Die Formel 1 zerstört sich selbst

Freitag, 31.10.2014 | 10:14 Uhr
Die Caterham-Mechaniker werden in Austin nicht durch die Startaufstellung rennen
© getty
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Marussia und Caterham lassen die Grands Prix in den USA (alle Sessions im LIVE-TICKER) und Brasilien aufgrund finanzieller Engpässe aus, auch die Zukunft sieht wegen fehlender Investoren schwarz aus. Zudem kämpfen weitere Teams um ihre Existenz. Ist die Formel 1 am Ende? Zumindest in ihrer traditionellen Form scheint die Königsklasse des Motorsports vom Aussterben bedroht.

Der lange drohende Kollaps der Hinterbänkler ist endgültig eingetreten. Mit Marussia und Caterham können die letzten beiden der 2010 dazugekommenen Jungspunde im Formel-1-Starterfeld nicht mal mehr ihre Reisen finanzieren. Die ehrgeizigen Projekte sind gescheitert - oder waren vielmehr von Anfang an ein Missverständnis.

Wie HRT bekamen die beiden Teams ihre Lizenz vom Automobilweltverband FIA, der mit seinem Präsidenten Max Mosley zeitgleich auf eine Budgetobergrenze von 40 Millionen Euro für alle Teams drängte - dem Niveau der frühen Neunziger.

Die etablierten Rennställe zeigten sich zu dieser einschneidenden Veränderung anfangs bereit. Doch als Mosley gehen musste war sie noch nicht umgesetzt, die Budgets der Neueinsteiger verdoppelten sich vor dem ersten zurückgelegten Kilometer.

Bis heute ist das Budget Cap noch immer nicht realisiert. Die großen Teams sperrten sich mit andauernder Vehemenz gegen die Idee und geben mittlerweile rund 300 Millionen aus - mehr als das Siebenfache der geplanten Obergrenze. In dieser Saison schien doch noch der Durchbruch zu gelingen, aber die großen Teams und die Strategie-Gruppe machten den Plan zunichte und legten Monate später ihr Veto ein.

USA-GP: Qualifying-Modus geändert

Fernandes: "Die Lücke ist viel zu groß geworden"

"Die Leute können beschuldigen, wen sie wollen", sagte Caterham-Verkäufer Tony Fernandes, der auch den Premier-League-Klub Queens Park Rangers und eine Fluglinie besitzt, nun "Sky Sports News HQ": "Die Lücke ist viel zu groß geworden. Es geht um Geld. Ich dachte: 'Ich kann nicht mithalten.' Aber ich kann mit QPR mithalten, ich kann mit Air Asia mithalten."

Der Unternehmer sah seine Zeit abgelaufen und verkaufte das Team im Juni, wobei der Vertrag mit dem mysteriösen Konsortium aus der Schweiz und dem Mittleren Osten letztlich platzte. "Anstatt etwas weiterzumachen, wo ich erstens nicht genug Zeit investieren konnte und zweitens nie jemanden schlagen kann, musste ich stark sein und mir eingestehen: Wir haben es versaut. Wir können nicht konkurrieren, wie wir dachten. Es ist Zeit zu gehen."

Dabei schien es zuletzt bergauf zu gehen. "Colin Kolles und seine Mitstreiter haben bei Caterham einen unglaublich guten Job gemacht", lobte der frühere Kommunikationsdirektor Tom Webb den deutsch-rumänischen Berater: "Ich weiß, wie es im Team aussah, bevor sie es übernommen haben. Damals war es in einer sehr schwierigen Situation. Die Tatsache, dass sie das Team zu all diesen Grands Prix gebracht und zusätzlich das Auto verbessert haben, ist ein Beleg für ihre Anstrengungen."

Ohne die neuen Geldgeber wäre schon nach dem Großbritannien-GP in Silverstone der Vorhang gefallen. Doch während die Caterham-Absage für Austin auf den ersten Blick plötzlich kam, war für Marussia der Zug schon lange abgefahren. Mehrheitseigner Andrej Tscheglakow hatte laut russischen Medienberichten schon frühzeitig klargestellt, dass er die Finanzierung nur bis zum Heimspiel in Sotschi sicherstellt, nachdem sein gleichnamiger Sportwagenhersteller bereits im April die Pforten schließen musste.

Tscheglakow: "Das Unmögliche möglich gemacht"

"Wir haben das Unmögliche möglich gemacht und als einziges der neuen Teams, die 2010 in die Formel 1 kamen, Punkte geholt", lobte Tscheglakow zum Abschied gegenüber der Nachrichtenagentur "ITAR-TASS" die Belegschaft in Branbury und den neunten Platz von Jules Bianchi: "Wir hatten das kleinste Budget, aber die motiviertesten Mitarbeiter."

Finanzieren wollte der Russe das kostspielige und aussichtslose Engagement aber auch nicht mehr. Ein Abschied in Abu Dhabi "wird davon abhängen, wie das Insolvenzverfahren und die damit verbundenen Verhandlungen mit interessierten Parteien ausgehen", schrieb der Insolvenzverwalter des britisch-russischen Rennstalls. Die Möglichkeiten seien "sehr begrenzt". Für Insgesamt 500 Angestellte bei Marussia und Caterham ist der Traum von der Formel 1 wohl endgültig vorbei.

Zakspeed, De Tomaso, Hesketh, Leyton House, Pacific - zahlreiche Namen zieren die Liste der Formel-1-Teams, denen der Sport letztlich zu teuer war. Marussia und Caterham sind mit ihren finanziellen Problemen bei weitem nicht alleine. "Wir werden noch mehr Teams verlieren, wenn es so weitergeht", stellte Force Indias stellvertretender Teamchef Rob Fernley klar. Sauber und Lotus sind wohl die nächsten Kandidaten.

Sicher ist: Die Formel 1 wird ein Stück ihrer Faszination verlieren. Jeder Zuschauer erinnert sich an die Podiumszeremonie von Mark Webber, der 2002 bei seinem Debüt im Minardi beim Heimspiel Punkte holte. Dass auch Fernando Alonso im selben Team seine ersten Schritte machte, verdeutlicht ein weiteres Problem: Die Ausbildungscockpits werden weniger und die Paydriver werden sich künftig in die Mittelfeldteams einkaufen.

Drei-Auto-Teams machen die Probleme größer

Das eigentliche Problem des drohenden Komplettrückzugs ist aber ein anderes. Die Formel 1 hat in einigen Verträgen mit den lokalen Veranstaltern und den TV-Anstalten ein Starterfeld von 20 Autos zugesichert. In Austin und Sao Paulo werden es nur 18 sein. Bernie Ecclestones Notfallplan, das Feld mit einem dritten Auto der Topteams aufzufüllen, wird immer realer.

Doch daraus ergibt sich das nächste Problem: McLaren-Honda, Ferrari, Red Bull und eventuell Mercedes würden die Punkteränge unter sich ausmachen und damit Force India, Sauber und Co. zu den neuen Hinterbänklern machen. Die Krux: Wer ohne Aussicht auf Punkte hinterherfährt, verliert seine Sponsoren - nicht umsonst ist Marussia nicht mehr unter dem Namen Virgin Racing bekannt.

"Am Ende waren sie dazu bestimmt, zu sterben", sagte der ehemalige FIA-Präsident Mosley unter der Woche der "BBC". 1,8 Milliarden Dollar setzt die Formel 1 um, Eigentümer CVC macht rund 300 Millionen Gewinn, die Top-Teams bekommen den Löwenanteil des verbliebenen Gelds. Ohne einen Milliardär als Besitzer oder Werksunterstützung ist die Teilnahme für kein Team über längere Zeit zu stemmen.

Mosley: "Das Geld gleichmäßig aufteilen"

"Aus sportlicher Sicht sollte man das Geld gleichmäßig aufteilen und dann die Teams so viele Sponsoren wie möglich besorgen lassen", fordert Mosley. Fernley blies ins selbe Horn: "Wenn es Kostenkontrolle gegeben hätte und die Preisgelder fairer verteilt worden wären, wären Caterham und Marussia vielleicht nicht gescheitert." Übrigens: Williams hat im ersten Halbjahr einen Verlust von 25 Millionen Euro ausgewiesen.

Dass Marussia das Geld nicht zum Fenster hinauswarf, sondern bis zum Schluss die Löhne seiner Angestellten fristgerecht zahlte, verdeutlicht das Dilemma. Als Neunter der Konstrukteurswertung würden im nächsten Jahr angeblich knapp 50 Millionen Euro aus dem Prämientopf locken. Das macht immerhin Hoffnung, dass sich doch noch ein Investor findet, nachdem am letzten Wochenende ein Angebot der indischen Stahlmagnaten Baljinder Sohi and Sonny Kaushal vorerst abgelehnt wurde.

USA-GP-kompakt: 18 Autos, 1 Problem

Sicher ist: Die Formel 1 muss Änderungen vornehmen, will sie nicht ihre Sympathieträger in den letzten Reihen verlieren. Neue Investoren werden sich unter den aktuellen Eindrücken ebenfalls kaum zu einem Einstieg durchringen - außer sie sind absolute Motorsportenthusiasten wie Gene Haas, der 2016 mit seinem Team dazukommt.

Ob Änderungen bei der Macht und jahrelangen Beratungsresistenz der wohlhabenden Spitzenteams und der Strategie-Gruppe überhaupt möglich sind, darf jedoch bezweifelt werden. Außer den Teams fällt plötzlich auf, dass ihnen ohne die kleinen Teams die Einnahmen wegbrechen. Ferrari verkauft seine Power Units an Marussia, McLaren bekam Geld für die technische Unterstützung. Und Caterham? Das Team bezog die Antriebseinheiten von Renault, das passende Getriebe und die Hydraulik von Red Bull und die Elektronik von McLaren.

Stand in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM

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