Alfa Romeos historisches Formel-1-Comeback: Wenn der Pionier im Saustall versinkt

Von Lukas Zahrer
Donnerstag, 22.03.2018 | 11:00 Uhr
Alfa Romeo kehrt als strategischer Partner von Sauber in die Formel 1 zurück.
© getty
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Mit Alfa Romeo geht das Formel-1-Team Sauber mit einem neuen strategischen Partner in die kommende Saison. Der italienische Autohersteller war einst die dominante Kraft im Formel-1-Zirkus, eine Legende erinnert sich heute allerdings auch an unzuverlässige Boliden zurück und spricht vom schlimmsten Auto der Karriere. Eine Geschichte vom Aufstieg und Abstieg eines Teams, das Sauber eine Initialzündung bringen soll.

"Es war mit Abstand der schlechteste Wagen, den ich je gesteuert habe", sagt Riccardo Patrese dem Magazin MotorSport über seinen Alfa Romeo aus der Formel-1-Saison von 1985. "Abgesehen davon dass wir nicht konkurrenzfähig waren, hat es überhaupt keinen Spaß gemacht, das Auto zu fahren."

Nachdem Alfa Romeo über Jahre nur als Motorenzulieferer in der Formel 1 agierte, versuchten sich die Italiener ab der Saison 1979 wieder als eigenständiger Konstrukteur. Zum großen Teil agierte die Squadra allerdings deutlich im Schatten der Landsmänner von Ferrari, die mit Jody Scheckter und Gilles Villeneuve einen Doppelsieg in der Weltmeisterschaft einfuhren.

Nach einigen Jahren im Mittelfeld mit lediglich fünf Podiumsplätzen in sechs Saisons erreichte das Team mit Patrese und Teamkollege Eddie Cheever den absoluten Tiefpunkt. Angesprochen auf die Highlights während seiner Zeit bei Alfa Romeo sagt Patrese: "Ich habe keine einzige gute Erinnerung. Das einzige, woran ich mich erinnern kann, war ein Crash mit Nelson Piquet in Monaco, der war richtig spektakulär!"

Ein tiefer Fall des einst so dominanten Teams in der Formel 1, dessen früher Erfolg einzig und alleine einer dreistelligen Zahl zuzuschreiben war: 158.

Alfa Romeo: Titel-Double zu Beginn der Formel 1

Hinter diesen drei Ziffern versteckt sich einer der erfolgreichsten Rennwagen, den es je gab. Bereits vor 80 Jahren schickte Alfa Romeo seine Alfetta, wie der 158 noch genannt wurde, auf die Rennstrecken dieser Welt. Die Nummer setzt sich zusammen aus einem 1,5-Liter-Motor, der seine Arbeit über acht Zylinder verteilt verrichtete.

Als 1950 die erste Formel-1-Weltmeisterschaft begann, verzichtete Alfa Romeo aus Kostengründen auf den Bau eines neuen Boliden und startete mit drei 13 Jahre alten 158ern aus der Vorkriegszeit.

Und diese fuhren zwei Jahre lang alles in Grund und Boden: Die ersten neun Grand Prix der Formel-1-Geschichte entschieden sie allesamt für sich, in der Saison 1950 belegte Alfa Romeo die ersten drei Plätze der Fahrerwertung. Nino Farina krönte sich mit drei Rennsiegen zum ersten Weltmeister überhaupt.

Formel 1: Alfa Romeos zu Boxenstopps gezwungen

Im Folgejahr setzten die Turiner ebenfalls auf die Alfetta, statteten sie mit einem zweistufigen Kompressor aus und holten mit Juan Manuel Fangio erneut den Titel in der Fahrerwertung. Da die Formel 1 allerdings erst seit 1958 Konstrukteurs-Weltmeisterschaften vergibt, blieb den Italienern bis dato ein Mannschaftstitel verwehrt. Für Fangio war es der erste von insgesamt fünf WM-Erfolgen.

Vor allem der leistungsstarke Motor des Boliden verschaffte Alfa Romeo einen unwiderstehlichen Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Mit lediglich neun Aggregaten über zwei Saisons bewies das Team zudem Standfestigkeit, die Jahrzehnte später sehnlichst vermisst werden sollte.

Lediglich der hohe Verbrauch der Motoren war ein Schwachpunkt: Mit 125 bis 175 Litern Spritverlust pro 100 Kilometer waren die Alfa-Piloten gezwungen, je nach Strecke zwei bis drei Boxenstopps einzulegen, während Ferraris 4,5-Liter-Motor ohne Kompressor und - viel wichtiger - meist ohne zusätzliche Tankauffüllung auskam.

Alfa Romeos Bilanz in der Formel 1

GP-StartsSiegePodiumsPole PositionsPunkteSchnellste Rennrunden
1101026125014

Italienische Regierung sorgt für Konstrukteurs-Aus

Vor allem Ferrari machte in der Entwicklung der Autos laufend Fortschritte, während die Alfetta am Zenit ihrer Leistung angekommen schien. Für die Saison 1952 musste folgerichtig ein neues Auto entwickelt werden.

Alfa, zu dieser Zeit ein staatliches Unternehmen, musste sein Budget aber Jahr für Jahr von der italienischen Regierung absegnen lassen. Da diese dem Rennstall zusätzliches Geld für die Entwicklung verweigerte, sah sich das Team gezwungen, die Arbeit als Konstrukteur in der Formel 1 einzustellen.

Es dauerte Jahre, bis sich der einstigte Dominator der Königsklasse von seinem Aus erholte. Erst in den 1960er-Jahren wagte Alfa Romeo ein Comeback - allerdings nur als Motorenlieferant. Die neuen Aggregate verbrauchten erneut Unmengen an Benzin. Die Konsequenz: Das Gefährt war mit vier sperrigen Tanks mit einem Fassungsvermögen von insgesamt 214 Liter ausgestattet. Eine gewaltige Menge.

Der wohl prominenteste Abnehmer der italienischen Mega-Motoren war das Brabham-Team von Teameigentümer Bernie Ecclestone. Der große Antrieb zwang Brabhams Chefingenieur Gordon Murray dazu, kreative Maßnahmen zu ergreifen: Das Thema des Anpressdrucks wurde in der Formel 1 immer wichtiger, doch durch das sperrigen Antriebs war es nicht wie bei den anderen Teams möglich, Luftströme "durch" das Auto zu leiten.

Um dennoch Anpressdruck zu erzeugen, klatschte das Team einen riesigen Ventillator ans Heck, der für eine Unmenge an Unterdruck auf dem Unterboden sorgte und damit ungeahndete Kurvengeschwindigkeiten zuließ.

Riccardo Patrese: "Alfa-Romeo-Motor war durstig"

Während Brabham aus der Not eine Tugend machte, versuchte sich Alfa Romeo Ende der 70er-Jahre mit einem Comeback als eigenständiger Konstrukteur. Über Jahre wusste Alfa lediglich mit Unzuverlässigkeit auf sich aufmerksam zu machen, nur der junge Andrea De Cesaris zeigte mit zwei zweiten Plätzen kurzzeitig auf.

Nachdem Alfa Romeos Wagen in der Saison 1984 in 16 Rennen insgesamt nur vier Mal in die Punkteränge fuhren, erreichte das Team ein Jahr später seinen absoluten Tiefpunkt. "Das neue Chassis war nicht gut", erinnert sich Patrese. "Ich denke, alles, woran im Winter gearbeitet wurde, ging schief. Der Motor war richtig durstig, deshalb mussten wir mit viel Sprit in den Grand Prix starten."

Die Alfa Romeos gingen somit ständig mit deutlich mehr Gewicht als die Konkurrenz an den Start, daran konnte auch der neue finanzstarke Hauptsponsor Benetton nichts ändern.

"Abgesehen von dem schlechten Auto war auch die Stimmung im Team nicht gut", erzählt Patrese. "Jeder schob irgendjemand anderem die Schuld zu: Die Ingenieure den Fahrern, die Fahrer den Motorenentwicklern, und so weiter. Es war der reinste Saustall." So gut das Engagement auch begann, blickt Alfa Romeo heute also auf eine äußerst durchwachsene Formel-1-Vergangenheit.

Sauber-Team setzt auf Expertise von Alfa Romeo

Ähnlich trist verliefen in der kürzeren Vergangenheit die Saisons des Sauber-Rennstalls. Während das Schweizer Team vor zwei Jahren nur durch einen neunten Platz im vorletzten Grand Prix in der Konstrukteurswertung an Manor vorbeizog, blieb im vergangenen Jahr mit mageren fünf Punkten nur die rote Laterne.

Die Ankündigung, nun mit Alfa Romeo als Titelsponsor angreifen zu wollen, hat die Erwartungen an die Mannschaft aus dem schweizerischen Hinwil allerdings erhöht. Um die große Lücke zur Konkurrenz zu schließen, benötigt die neue Partnerschaft allerdings Zeit, betont Teamchef Frederic Vasseur: "Es ist ein mittelfristiges Projekt, ins Mittelfeld vorzustoßen. Das wird nicht in den nächsten ein bis zwei Jahren passieren."

Die Zusammenarbeit soll strategische, kommerzielle und technologische Komponenten beinhalten. Dabei steht der Austausch an technischem Know-How und Ingenieurwesen im Vordergrund. Die Mannschaft fährt ab der kommenden Saison unter dem Namen Alfa Romeo Sauber F1 Team, wird aber weiterhin mit Ferrari-Motoren ausgestattet - im Gegensatz zum vergangenen Jahr allerdings mit aktuellen Aggregaten.

Seitdem Vasseur inmitten der vergangenen Saison von der Österreicherin Monisha Kaltenborn übernommen hatte, stieg die Anzahl der Mitarbeiter bei Sauber von 320 auf 400 an. Er kündigte zudem an, Schritt für Schritt die Workforce auf 450 anheben zu wollen, und orientiert sich dabei an erfolgreichen Konstrukteuren.

"Du kannst kein Team aus dem Stand aufbauen", sagte er. "Wenn man sich Red Bull oder Mercedes ansieht, haben beide Teams sieben bis zehn Jahre gebraucht, um um Weltmeisterschaften mitkämpfen zu können."

Denn das sei das ultimative Ziel der Partnerschaft mit Alfa Romeo. Der Hunger nach Erfolg ist bei Sauber groß, zunächst sieht jedoch alles danach aus, als müssten sie in der kommenden Saison weiterhin kleinere Brötchen backen.

Formel 1: Teams und Fahrer der Saison 2018

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