Bahrain-GP: Die Mercedes-Ekstase beginnt

"Das ist der Spirit der Formel 1"

Montag, 07.04.2014 | 15:58 Uhr
Lewis Hamilton und Nico Rosberg wurden nach dem Triumph in Bahrain vom Mercedes-Team angefeuchtet
© getty
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Dass Lewis Hamilton und Nico Rosberg das 900. Formel-1-Rennen der Geschichte in Sakhir dominieren würden, war voraussehbar. Die Art und Weise, wie die Mercedes-Piloten den Bahrain-GP zu einem ständigen Kampf mit Überholmanövern en masse machten, überraschte dennoch. Das Duell der Silberpfeile erinnert an längst vergangene Zeiten.

Schon in Malaysia wusste der WM-Führende, wohin die Reise gehen soll. "Wir wollen als Mercedes ein gutes Rennen und vor allem eine gute Show liefern, mit Racing pur und Überholmanövern und Fighten. Das wird noch kommen und das ist der richtige Weg", kündigte Rosberg in Kuala Lumpur an. Eine Woche später konnte er in Bahrain seinen Worten auch Taten folgen lassen.

Allein nach der Safety-Car-Phase nahmen die Silberpfeile der Konkurrenz 24 Sekunden ab - mehr als zwei Sekunden pro Runde. Rosberg demoralisierte die Konkurrenz, als er ihr bei seiner schnellsten Rennrunde 1,7 Sekunden abnahm. "Das war das erste Mal, das wir ihre richtige Pace gesehen haben", schwante Red-Bull-Teamchef Christian Horner Böses für die nächsten Grand Prix.

"Es war das beste Rennen überhaupt", jubelte Niki Lauda später: "Der Kampf zwischen den beiden war klasse. Sie sind ein perfektes Rennen gegeneinander gefahren." Vom Start an schenkte Lewis Hamilton seinem deutschen Teamkollegen keinen Zentimeter, überholte ihn und konterte jeden seiner zahlreichen Angriffe, bei denen Rosberg mehrmals kurzzeitig die Führung übernahm.

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Den Verantwortlichen am Kommandostand stockte mehrmals der Atem. Schon nach dem Start musste Rosberg ausgangs Turn 4 ausweichen, in Runde 18 wiederholte Hamilton sein hartes Vorgehen und drückte den Deutschen kurz neben die Strecke. Nur einen Umlauf später schnitt der Engländer Kurve 7 so hart, dass Rosberg durch einen beherzten Druck aufs Bremspedal eine Kollision vermied.

"Da kann viel passieren", sagte Motorsportchef Toto Wolff zurückhaltend: "Aber sie wussten, dass sie im dritten Rennen keine Dummheiten machen sollten." Rosberg agierte bedacht und beschwerte sich dennoch per Funk: "Was er gemacht hat, war nicht okay!" Zwar lächelte er nach der Zieldurchfahrt über das laut eigener Aussage aufregendste Rennen seiner Karriere, er wird die Aktion seines langjährigen Freundes allerdings im Hinterkopf behalten. "Der Zweite ist der erste Verlierer. Da habe ich keine Lust drauf", versprach der 28-Jährige.

Lauda droht mit Konsequenzen

Noch sind die Silberpfeile wesentlich schneller als die Konkurrenz und drehen an der Spitze einsam ihre Runden. "Ein Blinder mit Krückstock sieht, dass Mercedes im Moment sehr stark ist", erklärte Sebastian Vettel. Klauen sich Hamilton und Rosberg aber gegenseitig durch Unfälle die Punkte, bieten sie Angriffsfläche. Dass Rennleiter Paddy Lowe persönlich seine Fahrer während der Safety-Car-Phase zur Vorsicht anhielt, spricht Bände. "Wenn bei so einem Manöver etwas passiert wäre, hätte derjenige bei mir antreten müssen", drohte Lauda mit Konsequenzen.

Die Silberpfeil-Piloten sind zwiegespalten: Persönlicher Erfolg oder das Wohl des Teams. Was ist ihnen wichtiger? "Das lässt sich manchmal schwer trennen", gibt Rosberg zu: "Es gibt beide Zweikämpfe: Lewis gegen mich und wir als Team gegen den Rest der Formel 1." Zumindest in Sakhir respektierten sich die Mercedes-Piloten, passten auf und brachten ihre Autos trotz des spektakulären Zweikampfs ins Ziel.

Der Aufsichtsratsvorsitzende musste schließlich nicht den Zeigefinger erheben und konnte seine Kappe vor dem begeisternden Zweikampf lupfen. Paddy Lowe bekam sogar einen Kuss auf die Wange und durfte sich dann erklären: "Was wir heute gesehen haben, war nichts anderes als die Philosophie, die wir verfolgen. Das ist der Geist der Formel 1 und des ganzen Motorsports. Eine künstlich herbeigeführte Teamorder wäre für das Spektakel und die Unterhaltung etwas ganz Schreckliches."

Villeneuve: "Großartig! Unglaublich!"

Selbst Dauerkritiker Jacques Villeneuve schwärmte plötzlich: "Das war großartig! Die F1 ist zu langsam, aber es gibt ja auch unglaubliche Formel-3- oder Tourenwagen-Rennen. Der Speed macht das Racing ja nicht gut. Mehr mechanischer Grip und weniger aerodynamischer Grip sind für das Racing viel besser."

Die Analyse zum Rennen: "Das aufregendste Rennen meiner Karriere"

Der packende Fight an der Spitze und die vielen Überholmanöver dahinter wären ohne die Regeländerungen zur Saison 2014 kaum möglich. Der Bahrain-GP war in den letzten Jahren meist ein Prozessionsrennen, Platzwechsel auf der Strecke fast ausgeschlossen. Durch den geringeren Abtrieb der Autos sind nun wieder verschiedene Linien möglich. Bei mehreren aufeinanderfolgenden Kurven entwickeln sich intensive Zweikämpfe.

"Ich war seit einer langen Zeit wieder in der Lage, ein Rennen echter Rennfahrer zu fahren und alle Fähigkeiten zu nutzen, die ich mir über die Jahre als Youngster im Kart angeeignet habe", erklärte Hamilton: "Sie in der Formel 1 anzuwenden, ist schwieriger. Aber sie dann aus dem Sack zu ziehen - als ich auf der Außenbahn fuhr und auf den richtigen Moment wartete - es ist ein fantastisches Gefühl, das tun zu können."

53 Runden lang war am Sonntag unklar, wer am Ende die Oberhand im Mercedes internen Rennen an der Spitze hat. Obwohl die anderen Teams deutlich abgeschlagen waren, blieb es bis zum Ende spannend, weil beide Silberpfeile auf Augenhöhe fuhren. "Nico und ich sind seit Kart-Zeiten nicht mehr so ein Rennen gefahren. Vor Jahren hat er in unserem ersten gemeinsamen Rennen die ganze Zeit geführt und ich habe ihn in der letzten Runde überholt und gewonnen. Ich dachte, dass er heute dasselbe tut."

Rosberg: "Dachte neun Mal, dass ich ihn überholt habe"

Doch in den letzten drei Runden konnte Rosberg nicht mehr zum finalen Schlag ansetzen, weil seine weichen Reifen in der dreckigen Luft des Führenden zu stark abgebaut hatten. "Ich dachte ungefähr neunmal, dass ich ihn überholt habe, aber er ist immer wieder zurückgekommen", lobte der Deutsche seinen Teamkollegen, der trotz seines Sieges keineswegs hundertprozentig zufrieden war.

"Tief in mir weiß ich: Ich hatte heute nicht die Pace. Das ist in meinem Hinterkopf", sagte Hamilton, der nach dem gewonnenen Start durchgängig in der Defensive war. Der 29 Jahre alte Sieger kündigte deshalb harte Sonderarbeit an: "Viele meiner Vorteile im letzten Rennen hat Nico herausgefunden, sie angewendet und sogar besser gemacht. Jetzt muss ich rausfinden, was er besser macht als ich und mich im nächsten Rennen verbessern."

Spannung ist auch in China garantiert, das seit dem ersten Mercedes-Sieg der Neuzeit Rosberg-Territorium ist. "Am Ende des Jahres werden wir wohl den besten Zweikampf unter Teamkollegen erlebt haben, den es je gegeben hat", orakelt der dreimalige Le-Mans-Sieger Allan McNish. Solange Rosberg und Hamilton nicht zu Alain Prost und Ayrton Senna mutieren, würde der Deutsche bestätigt: "Für Mercedes ist das auch das beste Marketing."

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