Russland-GP: Der lange Weg zur Mercedes-Dominanz

"Das ist wie in den 50ern"

Sonntag, 12.10.2014 | 19:20 Uhr
Weißer Rauch! Nico Rosberg fand in Russland zwar keinen Papst, gewann aber seinen erste WM-Titel
© getty
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Die Formel-1-Geschichte ist um ein weiteres Kapitel reicher. 2014 hat Mercedes sich mit Nico Rosberg und Lewis Hamilton erstmals in seiner Firmengeschichte den WM-Titel der Konstrukteure gesichert. Der Jubel ist trotz der Vorhersehbarkeit groß, der Kampf mit offenem Visier muss aber noch warten.

Niki Lauda schwebte nach dem ersten Rennen in Sotschi fast schon auf Wolke sieben. "Ich ziehe die Kappe. Die muss gezogen werden, weil wir das erste Mal in der Geschichte die Konstrukteurs-WM gewonnen haben und weil Lewis eine großartige Leistung gezeigt hat", jubelte der Österreicher am "RTL"-Mikrofon.

Analyse: Hamilton-Sieg sichert Mercedes die WM

Als Mercedes in den Jahren 1954 und 1955 mit neun Siegen aus zwölf Rennen durch Juan-Manuel Fangio und Stirling Moss zum ersten Mal dominierte, gab es den Titel für den besten Hersteller noch nicht. 1958 war Vanwall mit dem in die Heimat zurückgekehrten Moss und seinen Landsmännern Tony Brooks und Stuart Lewis-Evans der erste Titelträger.

Rosberg erinnert an Fangio-Zeiten

Für Rosberg sind die damaligen Erfolge eng mit den heutigen verbunden. "Das ist wie in den 50er Jahren. Ständig gab es Reglementänderungen, jedes Mal hat Mercedes zugeschlagen. Und jetzt sind wir schon wieder die Überflieger", erklärte er nach dem Rennen in Sotschi: "Vielen Dank an jeden für seinen Einsatz. Auch ein riesiges Dankeschön an die Ehemänner und Ehefrauen, die uns ihre Partner mitgegeben haben, damit wir das gemeinsam erreichen konnten."

Selbst der Konzernchef meldete sich aus der Ferne zu Wort. "Für einen Hersteller wie Mercedes-Benz ist es von besonderer Bedeutung, dies in einem Jahr des technologischen Umbruchs zu erreichen", betonte Daimler-Chef Dieter Zetsche den Wert der WM. Den fehlenden Titel zu holen, war von Anfang an das oberste Ziel, nachdem Mercedes 2010 als Nachfolger des Weltmeisters Brawn-GP sein Comeback als Werksteam feierte.

Langer Weg an die Spitze

Doch die hohen Ambitionen ließen sich nicht einfach in die Realität umsetzen. Nach dem Ausstieg von Honda folgte in Brackley eine Umstrukturierung mit einem Personalabbau, der sich schon in der Debüt-Saison der Silberpfeile bemerkbar machte. "Es war ein langer und es war ein schwieriger Weg", betonte Rosberg, der von Anfang an dabei war.

Der PR-Coup der Reaktivierung von Michael Schumacher verpuffte fast, weil der Rekordweltmeister und sein talentierter Teamkollege nur im Mittelfeld kämpften. Doch im Hintergrund liefen die Arbeiten auf Hochtouren. Ehemalige Technikdirektoren, Aerodynamikchefs und Chefdesigner anderer Rennställe tummelten sich in Brackley: Geoff Willis, Aldo Costa, Mike Elliot, Bob Bell, Paddy Lowe.

"Die Bereiche sind sehr klar abgesteckt", erklärte Motorsportdirektor Toto Wolff im SPOX-Interview gegen Ende der Saison 2013: "Wir dürfen eins nicht vergessen: Wir haben in der nächsten Saison die wahrscheinlich größte technische Revolution der Formel-1-Geschichte. Wir haben ein völlig neues Antriebskonzept und aerodynamische Reglementänderungen. Da kommen so viele Themen auf uns zu, dass wir ein paar intelligente Menschen mehr brauchen."

Mercedes dankt Ross Brawn

Teamchef Ross Brawn allerdings passte nicht mehr ins Konzept. Er musste das Unternehmen wie zuvor schon Norbert Haug verlassen, dessen Nachfolge Wolff übernahm. Doch ohne die beiden Abgänger wäre der derzeitige Höhenflug der Silberpfeile nicht möglich gewesen. Haug und Brawn legten die Grundlagen, schafften Strukturen, verpflichteten das Personal.

"Der Grundstein für diesen Erfolg wurde von Ross gelegt", betont Wolff nun: "Wir konnten diese Arbeit fortsetzen, haben die richtigen Entscheidungen getroffen, die richtigen Ressourcen an der richtigen Stelle eingesetzt und das Team zu einem Aufwärtstrend geführt." Schon 2013 zahlte sich die Arbeit aus, als Mercedes endlich siegfähig war und den Vizetitel der Hersteller holte.

Daran hatte auch Lauda einen entscheidenden Anteil: Er überredete in seiner neuen Funktion Lewis Hamilton, sich dem Team aus Brackley anzuschließen, und machte nebenbei den Mercedes-Bossen in Stuttgart klar, dass sie hohe Summen investieren müssen, um ganz vorn zu fahren.

Die Motorenabteilung in Brixworth und das Rennteam in Brackley bekamen schließlich für die neue Hybrid-Technologie Unterstützung aus dem Stammwerk in Stuttgart und bauten einen Antriebsstrang, dessen Überlegenheit wohl unerreicht in der Geschichte der Formel 1 ist.

W05 als Gesamtkunstwerk

Der W05 ist insgesamt mehr als ein Aerodynamikmonster wie die Red Bull, mit denen Sebastian Vettel in den vergangenen Jahren seine Titel feierte. Das Auto ist ein Gesamtkunstwerk, bei dem einzelne Komponenten bewusst vernachlässigt wurden, um das Auto besser zu machen. Der höchste Anpressdruck ist in der neuen Formel-1-Ära nicht zwingend das beste Konzept, das hat Mercedes bewiesen.

Hamilton und Rosberg enteilen nicht nur der Konkurrenz bei fast jedem Rennen, sie fahren auch effektiv. Der Spritverbrauch ist bei den Silberpfeilen fast immer der niedrigste im gesamten Feld. Das liegt auch am geringeren Luftwiderstand und der Unterstützung der Zulieferer, die das Gesamtpaket technisch perfektioniert haben.

Rosberg und Hamilton ernten die Lorbeeren und bedanken sich stets artig nach jedem Erfolg. 13 Mal in 16 Rennen stand einer von ihnen ganz oben auf dem Podest, bei neun Siegen stand der andere neben dem Sieger auf Platz zwei. Selbst wenn das Qualifying wie bei Hamilton in Silverstone, Hockenheim und Budapest komplett daneben ging, ist eine mühelose Aufholjagd programmiert.

In Russland durfte sein deutscher Teamkollege diesen Luxus kennenlernen, als er sich in der ersten echten Kurve mit einem Fahrfehler die Reifen zerstörte. "Dass Rosberg in der ersten Runde an die Box kommt und am Ende Zweiter wird, war sehr beeindruckend", gab selbst Ferraris Fernando Alonso zu. "Nico musste kämpfen und ist heute in meinen Augen besser gefahren", verglich Lauda den Zweitplatzierten mit Hamilton.

Mercedes noch viel besser als Red Bull

Selbst Red Bulls Teamchef Christian Horner sprach von einer "exzellenten Saison" des neuen Weltmeisters: "Sie haben dieses Jahr atemberaubende Arbeit abgeliefert." Wie gut diese war, verdeutlicht ein Vergleich mit der Vorsaison. Mercedes liegt derzeit bei 565 Punkten, Red Bull hatte nach 16 Rennen der Saison 2013 "nur" 470. Der scheidende Weltmeister Vettel ergänzte: " Sie haben es verdient."

Der erste Titel mag gesichert sein, komplett frei fahren dürfen Rosberg und Hamilton trotzdem noch nicht. Bei noch 100 zu vergebenen Punkten liegt Daniel Ricciardo derzeit 91 zurück. Voraussichtlich nach dem USA-GP in Austin in drei Wochen hat Mercedes dann auch die Fahrer-WM sicher und kann seine Fahrer komplett von der Leine lassen.

Die besten Karten hat Hamilton. Das Momentum ist nach vier Siegen in Folge auf seiner Seite, noch nie hat ein Pilot, dem dieses Kunststück gelang, anschließend nicht den Titel geholt. In den USA kann er sich mit 32. Grand-Prix-Siegen zudem zum erfolgreichsten Engländer aller Zeiten krönen. Und: Er hat in Japan gewonnen. Seit 1998 siegten alle Weltmeister beim Rennen in Suzuka.

Schafft Rosberg die Wende noch?

Rosberg will diese Serien einreißen. "Die Hingabe ist immens. Sogar für uns langweilige Managertypen ist es faszinierend, wie fokussiert jemand sein kann und rund um die Uhr für den Erfolg arbeitet", sagt Wolff. Hamilton ist gewarnt. Schon um 19 Uhr Ortszeit flogen die Bosse ihm zurück nach England - am Steuer saß Lauda.

Eine große Feier wäre aus Mercedes-Sicht sowieso undenkbar gewesen. "Wir denken immer noch an Jules Bianchi, auch wenn uns eine Last von den Schultern fällt. Das überschattet immer noch alle Ereignisse und stellt auch das Sportliche in den Hintergrund", sagte Wolff. Selbst beim obligatorischen Fototermin hatte das Team eine Boxentafel mitgebracht, auf deren Rückseite eine Widmung für den Franzosen angebracht war.

Stand in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM

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