Formel 1

Billige Kopie scheinbar besserer Zeiten

Hitzige Angelegenheit: Bei Monteiro wurde nachgetankt, bei Hintermann Albers gelöscht
© getty

Ein echter Fortschritt: Die Strategiegruppe der Formel 1 hat sich in London auf Anpassungen am Reglement geeinigt. Doch sind Änderungen wie breitere Reifen, mehr Drehzahl, aggressiverer Look und die Wiedereinführung der Tankstopps wirklich die Lösung des Problems? Nein. Die vermeintliche Revolution ist eine billige Kopie vermeintlich besserer Zeiten. Ein Kommentar von SPOX-Redakteur Alexander Maack.

"Ich hatte an den Strategien immer meine Freude, aber ich finde inzwischen, dass es zu sehr zu einer intellektuellen Übung geworden ist", so Pat Symonds über die Tankstopps: "Die Leute, die sich die Rennen im Fernsehen anschauen - und das sind die, die mich kümmern -, finden wahrscheinlich, dass es nicht mehr leicht zu verstehen ist, was da vor sich geht. Ich glaube, es ist zu strategisch geworden."

Das Problem: Die Aussage ist nicht aktuell. Sie stammt aus dem Mai 2009. Damals war Symonds nicht wie heute bei Williams angestellt, er arbeitete noch für Renault. Und: Er lobte nicht die Einführung der Tankstopps sondern ihre Abschaffung.

Strategiefehler wird es nicht geben

Seit das von Bernie Ecclestones Brabham-Team anno 1982 eingeführte und Ende der folgenden Saison aus Sicherheitsgründen wieder abgeschaffte Nachtanken im Jahr 1994 wieder eingeführt wurde, vergrößerten sich die Strategieabteilungen immer weiter. Fehler bei der Berechnung waren irgendwann ausgeschlossen.

Die Formel-1-Rennen verkamen zu einer langweiligen Prozessionsfahrt. Statt bei einem Überholmanöver Zeit zu verlieren, warteten die Fahrer lieber bis zum nächsten Boxenstopp. Bei freier Fahrt konnten sie innerhalb von ein bis zwei Runden die nötige Zeit gut machen, um den vorherigen Vordermann zu überholen.

Was bringt die Wiedereinführung der Tankstopps?

Heute sind die Teams noch größer, noch professioneller. Und jetzt die Frage: Was bringt die Wiedereinführung der Boxenstopps der Formel 1? Schon 1994 hatten sich alle Teams außer Ferrari gegen den Vorschlag von Ecclestone und FIA-Chef Max Mosley gewehrt. Die Italiener waren dafür, weil sie so den Nachteil ihrer durstigen Zwölfzylinder-Motoren ausgleichen konnten und mit leichteren Autos in die Startaufstellung fuhren.

Wo also ist der Vorteil? Der Wunsch einiger Fans erfüllt sich. Sonst gibt es keinen. Es ist eine billige Kopie vermeintlich besserer Zeiten - und zwar eine schlechte. In den Neunzigern konnten die Teams immerhin frei entscheiden, wie viel Sprit sie benötigen und verbrauchen wollen. Jetzt ist die Maximalgrenze klar geregelt.

Tankstopps machen die Show schlechter

Auch das Ziel ist fragwürdig. Die Tankstopps sollen die Show verbessern. Sie werden es aber nicht. Sie machen sie durch fehlende Überholmanöver auf der Strecke schlechter. Außer, wenn es mal wieder ein Feuer gibt. Dann schießen die Fotografen spektakuläre Bilder - auf Kosten der Sicherheit von Mechanikern und Fahrern.

Auch einige andere Vorschläge - höhere Drehzahlen für mehr Lärm und Leistung und die Einführung breiterer Reifen - sind ähnlich populistische Änderungen. Ihre Einführung erscheint wie die Umsetzung eines Wahlversprechens nach der Bundestagswahl: Sie ändert nichts am Kern des Problems.

Die Formel 1 krankt nicht an fehlenden Boxenstopps, Drehzahlen und Lautstärke. Sie krankt an den Finanzen. Dass die fünf reichen Teams, die jährlich eine Bonuszahlung des Formel-1-Managements FOM kassieren, die Regeln für die nächsten Jahre vorschlagen, das ist das Problem.

Die Formel 1 muss Sport sein. Motorsport. Rennsport. Show und Unterhaltung entwickeln sich durch einen fairen Wettstreit der Teilnehmer und nicht daraus, dass Ferrari als Aushängeschild pro Jahr fast 100 Millionen nur für seine Teilnahme überwiesen bekommt. Die Formel 1 braucht eine gerechte Verteilung der Einnahmen.

Schildbürgerstreich Kundenautos

Dass ausgerechnet beim Thema "Kostensparen" in der Strategiegruppe kein Konsens erzielt wurde und stattdessen die Idee der Kundenautos nochmals geprüft wird, ist ein weiterer Schildbürgerstreich. Kein aktuelles Team wird sich zum Einsatz eines fremden Autos zwingen lassen und dafür die eigenen Mitarbeiter feuern.

Insofern birgt nur ein Vorschlag der Strategiegruppe die Hoffnung auf eine echte, sportliche Verbesserung der Formel 1: die veränderte Aerodynamik. Durch eine Beschneidung von Windkanal und Nutzungsdauer der teameigenen Supercomputer würden die Budgets sinken, die Überholmanöver durch weniger Dirty Air vielleicht sogar zunehmen. Doch was die Strategiegruppe mit einem "aggressiveren Look" meint, weiß sie wahrscheinlich selbst nicht.

Es bleibt dabei: Die wahre Lösung für das Problem der Formel 1 ist die Verbannung egomanischer Einzelinteressen aus der Regelfindung. Die Strategiegruppe ist das Krebsgeschwür der Formel 1. Die Regeln muss der Automobilweltverband festschreiben.

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