Das aufgeschobene Ende einer Ära

Von Alexander Maack
Montag, 11.03.2013 | 13:47 Uhr
Die Ruhe vor dem Sturm? Erst 2014 ändern sich die Regeln in der Formel 1 tiefgreifend
© getty
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Am Wochenende startet die Formel 1 in Australien in ihre neue Saison. Die Voraussetzungen für jede Menge Spannung sind geschaffen, fünf Teams scheinen nach den Tests auf Augenhöhe. Durch das weitgehend unveränderte Reglement kann Sebastian Vettel auf einen starken Red Bull bauen. Doch auch für die übrigen Teams bieten sich Chancen. Die Änderungen liegen im Detail.

"Es stimmt, dass ich mich im vergangenen Jahr erst in der zweiten Saisonhälfte im Auto richtig wohlgefühlt habe", blickte Vettel kürzlich auf das Saisonende 2012 zurück: "Und es stimmt auch, dass das Fahrverhalten des neuen Wagens dem sehr ähnlich ist." Der Grund dafür ist simpel: Der Automobil-Weltverband FIA hat die Regeln für die neue Formel-1-Saison kaum verändert.

Bei Qualifyings und Trainings ändern sich etwa nur die Zahlen. Weil der spanische HRT-Rennstall Insolvenz anmeldete, zählt das Fahrerfeld nur noch 22 Piloten. In den ersten beiden Abschnitten des dreiteiligen Qualifyings scheiden damit nur noch sechs statt sieben Fahrer aus. Im abschließenden Q3 streiten weiterhin zehn Fahrer um den besten Startplatz.

Entscheidender ist jedoch die veränderte Nutzung des Drag-Reduction-System (DRS). Wie im Rennen dürfen die Piloten jetzt am gesamten Wochenende nur noch in den dafür freigegeben Zonen den Heckflügel per Knopfdruck flachstellen. "DRS und KERS wurden erfunden, um im Rennen das Überholen zu erleichtern. Nicht, um im Training schneller zu fahren", lobte Mark Webber die Neuregelung. Ausschlaggebend waren Sicherheitsbedenken. Öffnete der Pilot den Heckflügel im letzten Jahr am Kurvenausgang zu früh, drohte ein schwerer Unfall. Der Anpressdruck auf der Hinterachse nahm schlagartig ab und das Auto wurde unkontrollierbar.

Ferrari profitiert von Regeländerungen

Diese Änderung spielt vor allem Vizeweltmeister Fernando Alonso in die Karten. Beide Ferrari-Fahrer hatten 2012 Probleme, sich in der Startaufstellung weit vorne zu platzieren. Die Scuderia verlor bei geöffnetem Heckflügel nicht genug Luftwiderstand und gewann somit weniger Höchstgeschwindigkeit als die Konkurrenz. Da sich dieser Nachteil im Rennen durch die Beschränkung der Nutzung auf einen bestimmten Streckenabschnitt weniger auswirkte, waren die Italiener dagegen am Sonntag fast immer konkurrenzfähig.

Auch sonst zeigte sich Alonso nach den Testeindrücken in Barcelona zufrieden. Er will Sebastian Vettel mit aller Macht vom Thron zu stürzen. "Das vergangene Jahr war das beste meiner Karriere, aber ich bin besser als letztes Jahr", sagte der Spanier "Autosport" über seine persönliche Form.

Ein Sieg zum Auftakt sei dennoch nicht das Ziel. "Wir müssen nicht eine halbe Sekunde vor der Konkurrenz liegen, aber zwei Zehntel hinter der Spitze wäre schon okay", erklärte Alonso. Im letzten Jahr war er in Australien schon im zweiten Abschnitt des Qualifyings ausgeschieden und nur vom zwölften Platz gestartet. Ein solches Negativerlebnis will der Vizeweltmeister nun unbedingt verhindern.

Dass dies gelingt, scheint keine Frage. Die Ingenieure sämtlicher Teams wissen mittlerweile sehr genau mit dem aktuell geltenden Reglement umzugehen. Schon bei den Testfahrten waren die Zeitunterschiede zwischen den einzelnen Piloten ungewöhnlich gering. "Ich will da rausfahren und die WM gewinnen", sagte sogar McLaren-Neuzugang Sergio Perez. Der Trend zu den geringeren Zeitunterschieden wird sich in diesem Jahr wahrscheinlich fortsetzen. Nutznießer könnten zwei Deutsche sein, die für Mittelfeldteams starten: Adrian Sutil kehrte zu Force India zurück und ersetzt dort Nico Hülkenberg, der zu Sauber wechselte.

Mercedes hat Fehler der Vorsaison erkannt

Aber auch Mercedes profitiert vom ähnlichen Reglement. Waren die Silberpfeile Anfang 2012 noch bärenstark, fuhren Nico Rosberg und Michael Schumacher in den letzten sechs Rennen nur noch zwei WM-Zähler ein. Der Grund dafür lag in der fehlenden Weiterentwicklung des Autos. "Wir wissen, was wir in Bezug auf unser Entwicklungsprogramm im letzten Jahr falsch gemacht haben", beruhigte Technik-Direktor Bob Bell gegenüber "Autosport".

Als problematisch erwies sich das Doppel-DRS, bei dem Mercedes 2012 bei geöffnetem Heckflügel Luft quer durch das Auto zum Frontflügel leitete. Dadurch wurde die Luftströmung gezielt gestört und der Top-Speed erhöht - allerdings nur im Qualifying, während dem das DRS uneingeschränkt genutzt werden konnte. Dadurch musste Mercedes den Flügel im Gegensatz zu Red Bull und McLaren extrem steif konstruieren, was den Top-Speed im Rennen senkte.

Der Vorteil für Mercedes: 2013 sind beide Systeme verboten. So fällt zwar der Gewinn an Höchstgeschwindigkeit weg, in diesem Jahr wäre dieser aber durch die veränderte DRS-Nutzung sowieso entfallen. Die Frontflügel müssen dagegen eine anspruchsvollere technische Abnahme durchlaufen, um eine Verbiegung zu verhindern.

Die Testeindrücke bestätigten die Fortschritte der Stuttgarter. An den beiden letzten Tagen in Barcelona fuhren Rosberg und Neuzugang Lewis Hamilton die Bestzeiten. Trotzdem hat der Brite noch Verbesserungspotenzial erkannt. "Der letztjährige McLaren hatte so viel Abtrieb, dass man den Unterschied noch deutlich spürt", sagte Hamilton nach den ersten Eindrücken beim Testauftakt in Jerez und wiederholte sein Fazit acht Tage später. Über den Winter wollen die Silberpfeil-Ingenieure zwei Sekunden pro Runde auf die Konkurrenz aufgeholt haben. Soviel fehlte beim WM-Finale in Brasilien zur Spitze.

Zwei Ären gehen zu Ende

Diesen Prozess im Saisonverlauf fortzusetzen wird für die Teams anstrengender als in den vergangenen Jahren. 2014 wird sich das Reglement komplett verändern. 1,6 Liter V6-Motoren ersetzen die 2,4 Liter V8-Motoren. Erstmals seit 1988 werden die Motoren durch Turbolader zwangsbeatmet. Sie gewinnen dadurch an Leistung, die mit acht statt sieben Gängen übertragen wird, und dürfen trotzdem statt 150 nur noch 100 Kilogramm Benzin im Rennen verbrauchen.

Zudem wird das bekannte Energierückgewinnungssystem KERS durch das neue ERS ersetzt, das zusätzlich zur Umwandlung der Bremsenergie auch durch die Wärme der Turbolader gespeist wird. Das Resultat ist ein Leistungszuwachs auf das Zehnfache. "Wir reden über ein Auto, das vollkommen anders als das ist, was wir bisher gesehen haben", erklärte Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali.

Schon jetzt wird befürchtet, dass sich die in der Gesamtwertung abgeschlagenen Teams gegen Mitte der Saison voll auf die Neuentwicklung der 2014er Autos konzentrieren, weil sich die Regeländerungen auch auf die Aerodynamik auswirken. "Je kleiner das Team, desto intensiver und früher müssen sie ihre Ressourcen in das neue Projekt verlagern", so Domenicali. Mit diesem Vorgehen machte der heutige Mercedes-Teamchef Ross Brawn sein finanziell schwächer aufgestelltes Honda-Nachfolgeteam Brawn-GP 2009 zum Konstrukteurs- und Jenson Button zum Fahrerweltmeister.

Rosberg Profiteur von Regeländerungen

Dass die bedeutenden Regeländerungen zu einer langweiligen Saison 2013 mit einem dominierenden Team führen, ist unterdessen kein Zwang. 1983 wurden die sogenannten "Wing Cars" verboten. Durch das neue Reglement wurde der Ground Effect minimiert, der die Autos sprichwörtlich am Boden kleben ließ, bei Unebenheiten aber die Gefahr lebensgefährdender Abflüge beinhaltete.

Von Eintönigkeit war im vorausgegangenen Jahr trotzdem keine Spur. Elf verschiedene Fahrer standen bei den 16 Saisonrennen in 1982 auf dem Siegerpodest ganz oben. Keke Rosberg wurde schlussendlich mit einem einzigen Sieg Weltmeister. Für Mercedes hat sein Sohn Nico in dieser Saison nur ein Ziel definiert: "Das Team zum besten der Formel 1 entwickeln."

Formel 1: Die Termine 2013 im Überblick

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