Japan-GP: McLaren-Honda in der Dauerkrise

Heimspiel des Grauens

Von Dominik Geißler
Donnerstag, 24.09.2015 | 12:00 Uhr
Alonso schob seinen Wagen beim Ungarn-Qualifying in die Boxengasse
© getty
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Für Honda steht beim Großen Preis von Japan (alle Sessions im LIVETICKER) das Heimspiel an. Doch der Motorenhersteller und sein Partner McLaren fahren in der Formel 1 nur hinterher. Die Gründe sind vielschichtig, die Misere könnte teuer werden. McLaren wird ungeduldig und das Verhältnis zu Honda leidet. Besserung jedoch scheint nicht in Sicht.

Das Bild, das die Fernsehkameras während des Rennens in Singapur zeigten, war symptomatisch für die bisherige Saison: die beiden McLaren-Honda von Fernando Alonso und Jenson Button abgestellt in ihren Garagen - nach 52 von 61 Runden.

Beide Piloten ereilte ein Getriebeschaden, der zum bereits vierten Doppelausfall in diesem Jahr führte. Damit steht der Traditionsrennstall weiterhin mit mageren 17 WM-Punkten auf dem vorletzten Platz der Konstrukteurswertung. Nur Hinterbänkler Manor fuhr noch weniger Zähler ein.

Denkbar schlechte Voraussetzungen vor dem Rennen in Japan, das für Motorenhersteller Honda ohnehin ein Heimspiel des Grauens werden könnte. Die Strecke in Suzuka fordert besonders im zweiten und dritten Sektor hohen Topspeed und damit eine starke Motorleistung. Doch die fehlt dem englisch-japanischen Rennstall.

Im Schnitt erreicht McLaren-Honda nur rund 95 Prozent der Höchstgeschwindigkeit von Branchenprimus Mercedes, auf den Geraden fehlen knapp 20 km/h zu den Top-Autos.

Das Hybridsystem als Übeltäter

Auf der Highspeed-Strecke von Monza waren Alonso und Button mehr als zweieinhalb Sekunden langsamer als Polesitter Lewis Hamilton. "Auf einem Kurs mit sechs Kurven verlieren wir laut GPS zwei oder drei Zehntel in diesen Kurven. Den Rest der drei Sekunden müssen wir auf den Geraden finden", prangerte der Spanier nach der Quali in Italien an.

Hauptursache für die Schleichfahrten soll das Hybridsystem des Honda-Antriebs sein. Die kinetische Energierückgewinnung (MGU-K) liefert demnach zu wenig Elektro-Power. Auch die Rückgewinnung über die Turboabgase (MGU-H) bringt nicht den gewünschten Nutzen.

Die Einzelteile der Powerunits im Überblick

Die Schwäche der Powerunit ist seit Saisonbeginn deutlich erkennbar, eine gravierende Verbesserung blieb bislang aber aus. Auch die vor dem Belgien-GP eingesetzten drei Token brachten nicht den erhofften Effekt. "Ehrlich gesagt war es sogar etwas peinlich. Ich bin nur rumgefahren", lautete Buttons hartes Urteil nach einem ernüchternden 14. Platz in Spa.

Zur Leistungsschwäche kommt die mangelnde Standfestigkeit der Antriebseinheit hinzu. Sowohl Alonso als auch Button mussten ihre Autos wiederholt wegen technischer Defekte vorzeitig abstellen. Dadurch wurden deutlich mehr als die jeweils fünf erlaubten Komponenten der Powerunits bei beiden Fahrern eingesetzt. Zahlreiche Strafen in der Startaufstellung waren die Folge. Beim Spa-Rennen wurden sie deshalb bis nach Aachen strafversetzt - 105 Plätze mussten die Brit-Japaner zurück.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

McLaren sieht die Schuld für die Misere bei den Japanern. "Auf der Seite unseres Partners Honda gibt es noch Probleme", haderte Teamboss Ron Dennis etwa vor dem Silverstone-GP. Auch Renndirektor Eric Boullier wälzt die Verantwortung ab: "Heutzutage kommt die Performance eines Formel-1-Autos zu mehr als 50 Prozent vom Antrieb. Jeder weiß das. Da liegt der Druck auf Honda."

Nach der Verkündung der erneuten Partnerschaft - bereits 1988 bis 1992 arbeitete man zusammen und sammelte in dieser Zeit acht WM-Titel - vor gut zwei Jahren klangen die Worte noch deutlich positiver. "Honda hat einen hervorragenden Ruf, was Turbo-Motoren angeht - dadurch sind sie der perfekte Partner für die Zukunft", sagte der damalige McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh.

Auch die Japaner waren vor ihrer Rückkehr in die Formel 1 überaus ambitioniert und behaupteten vor der Saison laut Telegraph großspurig, dass man sofort auf Mercedes-Niveau sei.

Dass dieser Aussage letztlich in keiner Weise Rechnung getragen werden konnte, begründet Honda mit dem Chassis von McLaren. "Besonders der Luftwiderstand beim Chassis ist zu groß. Wir haben die PS-Zahl zuletzt verbessert, aber wegen des Luftwiderstandes war es nicht sonderlich effektiv", schiebt Hondas Sportdirektor Yasuhisa Arai die Verantwortung von sich. Doch Abtrieb erzeugt Luftwiderstand. Und auf den engen Kursen wie Singapur fährt McLaren-Honda von der Leistung her in den Top 10.

Wie die Amateure

Mangelnde Kommunikation, gegenseitige Schuldzuweisungen - das Verhältnis zwischen McLaren und Honda scheint zutiefst angespannt. Auf einer Pressekonferenz in Monza wurde Arai von den anwesenden Journalisten stark unter Druck gesetzt. Die britischen Medien meldeten, dass McLaren den Rücktritt von Hondas Sportdirektor fordere.

Teamchef Eric Boullier stellte sich daraufhin demonstrativ hinter den Partner. "Hondas Powerunits performen mit vortrefflicher Zuverlässigkeit hier in Singapur", lautete die Überschrift der McLaren-Pressemitteilung nach dem Singapur-GP.

McLaren in finanziellen Schwiriegkeiten

Doch eines ist klar: Die Geduld von McLaren schwindet. Der Rennstall kann es sich schlicht nicht leisten, auf Dauer hinterherzufahren.

Durch die schlechte Platzierung in der Konstrukteurswertung entgehen Ron Dennis und Co. allein 35 Millionen Euro aus dem großen Vermarktungstopf von Bernie Ecclestone. Zudem stehen dem Telegraph zufolge die Hauptsponsoren Johnnie Walker und Santander kurz vor dem Absprung. Dies würde einem zusätzlichen Verlust von 27 Millionen Euro entsprechen.

Auch die Geduld und Motivation, die Alonso und Button in den Medien zeigen, wird nicht ewig anhalten. Während der Engländer mit der Aussage, dass er nur noch für die Öffentlichkeit lache, indirekt sein inneres Seelenleben beschrieb, offenbarte ein Funkspruch Alonsos während des Kanada-GP das wahre Denken des Spaniers. "Wir sehen aus wie Amateure!"

Fehlende Perspektive

Dass McLaren-Honda bis zum Japan-GP versagt hat, möchte man sich weder in Tokio noch in Woking eingestehen. Vielmehr übt man sich in Zweckoptimismus. "Es steht absolut fest, dass wir aus dem Tal kommen werden. Wir sind hier, um zu siegen und wir werden siegen", meint Dennis: "Wir glauben an die Aussagen von Honda. Wenn sie ihre geplanten Fortschritte machen, dann werden wir bald erheblich stärker sein."

Doch sind große Fortschritte in naher Zukunft wahrscheinlich? Renault, das eine längere Vorlaufzeit als Honda hatte, schaffte es nicht, seinen Motor im Vergleich zum Vorjahr zu verbessern - und vertrieb damit die einstigen Dauerweltmeister von Red Bull. Der Hoffnungsschimmer: Ferrari kämpfte in der Saison 2014 mit zu schweren Motoren und der geringen Effektivität der Energierückgewinnung.

Der Unterschied: Die Japaner setzen weiter auf ihre eigenen Leute setzen und holen sich kein Knowhow von Mercedes oder Ferrari ins Team. "Nein, wir haben ausreichende Ressourcen", sagt Arai.

Und doch, trotz der Ressourcen, die Honda besitzt, könnte es schon beim Heimspiel die nächste Niederlage setzen - und der Suzuka Circuit, der 1962 als Teststrecke für Honda eröffnet wurde, könnte ganz unfreiwillig seine ursprüngliche Rolle zurückerhalten. Denn viel mehr als Kilometersammeln scheint für McLaren-Honda aktuell nicht drin zu sein.

Die Formel-1-Saison 2015 im Überblick

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