Abu-Dhabi-GP: Nico Rosberg nach der verpassten WM

Den nächsten Level erreicht

Montag, 24.11.2014 | 17:34 Uhr
Rosberg akzeptierte die Niederlage gegen Hamilton in Abu Dhabi ohne Murren
© mercedes amg petronas
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Nico Rosberg hätte sich nach dem Saisonfinale der Formel 1 beim Großen Preis von Abu Dhabi in Ausflüchte verwickeln können. Doch statt den verlorenen Kampf um die Weltmeisterschaft gegen Lewis Hamilton auf die Probleme seines Mercedes zu schieben, akzeptierte er seine Niederlage und bewies Größe.

Trotz des ersten Fahrertitels in der Fahrer-WM seit Juan-Manuel Fangio 1955 war die Stimmung beim Mercedes-Werksteam nach dem großen Showdown zumindest im ersten Moment etwas gedrückt. "Für uns persönlich ist das ein Drama", erklärte Motorsportchef Toto Wolff mit Blick auf die Probleme am Hybridsystem des Autos mit der Nummer 6: "Wir wollten beide Autos ins Ziel bringen, damit sie es auf der Strecke auskämpfen können. Das haben wir nicht geschafft."

Die Reaktion ist nachvollziehbar. Es war das einzige Ziel, das sich Mercedes für das Saisonfinale gesetzt hatte - es klappte mal wieder nicht. In der 25. Runde setzte die Kühlpumpe bei Rosbergs Hybridsystem aus, das Team musste das komplette ERS abschalten. 160 PS weniger machten den W05 zur leichten Beute für sämtliche Autos auf der Strecke.

"Ich hätte liebend gern gekämpft bis zur letzten Runde. Das konnte ich nicht. Das ist die größte Enttäuschung", berichtete der neue Vizeweltmeister. Bis zur letzten Kurve wollte er den Druck aufrecht erhalten, um Hamilton in einen Fehler zu leiten und doch noch den Titel zu holen. Stattdessen beschränkte er sich darauf, sein Auto ins Ziel zu retten. Er wollte den nötigen sechsten Platz für den Fall konservieren, dass Hamilton ausfällt.

Kampf gegen das Turboloch

Allein die Bemühung war eindrucksvoll. Rosberg stellte mal eben den kompletten Fahrstil um. "Ich musste zum Beispiel schon vor der Kurve wieder Gas geben, weil es eben ein Turboloch gab", erklärte er. Es half nichts. Trotzdem brachte er das Auto ins Ziel, auch als sein Team ihn eigentlich aus dem Rennen nehmen wollte. "Ich wollte ins Ziel kommen. Ich mag nicht aufgeben, wenn das Auto noch läuft", so der gebürtige Wiesbadener.

Rosberg hat sich in Abu Dhabi selbst auf eine neue Stufe gehoben. Nicht nur der Durchhaltewillen beeindruckte, vor allem die Reaktion nach dem Rennen hat nachträglich sogar die Bambi-Verleihung als Sportler des Jahres gerechtfertigt. Statt sich über den Defekt aufzuregen, marschierte er schnurstracks in den Warteraum, um Hamilton noch vor der Siegerehrung sportlich fair zu gratulieren.

"Er ist zu mir gekommen und hat mir gesagt, dass ich toll gefahren bin. Das war sehr professionell. Auch er war stark. Auch ich muss ihm gratulieren", zollte der neue Doppelweltmeister seinem langjährigen Partner und Rivalen Respekt. Dass Rosberg in der Niederlage Größe zeigte, hat sein Ansehen gesteigert. "Hinaufzukommen und zu gratulieren, da kann man nur die Kappe ziehen", konstatierte auch Wolff.

Zu viel Druck? Nur bei Rosberg

Die Psychospielchen der letzten Tage waren nicht aufgegangen. Er hatte selbst seinen Vorteil am Start verspielt. Hamilton ließ ihn stehen, als würde der Deutsche gerade auf den Bus warten. "Ich hatte durchdrehende Räder", räumte er freimütig seinen Fehler ein: "Es war wirklich extrem schlecht." Ausflüchte? Fehlanzeige.

Rosberg strebt nach dem größtmöglichen individuellen Erfolg, ohne dabei die Interessen seines Teams für einen Sekundenbruchteil zu vergessen. Fünf Jahre Aufbauarbeit beim Nachfolger von Brawn GP, fünf Jahre in denen er geduldig wartete, erst im medialen Schatten von Rekordweltmeister Michael Schumacher, dann mit Lewis Hamilton. Und am Ende holt der Teamkollege den Titel, weil er im entscheidenden Moment die Nerven behält.

Doch selbst die Niederlage kann das Fazit nicht trüben. Rosberg ist da angekommen, wo er nach eigenem Verständnis hingehört: In der Spitzengruppe der Formel 1. "Diese Saison war eine unglaubliche Erfahrung. Es gibt so viele positive Dinge, die ich aus diesem Jahr mitnehmen kann", resümierte der 29-Jährige: "Es war ein besonderes Jahr, es gab viele besondere Momente - auch für die persönliche Entwicklung. Ich nehme enorm viel mit.

Zu viele Fehler nach der Sommerpause

Er hat Hamilton im Qualifying entzaubert, wie es bisher niemand getan hat. Wäre Mercedes nicht derart drückend überlegen gewesen, hätte er dadurch einen weiteren Vorteil im Kampf um die WM gehabt, weil der Teamkollege von weiter hinten mehr Zeit und Punkte verloren hätte. Doch das sind Spekulationen. Rosberg verlor die WM letztlich auf der Strecke.

Italien, Russland, USA, Abu Dhabi - vier Rennen, bei denen der Deutsche am Sonntag Fehler machte, die ihm den Sieg kosteten und Hamilton die volle Punktzahl bescherten. "Über die Saison gesehen war er ein bisschen der bessere Fahrer und deswegen hat er es auch verdient. Er ist atemberaubend gefahren, war der beste Fahrer im Feld. Ich gratuliere ihm von Herzen", sagte Rosberg am Sonntag: "Ich muss mich steigern, kann mich auch noch ein bisschen steigern."

Kommentar: Dominanz schlägt Irrsinn

Die Vorbereitung auf die Saison 2015 beginnt schon am Dienstag. Nach den großen Feierlichkeiten stehen die Testfahrten auf dem Yas Marina Circuit an. Mercedes will sich wappnen, um ein Aufholen der Konkurrenz zu verhindern. Schließlich weiß bisher niemand, wie stark die neue Honda-Antriebseinheit von Honda im McLaren sein wird.

"Ich kann immer etwas lernen. Jede Runde im Auto ist wichtig, weil wir so wenig testen", versprühte Rosberg weiter Optimismus. Bedenken hatte er trotz der Titelparty: "Ich weiß aber nicht, in welchem Zustand ich sein werde." Das Level des Spitzenpiloten hat er erreicht, jetzt gilt es den letzten Schritt zu machen, um das Ziel zu erreichen: mit dem Erfolg von Vater Keke gleichzuziehen. Wie sagte doch gleich Aufsichtsratschef Niki Lauda? "Ich habe zu Nico gesagt: Nächstes Jahr bist du an der Reihe."

Endstand in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM 2014

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