"Wir werden alle in der Mauer landen"

Von Alexander Maack
Donnerstag, 18.09.2014 | 15:03 Uhr
Daniel Ricciardo setzte seinen Toro Rosso beim Singapur-GP 2013 in die Mauer
© xpb
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Die Formel-1-Fahrer waren die letzte Woche fast durchgängig beschäftigt. Sie mussten lernen, was die Displays in ihrem Cockpit anzeigen, weil der Automobilweltverband FIA den Teams verboten hat, ihnen während des GP-Wochenendes Anweisungen per Boxenfunk zu geben. Bei den einigen Fahrern kommt die neue Regelauslegung gut an, während die Rennställe sich große Sorgen machen.

"Alle Teams stehen nun der großen Aufgabe gegenüber, zu verstehen, wie wir damit bestmöglich umgehen können", drückte sich Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff vorsichtig aus. Was er meinte: Wir wissen nicht, was wir noch machen dürfen. Sicher war nur: Ein genervtes "Leave me alone! I know what I'm doing" von Kimi Räikkönen in Richtung seines Renningenieurs soll es nicht mehr geben.

FIA-Renndirektor Charlie Whiting hatte zunächst nur mitgeteilt, dass den Fahrern keine Informationen mehr per Funk übermittelt werden dürfen, die sich auf die Performance von Pilot oder Auto beziehen. Eine neue Regel brauchte es dafür nicht: Laut Artikel 20.1 des sportlichen Reglements müssen die Fahrer ihre Wagen allein und ohne Hilfe fahren.

Doch den Teams war das zu schwammig. Gerade Mercedes hatte Nico Rosberg und Lewis Hamilton in letzter Zeit immer darüber informiert, wo sie Zeit herausholen können. Williams verglich die neue Situation mit dem Fußball: Der Trainer dürfe seiner Mannschaft schließlich auch dauerhaft Anweisungen geben.

Heldenhafte Fahrer dringend gesucht

Die Formel 1 ist aber anders. Zumindest in der breiten Öffentlichkeit ist sie der Kampf von Heroen, die in ihren Autos Unmenschliches leisten. Bernie Ecclestone wollte dieses Image als Chefpromoter unbedingt aufrechterhalten. Dass die Fahrer durch die dauerhafte Einblendung von Funksprüchen im TV mehr wie Marionetten erschienen, behagte ihm nicht.

Schon in Italien war die Anzahl der im Fernsehen übertragenen Funksprüche verschwindend gering. 2013 waren es noch über 200, in diesem Jahr sank die Zahl auf knapp 70. Doch dem Fan im heimischen Wohnzimmer nur etwas vorzuspielen, genügte Ecclestone nicht. Mit der Strategiegruppe der Formel 1 setzte er beim Weltverband die konsequente Regelauslegung durch.

"Die Direktive ist nicht vollständig klar und es wird unvermeidlich sein, dass es einige Kontroversen darum geben wird", warnte Wolff und bekam Recht. 17 Beispiele für nicht erlaubte und 14 für weiterhin erlaubte Meldungen gab die FIA als Klarstellung heraus: Codierte Botschaften, detaillierte Informationen über die Sektorenzeiten der Konkurrenz oder den Kraftstoffverbrauch sind verboten. Immer noch nicht genug.

Wird das Verbot doch noch gestoppt?

Die Teamchefs trafen sich in Singapur am Donnerstag mit Whiting und wollten stundenlang über die neue Regelauslegung diskutieren. Einige wollten eine Verschiebung des Verbots bis 2015 erreichen, weil sie sich überrannt fühlen. Die Vorbereitungszeit sei zu kurz.

Bei einigen sind die Bedenken berechtigt. Mit Red Bull und Williams setzten die nächsten Mercedes-Verfolger bisher auf die LED-Leuchten im Cockpit, die aus den letzten Jahren bekannt sind. Dass neue Display, mit dem der Fahrer beispielsweise Informationen über den Spritverbrauch ablesen kann, war bisher dagegen nur im Mercedes zu sehen.

Singapur-GP kompakt: Spritverbrauch und Bremsen kritisch

Die vorgebrachten Bedenken zeigten bei Whiting Wirkung: Nach 3,5 Stunden Besprechung erbat er sich bis zum 1. Freien Training Zeit. Direkte Anweisungen, wie gefahren werden soll, bleiben definitiv verboten. Denkbar ist aber, dass weiterhin erlaubt bleibt, die Schaltereinstellungen am Lenkrad durchzugeben, damit Technik und Sprit reichen.

Ricciardo macht Witze

"Wir werden alle falsch abbiegen und in der Mauer landen", witzelte Daniel Ricciardo nach der Anreise in Singapur. Kompliziert dürfte es dennoch für ihn werden, da auch über die Boxentafeln diese Informationen nicht übermittelt werden dürfen.

Auch sein weltmeisterlicher Red-Bull-Teamkollege scheint nicht gerade begeistert. "Bei manchen Dingen war es ein bisschen Kindergarten, es entstand der Eindruck, dass man fremdgesteuert ist. Aber die Problematik liegt darin, dass die Autos in diesem Jahr sehr kompliziert sind. Das können wir unmöglich im Auge behalten", so Sebastian Vettel, der hofft, "dass alles gebacken zu bekommen".

Was er damit meint? "Wir müssen jetzt alle Prozeduren auswendig lernen", erklärte Rosberg, der sich auf ein Wochenende ohne Erleichterungen vorbereitet hat: "Die Motoreinstellungen ändern sich je nach Situation. Früher hat dir der Ingenieur zugerufen, welche Schalter du in welche Position legen musst."

Hamilton: "Das Wochenende wird hart"

"Das Wochenende wird hart. Aber ich habe es im Leben noch nie leicht gehabt, also werde ich auch das hinkriegen", rechnet sich sein Teamkollege Hamilton Vorteile aus. In Monza gewann er immerhin, weil er einen Rat seines Renningenieurs ignorierte: "Ich mag es, dass wir uns wieder selbst überlassen sind. Wie zu alten Kart-Tagen. Es ist also der Schritt zurück, es wieder auf die altmodische Art zu machen."

Doch auch Rosberg denkt, dass ihm das Verbot entgegenkommt: "Weil ich mich schon vorher versucht habe reinzudenken. Ich weiß, warum ich was gemacht habe. Deshalb tue ich mich auch beim Lernen leichter als einer, der nur automatisch das gemacht hat, was ihm die Box sagt." Einen ganzen Tag investierte er dafür in Brackley im Simulator. "Ich denke, es ist der richtige Weg: Pures Racing", sagt Rosberg.

Der Schwerpunkt verschiebt sich klar auf den Fahrer. Er muss selbst herausfinden, wo er Zeit gewinnen kann, bis er zum nächsten Mal an die Box kommt. Natürlich kann er dazu das Display auf seinem Lenkrad nutzen, wenn er eins hat, aber dafür muss er Zeit finden. Wer bei höchstem Tempo für das anspruchsvolle Multitasking Reserven hat, ist also bevorteilt.

Wird die gesamte Live-Telemetrie verboten?

Die jetzige Änderung könnte allerdings nur ein Vorbote einer weitaus größeren Änderung sein. Das Verbot der Live-Telemetrie wird diskutiert. Dann könnten die Ingenieure weder in den Boxengassen noch über Satellit in den Fabriken der Teams mehr die Daten aus dem Auto in Echtzeit auswerten. Kosten würden gespart. Ein erster Schritt ist mit dem Verbot des Funks gemacht.

"Das ist die Sache, mit der es beginnt", sagte Ecclestone, der zugibt den Einfluss der Teams weiter beschränken zu wollen: "Keiner der Fahrer will den Funk. Sie sind alle glücklich, dass das vorüber ist. Sie fahren die Autos und sollten wissen, was richtig und falsch ist. Sie brauchen niemanden an der Mauer, der ihnen sagt, was sie zu tun haben."

Der Mann, der sich wohl am meisten freut, ist derjenige, der am meisten von den Funksprüchen profitiert hat. Die Popularität des Iceman ist auch aus seinen Antworten auf die Anweisungen seiner Ingenieure entstanden. Künftig hat Kimi Räikkönen Ruhe.

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