Hans-Joachim Stuck über Sebastian Vettel

"Ferrari braucht er erst einmal nicht"

Von Alexander Mey
Dienstag, 11.10.2011 | 13:49 Uhr
Sebastian Vettel kann sich gut vorstellen, in seiner Karriere einmal für Ferrari zu fahren
© xpb
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Nachdem sich Sebastian Vettel zum jüngsten Doppel-Weltmeister aller Zeiten gekrönt hat, stellen sich zwei Fragen: Wo ist Vettel im Konzert der Großen einzuordnen und wie geht es mit ihm weiter. SPOX sprach mit Formel-1-Experte und Vettel-Kenner Hans-Joachim Stuck.

Als Hans-Joachim Stuck Sebastian Vettel zum ersten Mal getroffen hat, trug der heutige Doppel-Weltmeister noch Zahnspange und hatte ein Poster von Michael Schumacher im Zimmer hängen.

Damals kam Vettel aus dem Kart in die Nachwuchsförderung von BMW, um dort seinen Weg durch die Formel-Klassen bis hin zur Formel 1 anzutreten. 2003 bestritt Vettel seine erste Saison in der Formel BMW, Stuck fuhr zu der Zeit für die Münchner Langstreckenrennen und repräsentierte die Marke.

"Es war für uns als Beobachter damals schon zu sehen, dass da ein Großer heranwächst", sagte Stuck im Gespräch mit SPOX über den jungen Vettel. Das war vor knapp einem Jahr, nachdem Vettel in Abu Dhabi seinen ersten Titel gewonnen hatte.

Stuck: "So ein Erfolg ist der Durchbruch"

Neun Siege, zwölf Pole-Positions und einen WM-Titel später versucht sich Stuck bei SPOX an einer Erklärung, was den gereiften und dominanten Vettel ausmacht.

"So ein Erfolg wie der erste WM-Titel ist der Durchbruch. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Das bestätigt einen, dass man seine Sache richtig gemacht hat", sagt Stuck. "Er hat in diesem Jahr an Souveränität gewonnen und davon profitiert, dass er noch eindeutiger in die Rolle des Teamleaders hereingewachsen ist."

Stuck: Vettel hat die Gene von Schumacher, Senna und Co.

Ein Teamleader zu sein, heißt, nicht immer nur der nette Kerl von nebenan zu sein, sondern intern auch mal auf en Tisch zu hauen. Auch das kann Vettel.

"Was viele nicht wissen: Seine freundliche Fassade ist echt, aber dahinter verbirgt sich ein Killer. Er hat alles Brutale, das du als Weltmeister haben musst. Er übertüncht das nur mit seinem Babyface", sagt Ex-Weltmeister Niki Lauda in der "Bild"-Zeitung.

Stuck geht noch einen Schritt weiter und ordnet Vettel schon jetzt in eine Reihe mit einigen der größten Fahrer aller Zeiten ein: "Man könnte denken, dass Senna, Schumacher, Prost, Hamilton und Vettel den gleichen Vater gehabt haben. Vettel hat von all diesen Größen etwas. Er hat die Intelligenz eines Senna oder Prost, das Draufgängertum eines Hamilton und das Detailwissen, das Schumacher in die Formel 1 gebracht hat."

Seitenhiebe auf Hamilton

Vor allem zu Hamilton sieht er aber einen gewaltigen Unterschied: "Es ist ja nicht allein das Auto, das Vettel zum Weltmeister macht. Er muss es auch umsetzen. Und das tut er mit einer Souveränität, die zum Beispiel ein Hamilton nicht hat. Der ist unglaublich aggressiv, aber nicht clever."

Auch Lauda kann sich einen Seitenhieb auf den Weltmeister von 2008, der in dieser Saison sehr viele Probleme hatte, nicht verkneifen: "Eines von Vettels Geheimnisse ist sicherlich, dass er auf keine VIP-Partys geht, dass er nach seinem ersten Titel so weitergemacht hat, als hätte er ihn noch nicht gewonnen. Schnickschnack-Veranstaltungen nehmen Kapazitäten weg, die bei Seb dageblieben sind."

Kann Vettel Schumachers Rekorde angreifen?

In einem anderen Punkt sind sich die beiden Experten aber nicht einig. Hat Vettel das Potenzial, mit Red Bull eine Dynastie zu begründen, die die Rekorde von Michael Schumacher und Ferrari angreifen kann?

Lauda sagt ja, Stuck meint: "Ich glaube nicht, dass in den nächsten 15 Jahren jemand achtmal Weltmeister wird. Das gibt schon das aktuelle Reglement nicht her. Zu Schumachers Zeit hatten die Teams viel mehr Freiheiten, ihre Autos weiterzuentwickeln."

Vettel hat sich zunächst einmal bis 2014 an Red Bull gebunden, gemeinsam mit Teamchef Christian Horner und Star-Designer Adrian Newey - dem Schlüssel zu Vettels möglichem dritten Titel im Jahr 2012. "Für Red Bull wird es entscheidend sein, Adrian Newey bei Laune zu halten, den vielleicht letzten genialen Kopf in der Formel 1", sagt Stuck.

Stuck: "Glaube nicht mehr an den Ferrari-Mythos"

Was nach 2014 kommt, steht für Vettel noch in den Sternen. Eine angebliche weitere Vertragsverlängerung bis 2016 hat er erst einmal dementiert. Stattdessen hat er am Wochenende erneut wiederholt, dass es für ihn ein Traum wäre, irgendwann einmal für eine Mythos-Marke wie Ferrari oder Mercedes zu fahren.

Rennfahrer-Romantik, mit der Stuck im Jahr 2011 nicht mehr viel anfangen kann. "An den Mythos, dass jeder große Fahrer einmal bei Ferrari gefahren sein muss, glaube ich nicht mehr", sagt Stuck.

Seine Begründung: "Ferrari ist ein schlüpfriges Terrain. Dort müsste er sich erst wieder mit dem Team, mit den Italienern auseinandersetzen, von denen er nicht weiß, ob sie ihn mögen oder nicht. Dieses Politikum braucht er erst einmal nicht, da könnten sie ihm 100 Millionen bieten."

Vor allem müssten sie ihm aber ein Auto bieten, mit dem er Weltmeister werden kann. Das hatte Fernando Alonso im vergangenen Jahr, in diesem aber nicht. Abgesehen davon ist der Spanier bis 2016 an die Scuderia gebunden. Er und Vettel im gleichen Team? Zwei Alphatiere? Davon rät Stuck ab.

Brawn: "Was motiviert ihn jetzt noch?"

Trotz allem sollte sich Vettel überlegen, woraus er in Zukunft seine Motivation ziehen will. Das meint kein Geringerer als Mercedes-Teamchef Ross Brawn: "Sebastian steht jetzt vor der gleichen Herausforderung, vor der Michael Schumacher 1995 stand. Er hat zwei WM-Titel gewonnen, aber was kommt jetzt? Was motiviert ihn jetzt noch?"

Brawn kann sich vorstellen, dass es Vettel reizen würde, ein anderes Team als Leader an die Spitze zu führen. Täte er das erfolgreich, dann wäre er in Brawns Augen ein ganz Großer. "Ich fände es sehr spannend zu sehen, wie Sebastians Rolle, Einfluss und Position im Team aussehen, wenn er mal nicht das beste Auto hat", sagt Brawn. "Das wird ein ganz neues Kapitel in seiner Karriere einläuten - und dieser Zeitpunkt wird kommen."

Aber jetzt noch nicht, hält Stuck dagegen. Sein abschließender Rat an Vettel klingt fast, als würde er ihn dem 15-jährigen Zahnspangenträger aus der Formel-BMW-Zeit geben.

Stuck sagt: "Das Mosaik Vettel/Red Bull ist vollständig. Jeder Stein ist an der richtigen Stelle. Bei allen anderen ist irgendwo eine Lücke. Momentan ist einfach Red Bull der beste Ort, an dem er sein kann."

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