Formel 1

Sebastian Vettel kritisiert die Formel 1: Es geht um mehr als nur dieses Rennen

Von SID/SPOX
Sebastian Vettel kritisierte die Entwicklung der Formel 1.
© getty

Nach seiner Zeitstrafe beim Großen Preis von Kanada fühlt sich Sebastian Vettel um den Sieg betrogen. Ferrari will sich wehren, Vettel beklagt gar den Zustand der Formel 1.

Zuvor hatten sich der 31-Jährige und Weltmeister Lewis Hamilton im Mercedes über 47 Runden ein spannendes Duell auf der Strecke geliefert. Vettel raste an der Spitze seinem ersten Saisonsieg entgegen, den heraneilenden Hamilton immer im Rückspiegel. Dann rutschte der Heppenheimer in Kurve 3 über das Gras, und kollidierte bei der Rückkehr auf die Strecke beinahe mit dem Briten, der mit einer starken Bremsung das wohl sichere Aus beider Piloten verhinderte.

Sebastian Vettel mit heftiger Kritik

Getrieben von Wut und tiefer Frustration fällte Sebastian Vettel später ein vernichtendes Urteil über den Zustand der Formel 1. "Das ist nicht der Sport, in den ich mich verliebt habe", sagte der Ferrari-Star nach dem Großen Preis von Kanada und sehnte die guten alten Zeiten herbei: "Ich schaue mir gerne die Rennen, Autos und Fahrer von früher an. Ich würde mein Können lieber in diesen Zeiten als heutzutage unter Beweis stellen."

Gegen den eigentlich zweitplatzierten Lewis Hamilton, der wegen Vettels Fünf-Sekunden-Zeitstrafe zum Sieger erklärt wurde, hegte er keinen Groll. Nicht einmal die Stewards, die die umstrittene Entscheidung getroffen hatten, standen im Zentrum seiner Kritik. Vettels Zorn traf jene Offiziellen, die seiner Meinung nach im Regulierungswahn dem Sport die Seele rauben. "Wir haben für wirklich alles Regeln. Das ist falsch, ich mag das nicht", sagte Vettel: "Das entspricht nicht dem, was wir im Auto tun."

Über ein "gestohlenes Rennen" hatte der Ferrari-Star schon im Cockpit geflucht, nach der Zieleinfahrt zeigte er sich dann geradezu bockig: Er schwänzte das obligatorische Interview vor der Siegerehrung, parkte sein Auto nicht im Parc ferme und tauschte dort sogar die Schilder für die Plätze "1" und "2" aus.

Rennjury sieht Gefährdung des Gegners

Im offiziellen Statement der verantwortlichen Stewards Gerd Ennser, Mathieu Remmerie, Mike Kaerne und Emanuele Pirro heißt es wie folgt: "Die Stewards haben nach der Auswertung des Video-Materials festgestellt, dass Wagen 3 (Vettel) die Strecke in Kurve drei verlassen hat, in Kurve vier dann auf unsichere Weise auf die Strecke zurückgekehrt ist und den Wagen 44 (Hamilton) damit von der Strecke gedrängt hat. Wagen 44 musste ausweichen, um eine Kollision zu verhindern."

Vettel argumentierte hingegen, er habe nur sein Auto abgefangen. "Das ist Racing", sagte er. "Ich hätte nichts anders machen können. So macht man unseren Sport kaputt. Die Leute wollen doch sehen, dass wir Rennen fahren. Zeigt mir mal den Fahrer, der vielleicht nur mit einer Hand durchs Gras fahren kann, gleichzeitig in den Spiegel schaut und noch dazu am Funk spricht. Ich kriege das nicht hin, sorry. Und wenn das verlangt wird, dann muss ich mir etwas anderes suchen."

Ex-Fahrer springen Sebastian Vettel zur Seite

Dass er mit sich mit seiner Meinung in guter Gesellschaft befindet, zeigte sich auch bei der Siegerehrung, als die kanadischen Fans das Urteil der Rennleitung mit Buhrufen für Hamilton quittierten. Ehemalige Fahrer wie Jenson Button oder Damon Hill sprangen Vettel ebenfalls zur Seite. Der frühere Weltmeister Nigel Mansell schrieb bei Twitter von einer Peinlichkeit: "Es macht keine Freude. Zwei Champions zeigen ein brillantes Rennen, das in einem Fehlurteil endet."

Lediglich Hamiltons Ex-Teamkollege Nico Rosberg positioniert sich in der Debatte gegen den Heppenheimer: "Die Strafe ist in Ordnung und hundertprozentig verdient", sagte Rosberg in seinem Podcast: "Es gibt eine Regel, dass man nach einem Ausrutscher sicher auf die Strecke zurückkehren muss, und das hat Vettel nicht getan. Ihr könnt euch ja alle mal vorstellen, was passiert wäre, wenn Lewis nicht so hart gebremst hätte. Dann wäre er nämlich an der Mauer gelandet. Noch einmal: Das war keine sichere Rückkehr auf die Strecke, und deshalb musste Vettel bestraft werden."

Ferrari legt Protest ein

Für ein Fehlurteil hält es auch Vettels Rennstall Ferrari. Dieser kündigte dem Motorsport-Weltverband FIA noch am Sonntag offiziell an, einen Protest zu planen. Die Scuderia hat dadurch die Möglichkeit, innerhalb von 96 Stunden entlastendes Beweismaterial zu sammeln und dann formell Einspruch einzulegen.

Zunächst aber steht für Vettel der nächste sportliche Rückschlag. 62 Punkte beträgt der Rückstand des WM-Dritten auf Hamilton, den Führenden der Fahrerwertung, der seinen fünften Saisonsieg kaum genießen konnte. "Das ist nicht die Art, auf die ich gewinnen wollte. Aber ich nehme den Sieg gerne an", sagte Hamilton, der sich durch das Vettel-Manöver durchaus behindert sah.

Der Umgang der Rivalen miteinander blieb trotz allem fair. Als Hamilton den Buhrufen der Fans ausgesetzt war, griff Vettel auf dem Podium zum Mikrofon und stellte sich vor den Briten. "Lewis kann nichts dafür", sagte Vettel, der auf der anschließenden Pressekonferenz nachlegte: "Wir haben ein gutes Verhältnis, es ist von großem gegenseitigen Respekt geprägt."

Hamilton nickte. Ihre Rivalität hatten sie auf der Strecke ausgelebt.

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