Mercedes-Angst trifft Boykott-Drohung

Sonntag, 02.11.2014 | 10:31 Uhr
Nico Rosberg hat mit der Pole Position in Austin alle Trümpfe bei sich
© getty
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Nico Rosberg beeindruckt vor dem Großen Preis der USA (21 Uhr im LIVE-TICKER) selbst die Mercedes-Chefs Toto Wolff und Niki Lauda. Hat der Deutsche das Momentum schon gedreht? Schlägt Lewis Hamilton im Kampf um die WM schon im Rennen in Austin wieder zurück? Oder streikt am Ende schon wieder die Technik?

Mit der Pole Position in Texas hat Rosberg seine Vorhersage wahr gemacht. Schon am Freitag, als der eigene Teamkollege in beiden Trainings schneller war, kündigte er eine deutliche Verbesserung für das Qualifying an: "Es ist wie immer eng - drei Tausendstel. Aber ich habe die in der Tasche."

Am Samstag leerte er sie erfolgreich aus. Vier Zehntel Vorsprung vor Hamilton, dem zuletzt in Russland noch alles gelang. "Sie bleiben sich nichts schuldig. Immer, wenn man vom Momentum für den Einen spricht, schlägt der Andere wieder zurück", freute sich Motorsportchef Toto Wolff: "Der Nico hat einfach eine fantastische Runde hingelegt."

Selbst Aufsichtsratschef Niki Lauda konnte seine Begeisterung bei "RTL" kaum verbergen. "Mercedes hat Texas erobert. Für Nicos Motivation war die Pole wahnsinnig wichtig, er wurde in den vergangenen Wochen ja demoralisiert", sagte der Ex-Weltmeister: "Jetzt ist er wieder obenauf."

Rosberg setzt endlich ein Zeichen

Dass die Pole keine Punkte bringt, war für Rosberg zweitrangig. Nach seinen Fehlern in Monza und Sotschi, die ihm 14 Punkte kosteten, musste er dringend ein Zeichen setzen. "Jetzt muss ich mich auf das Rennen fokussieren, das wird sicher hart und lang", verschob er schnell sein Ziel.

Mit 17 Punkten Vorsprung führt Hamilton derzeit die Fahrer-WM an, trotz der Tatsache, dass er einen Ausfall mehr hinnehmen musste. Und gerade da liegt auf dem Circuit of the Americas die Gefahr für die überlegenen Silberpfeile.

Qualifying: Rosberg hängt Hamilton ab

"Wir haben das ganze Wochenende kleine Gremlins im Auto gehabt, die wir ihm austreiben müssen", sagte Wolff bei "Sky": "Das Auto ist sehr schnell. Aber man hat in der Vergangenheit immer wieder gesehen, dass schnelle Autos oftmals relativ filigran waren. Das ist auch bei uns in diesem Jahr der Fall. Das ist nicht der Anspruch, den wir haben. Das muss besser werden."

Hamilton fürchtet Bremsprobleme im Rennen

Interessant war deshalb das Problem, das Hamilton im Qualifying heimsuchte. Seine Bremsen verglasten. Die Scheibe am linken Vorderrad war dauerhaft kälter. "Wenn ich das nicht beheben kann, wird das im ganzen Rennen ein Problem", gab der 29-Jährige zu.

Rosberg hatte ein ähnliches Problem schon in den Freien Trainings, verlor dadurch viel Testzeit. Doch zusammen mit seinen Ingenieuren fand er die Ursache, stellte das Problem ab und kam ohne Probleme durch das ungewöhnlich kalte Qualifying. Es herrschten unter 20 Grad Celsius.

Der gebürtige Wiesbadener versucht die andauernden Probleme, durch die auch Hamilton das 2. Freie Training vorzeitig abbrechen musste, auszublenden. "Wenn ich mir darüber Gedanken machen würde, wäre das nicht gut für die Performance. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass das Team seinen Job macht, und konzentriere mich auf das, was ich beim Fahren beeinflussen kann. Ich bin nicht besorgt."

Boykottieren drei Teams das Rennen?

Ganz anders dürfte die Gefühlslage bei einigen anderen Akteuren sein. Während die Mercedes den Sieg ohne technische Probleme mal wieder unter sich ausmachen werden, droht der Formel 1 ein noch kleineres Startfeld als die ohnehin schon dezimierten 18 Autos.

"Das ist etwas, das unter den Teambesitzern beredet werden muss. Aber es laufen mit Sicherheit Diskussionen", erklärte Force Indias stellvertretender Teamchef Rob Fernley bei "Sky Sports F1", als er auf die Gerüchte um einen möglichen Boykott des USA-Rennens angesprochen wurde.

Zwar betonte er, dass sein indischer Chef als echter Racer wolle, dass möglichst viele Autos in der Startaufstellung stehen, doch ein Nichtantritt scheint ernsthaft zur Debatte zu stehen. "Das Wichtigste ist, die Aufmerksamkeit der Halter der kommerziellen Rechte und der fünf Teams darauf zu lenken, dass wir zwei Teams wegen schlechtem Management verloren haben, was unnötig war", sagte Fernley.

Drei-Auto-Teams als Gefahr

Die wie Caterham und Marussia von finanziellen Sorgen geplagten Mittelfeldteams sehen durch die vorgeschlagene Maßnahme des Einsatzes eines dritten Autos der Top Teams im Jahr 2015 ihre Existenz bedroht. Red Bull kündigte schon an, das Vorhaben gerne umzusetzen. Auch McLaren und Ferrari würden dann wohl mit einem weiteren Boliden starten wollen, eventuell sogar Mercedes.

Für Force India, Sauber und Lotus würde das die Chancen auf Ergebnisse in den Punkten weiter verringern. Weniger Erfolg bedeutet aber auch weniger Sponsoren und damit weniger Geld. Besonders einige Aussagen von Bernie Ecclestone scheinen die Eigner aufgebracht zu haben.

"Zwei Teams sind weg und ich glaube, die Halter der kommerziellen Rechte fühlen sich damit wohl, dass es nächstes Jahr nur 14 Autos geben könnte. Wie viele wollen sie verlieren?", fragte Fernley im Gespräch mit der Nachrichtenagentur "Reuters" und wandte sich direkt an Ecclestone: "Er denkt, dass es nächstes Jahr 14 Autos geben könnte. Die Frage ist, ob wir Teams aus dem Geschäft verdrängen, welche Agenda ist das? Was ist das für ein Spiel."

Die Politik hinter den Kulissen läuft weiter. Die renommierte "Times" zitierte einen Teamverantwortlichen sogar so, dass die Chancen auf einen Boykott bei "50:50" stehen würden. "Nichts ist vom Tisch", betonte Fernley. Ecclestone selbst glaubt daran nicht.

Ecclestone: "Vergesst die ganze Scheiße"

"Vergesst die ganze Scheiße. Ich verspreche euch, dass sie fahren werden. Dafür kann ich eine absolute Garantie geben", sagte der 84-Jährige nach dem Qualifying, als die Teamchefs sich mit ihm zum Gespräch getroffen hatten.

Dass bei dem Treffen nicht nur Ecclestone seine forschen Äußerungen erklärt haben wird, sondern auch die Teams ihre Besorgnis über die ungerechte Verteilung der Punktprämien aus dem Topf der kommerziellen Rechte bekundeten, versteht sich von selbst. Schon während des ganzen Wochenendes liefen die Diskussionen - ohne nennenswerten Durchbruch.

Die Formel 1 zerstört sich selbst

Ein zweites Indianapolis, wo 2005 wegen der unhaltbaren Reifen von Michelin nur sechs Autos starteten, wurde offenbar in letzter Minute abgewendet. Lotus und Force India bestätigten am späten Samstag ihre Teilnahme am Rennen via Twitter. Die Drohgebärden und Beschwerden haben gewirkt.

"Die Zeit ist gekommen, die Dinge beim Namen zu nennen. Nummer eins: Die Verteilung der Einnahmen ist vollkommen falsch", sagte Lotus-Chef Gerard Lopez schon am Freitag. Mehr Mitsprachrecht für die kleinen Teams ist wohl die Nummer zwei. In der Strategiekommission sind derzeit nur Red Bull, Ferrari, Mercedes, McLaren, Williams und Lotus.

Ecclestone nimmt Schuld auf sich

"Wir sollten alle laufenden Verträge zerreißen. Alle zerreißen und wieder neu anfangen", räumte Ecclestone nun reumütig ein: "Das Problem ist, dass zu viel Geld schlecht verteilt wird. Das ist wahrscheinlich mein Fehler."

Ohnehin hätten sich die Teams auf ein Vabanque-Spiel einlassen, wenn sie nicht gestartet wären. Die Prämien für die diesjährige Saison hätten sich in Luft auflösen können. Doch die Branchenführer nehmen nicht einfach hin, wenn Ecclestone an ihr Geld will, um die kleineren Rennställe zufriedenzustellen.

"Wir müssen etwas dagegen tun und dürfen uns nicht zurücklehnen", appellierte der Erfinder des Nachtankens in der Formel 1: "Das Problem wird nicht einfach verschwinden. Das ist nicht wie bei einer Grippe, bei der man eine Pille einwerfen kann." Laut des Milliardärs würden sich "vier Teams" gegen eine neue Verteilung des Geldes sperren.

"Wenn genügend Leute das Problem beheben wollen, können wir es lösen", sagte Ecclestone: "Es ist eine Sache der Menschen, die in den Sport involviert sind. Sie müssen sich um den Sport kümmern und darauf einstellen, Opfer zu bringen."

Stand in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM

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