Wille, Hingabe, Wut

Sonntag, 23.11.2014 | 22:30 Uhr
Lewis Hamilton wurde in der Boxengasse des Yas Marina Circuit ausgiebig gefeiert
© getty
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Der Formel-1-Weltmeister 2014 heißt Lewis Hamilton. Mit seinem Sieg beim Großen Preis von Abu Dhabi machte er nicht nur seinen Titel perfekt, er unterstrich seine hervorragende zweite Saison bei Mercedes mit einer Leistung, die seinem Reifeprozess gerecht wurde.

Das frühere Wunderkind hat es endlich geschafft: Doppelweltmeister. "Für Lewis war es wichtig zu zeigen, dass der erste WM-Titel keine einmalige Sache war. Er hat sich während der Saison extrem weiterentwickelt", lobte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff nach dem Saisonfinale.

Es ist die Krönung eines Aufstiegs, der über mehrere Jahre gebremst wurde. Die scheinbare Rekordjagd nach dem Vizetitel im Rookie-Jahr und dem ersten Titel wurde jäh abgebrochen. Statt weiterer Weltmeisterschaften rutschte Hamilton ab, weil McLaren nicht das passende Material zur Verfügung stellte und er sich selbst zu sehr ablenken ließ.

Eskapaden in den sozialen Netzwerken, die Beziehung zu Nicole Scherzinger, private Ablenkung auch an der Rennstrecke - Hamilton drohte zum One-Hit-Wonder zu werden. Glücklicherweise holte ihn Niki Lauda in seiner Funktion als Aufsichtsratschef zu Mercedes und gab ihm Ratschläge.

Lauda erinnert Hamilton an seine Überzeugungsarbeit

"Ich habe ihm vor zwei Jahren gesagt: 'Komm mit mir zu Mercedes. Dort wirst Du schneller einen Titel holen.' Daran habe ich ihn heute erinnert", bekundete der Österreicher nun stolz. Gerade in der britischen Öffentlichkeit hatte der Entschluss schließlich Stirnrunzeln verursacht.

"Jeder sagte, ich sei verrückt. Aber ich spürte es im Herzen, dass es der richtige Ort ist", erklärte Hamilton in Abu Dhabi seinen Entschluss: "Natürlich wusste ich nicht, dass wir im zweiten Jahr den Titel gewinnen. Aber ich wusste, dass es irgendwann passiert."

McLaren hatte das schnellere Auto, teilweise ein wenig unzuverlässig. Mercedes war Ende 2012 dagegen nur das Mittelfeldteam, das trotz eines Stabes von hochdekorierten Ingenieuren nicht an die Spitze herankam.

Hamilton: "Eine Million Mal besser"

2014 aber haben Hamilton und das Team aufgeräumt mit den Vorurteilen. Die neue Powerunit ist das Beste, was die motorenlastige Formel 1 zu bieten hat. "Chrashilton" ist lange Geschichte. "Es fühlt sich eine Million Mal besser an", verglich er seinen neuen Titel mit dem ersten: "Ich fühle mich als Person mehr als ein Ganzes."

Der Quali-König unterlag Nico Rosberg im samstäglichen Teamduell mit 7:12, doch im Rennen drehte er die Bilanz: 11:5 Siege stehen nach dem Saisonfinale im Statistikbuch. Willen und Hingabe und Wut lauteten die Erfolgszutaten.

Hamilton fügte sich in die Ratschläge von Mentor Lauda, verbannte On-Off-Freundin Nicole Scherzinger samt seinen Hunden von der Rennstrecke, selbst sein Hollywood-Management sägte er wieder ab. Statt auf Marketing setzte er wieder auf Racing und suchte nur abseits der Formel 1 die Nähe der Familie.

"Das gesamte Vereinigte Königreich enttäuscht"

"Das Comeback in Silverstone war eines der Highlights", sagte Vater Anthony nach dem geglückten Titelgewinn: "Am Samstagabend hat er in seinem Zimmer gedacht, dass er das gesamte Vereinigte Königreich enttäuscht hat, und dann hat er zurückgeschlagen."

STIMMEN "Lewis fuhr allen um die Ohren"

Der Sieg beim Heimspiel war der erste Paukenschlag. Der geknickte Qualifying-Verlierer, der selbst die Pole weggeschmissen hatte, rehabilitierte sich. In Ungarn wiederholte er nach dem Brand am Samstag die Fabelleistung.

Wäre Rosberg ohne den Spa-Eklat Weltmeister?

Viel wichtiger war aber die Reaktion auf den Crash in Spa. Die Frage ist müßig, ob das Duell in der Wüste ohne die Kollision anders ausgegangen wäre, ob Rosberg seinen Partner damit so stark kitzelte, dass er alles aus sich herausholte. Fest steht: Hamilton gewann die folgenden sechs Rennen.

"Er hatte viele Tiefpunkte, aber auch viele Höhepunkte. Er ist ein würdiger Weltmeister", betonte Wolff in Abu Dhabi. Lauda, der Hamiltons Vertragsverlängerung über 2015 als Formsache deklarierte, erklärte die Änderungen seit dem Belgien-GP: "Sie kämpfen hart gegeneinander, aber sie umarmen sich anschließend und gratulieren sich. Sie respektieren sich."

Unaufgeregtheit nur Fassade

Auch in Abu Dhabi präsentierte sich Hamilton als harter, kompromissloser Fighter. Die Psychotricks von Rosberg würde er nicht beachten, sagte er noch am Samstag. Doch das war pure Fassade. "Letzte Nacht hatte ich schwitzige Hände, ich konnte nicht wirklich schlafen. Ich habe die ganzen Dinge nicht aus dem Kopf bekommen, die heute passieren könnten", gab Hamilton nach dem Rennen zu.

Statt der nötigen Ruhephase ging er nach nur vier Stunden im Bett joggen, was er sonst nie vor den Rennen tut. Beim Frühstück sah er schließlich seine gerade erst angereiste Familie nebst Lebensgefährtin Scherzinger. "Ich war da schon so im Tunnel, dass es sich normal anfühlte. Anders habe ich es nicht gewollt."

RE-LIVE: Das ganze Rennen im Ticker

Es zahlte sich aus. "Das war wohl der beste Start, den ich je hatte", freute er sich. Danach folgten saubere, schnelle Runden. Rosberg hatte keine Chance, bis sein Wagen den Geist aufgab. Danach schaltete Hamilton zurück und schonte das Material.

"Lewis hat den Sieg heute und die Weltmeisterschaft verdient. Er war dieses Jahr ein bisschen besser und hat es komplett verdient", gab sich Rosberg sportsmännisch: "Der Kampf zwischen uns war großartig, dafür fahre ich Rennen. Es war teilweise sehr intensiv, aber die meiste Zeit war es einfach fantastisch."

Wolff: "Alle Ups and Downs werden ich wiederholen"

In Zukunft soll es genauso weitergehen. "Ich habe keine Zweifel, dass wir wieder in ähnliche Situationen kommen. Alle Ups und Downs werden sich wiederholen. Alles andere wäre ja auch nicht normal", sieht sich Wolff in der Abschaffung der Stallorder bestärkt.

Als 16. Pilot in der Geschichte der Formel 1 darf sich der 29-Jährige schon jetzt Mehrfachweltmeister nennen. Die Worte von Prinz Harry treffen ins Schwarze: "Gut gemacht, Lewis. Sie sind eine absolute Legende."

"Der Name Hamilton wird mich jetzt weit überleben. Darauf bin ich sehr stolz", sagte der Zweifachweltmeister noch und offenbarte einen folgenschweren Plan. Er will mit der Tradition der Weltmeisternummer brechen.

"Ich werde immer wissen, dass ich die Nummer 1 bin. Ich habe mit der 44 meinen ersten Titel geholt. Das ist meine Lieblingsnummer. Ich werde das Team bearbeiten, damit ich sie behalten darf", sagte Hamilton.

Endstand in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM 2014

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