiten Mal per Roter Flagge abgebrochen wurde, deutete auf den Wetterschirmen der FIA alles darauf hin, dass der Regen in den nächsten Minuten deutlich stärker werden würde. Hätte man lieber einen schweren Unfall riskieren sollen?

Bernie Ecclestone hätte die Frage wohl mit "Ja" beantwortet. Damon Hill verdeutlichte bei Sky, wie früher in der Formel 1 die Sicherheit bei Regen beurteilt wurde: Bernie sagte: 'Ihr fahrt.' Und es wurde gefahren. Dass die Piloten vor Angst Schweißausbrüche bekamen, wäre im Dauerregen eh keinem aufgefallen.

Heute aber mischt sich die FIA ein. Der Automobilweltverband muss Verantwortung übernehmen und die Sicherheit auf der Rennstrecke gewährleisten, wenn er auf öffentlichen Straßen dafür wirbt.

"Der Regen hat dauernd seine Intensität verändert. Wir wussten nicht, wo die Reise hingeht", verteidigte Charlie Whiting als Verantwortlicher der FIA die Entscheidung zum zweiten Abbruch: "Wir müssen auch auf andere Fahrer hören und nicht nur auf die schnellsten."

Unterschiedliche Rückmeldungen der Fahrer

In der Tat hatten mehrere Fahrer über Funk angemerkt, der Regen würde stärker. Dagegen äußerten sich Hamilton und Valtteri Bottas lautstark ihren Unmut über die weitere Unterbrechung. Allen Recht machen kann man es eh nicht.

Ein weiterer Unterschied zur glorreich verklärten Zeit der vermeintlich echten Männer: Damals galt ein anderes Reglement. Die Autos wurden zwischen Qualifying und Rennen mal eben neuaufgebaut. Das ist mittlerweile verboten.

Kosten soll die Parc-Fermé-Regel sparen. Bei Regen birgt sie einen klaren Nachteil: Ist es trocken, wie beim Qualifying am Samstag, reduzieren die Teams die Bodenfreiheit so weit wie möglich. Das bringt Abtrieb. Doch bei Regen, bei stehendem Wasser auf der Strecke drohen die Autos ohne Bodenfreiheit aufzuschwimmen. Diese Regel bei Regen aufzuheben, würde Probleme lösen.

Doch selbst mit mehr Bodenfreiheit wäre die brenzlige Situation mit Räikkönen wohl kaum vermeidbar gewesen. Das stehende Wasser führte zu seinem Kontrollverlust. "Wenn man einen der Flecken trifft, kann man nichts machen", so der Iceman.

Full Wets schuld an Abbrüchen?

Rosberg führte die Probleme auf die untauglichen Full Wets zurück. Schon in Silverstone hatte sich Vettel beschwert: Die Fahrer hätten kein Vertrauen, die Vollregenreifen würden nicht besser funktionieren als die Intermediates. Rosberg wäre in Interlagos auf einer Stelle mit viel Wasser beinahe abgeflogen - in der Senke vor dem Bergaufstück zur Zielgeraden, wo alles Wasser zwischen den Seen zusammenläuft.

"Die Reifen schaffen es nicht. Wir wissen das und wir haben daran das Jahr über gearbeitet", bezog sich Rosberg nach dem Rennen auf die Testfahrten für Pirelli während der Saison. Die aktuellen Modelle? "Sie sind unberechenbar."

Zu viel PS, zu viel Drehmoment bei zu wenig Abtrieb haben die aktuellen Boliden laut Verstappen. "Nächstes Jahr wird das gelöst", so der Niederländer: "Es wird viel einfacher die Autos im Nassen zu fahren mit mehr Downforce am Auto."

Dann wird auch der andere Punkt wegfallen, den viele Fans aktuell bemängeln: Die fliegenden Starts nach Rennbeginn unter Safety-Car-Bedingungen fallen weg. Sind Aufwärmrunden hinter dem Pacecar nötig, wird auf der Zielgeraden angehalten, sobald das Rennen richtig gestartet werden soll. Der fliegende Start wird durch einen stehenden ersetzt.

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