Neue Zeitrechnung in der Formel 1

Von Alexander Mey
Sonntag, 17.04.2011 | 16:32 Uhr
Lewis Hamilton hat in den Schlussrunden des China-GP Sebastian Vettel überholt
© Getty
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Wie konnte Lewis Hamilton Sebastian Vettel beim China-GP schlagen, obwohl er im Qualifying fast acht Zehntel langsamer war und im Rennen zwischenzeitlich deutlich zurücklag? Die Antwort darauf gibt die neue Formel 1.

Als Pirelli von der FIA den Auftrag bekam, den neuen Einheitsreifen zu produzieren, war die Mission klar: mehr Verschleiß für mehr Boxenstopps und mehr Action in den Rennen.

In China führte das zu einem der besten Rennen, die es in den letzten Jahren gegeben hat. Es gab spektakuläre Überholmanöver am Fließband, ein Fest für Strategen und einen grandiosen Schlussspurt von Lewis Hamilton, der ihm den Sieg im direkten Duell gegen Sebastian Vettel brachte.

"Das ist exakt das, was wir erreichen wollten, als wir das Formel-1-Projekt gestartet haben", sagte Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery begeistert. "Die Reifenstrategien haben das Rennen entschieden und niemand wusste wirklich, wie es ausgehen würde, bis die Zielflagge geschwenkt wurde."

Pirelli krempelt Rennwochenenden um

Mag sein, dass sich die Pirelli-Verantwortlichen in ihren kühnsten Träumen solche Rennen ausgemalt haben, aber ob sie ernsthaft daran gedacht haben, mit ihren Reifen den Ablauf eines Formel-1-Wochenendes komplett umzukrempeln und quasi ein neues Zeitalter einzuläuten?

Denn genau das ist 2011 durch die neuen Reifen geschehen. Galt es in Bridgestone-Zeiten als Gesetz, dass derjenige, der nach dem letzten Boxenstopp führt, auch das Rennen gewinnt, ist das heute völlig anders. Galt ein guter Startplatz schon als halbe Miete für ein starkes Rennergebnis, hat sich auch das relativiert.

Hamilton legt Grundstein für Sieg im Qualifying

Das Duell in Shanghai zwischen Hamilton und Vettel ist dafür der perfekte Beleg. Es ging schon damit los, dass Hamilton im Qualifying auf einen zweiten Angriff auf die erste Startreihe verzichtete, um einen frischen Satz weiche Reifen für das Rennen zu sparen. So etwas wäre 2010 noch undenkbar gewesen.

"Das hat mir im Rennen sicher geholfen", sagte Hamilton nach seinem Sieg. Konkret konnte er bei seiner Dreistopp-Strategie durchgängig fast nagelneue Reifen verwenden und entsprechend schnell fahren.

McLaren stellt Strategie um

Den neuen Satz weiche Reifen, den er am Samstag gespart hatte, hätte Hamilton sogar noch besser ausnutzen können. McLaren entschied sich aber nach den verpatzten ersten Stopps von Hamilton und Button, die sie von den Plätzen eins und zwei zwischenzeitlich auf fünf und sechs zurückwarfen, den zweiten Stint deutlich zu verkürzen und eine aggressivere Strategie zu wählen. Hamiltons weiche Reifen hätten also noch einige Runden länger gehalten.

Letztlich erwies sich die Umstellung der McLaren-Strategie von ursprünglich geplanten zwei Stopps auf drei als Segen, denn Hamilton hatte durchgängig genug Haftung mit seinen Reifen, um schnelle Rundenzeiten fahren und seine unnachahmlichen Überholorgien feiern zu können.

"Das war eins meiner besten Rennen", resümierte Hamilton und meinte damit nicht nur seine starken Überholmanöver sondern auch sein Rennmanagement. Er hat in den entscheidenden Momenten das Richtige getan. "In den Rennen passiert heutzutage so viel, dass man sofort erledigt ist, wenn man auch nur eine Kleinigkeit falsch macht", sagte McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh.

Veränderte Vettel-Taktik ein Fehler

Vettel und Red Bull machten gleich ein paar Kleinigkeiten falsch. "Wir haben in diesem Rennen einige Fehler gemacht", bestätigte Vettel und war angesichts dessen letztlich sogar glücklich mit dem zweiten Platz, der im Titelkampf 18 wichtige Punkte bringt.

Es ging am Start los, den Vettel gegen beide McLaren verlor. Als Reaktion darauf stellte Red Bull die Strategie von drei auf zwei Stopps um. Genau der umgekehrte Weg, den McLaren gegangen ist - und genau der falsche.

"Hätten wir nur immer das gleiche gemacht wie McLaren, wären wir hinter ihnen geblieben. Deshalb haben wir auf zwei Stopps umgestellt", erklärte Teamchef Christian Horner. "Es hätte fast funktioniert, bis vier Runden vor Schluss sah es gut aus."

Vettel am Ende gegen Hamilton wehrlos

Diese letzten Runden sind in diesem Jahr aber genau der Knackpunkt. Vettels harte Reifen bauten so rapide ab, dass er mehr als eine Sekunde pro Runde auf Hamilton verlor und später für einen ernsthaften Zweikampf nicht mehr genügend Grip hatte. Er hatte einige Runden zu früh seinen zweiten Stopp absolvieren müssen, weil er sich einen Bremsplatten eingefahren hatte.

"Ich habe so gut wie möglich versucht, mich zu verteidigen, ohne aber zu viel Zeit auf die Piloten hinter uns zu verlieren, aber Lewis hat einen Weg an mir vorbei gefunden", sagte Vettel. Es ging in erster Linie darum, nicht auch noch von Mark Webber und Jenson Button eingeholt zu werden.

Vettels Fazit: "Wir haben viel gelernt"

Vor allem Webber zeigte mit seinem grandiosen Rennen, dass Vettel mit der ursprünglich geplanten Dreistopp-Strategie wohl nicht zu schlagen gewesen wäre. Hätte er den Start gewonnen, sowieso nicht, aber auch von Platz drei aus wären seine Siegchancen mit drei Stopps im Nachhinein betrachtet wohl größer gewesen.

Er hätte den überlegenen Speed des Red Bull schlichtweg besser umsetzen können. "Vielleicht haben wir uns zu sehr auf die Zweistopp-Strategie versteift", gestand Vettel ein. "So musste ich geduldig sein und auf die Reifen achten. Etwas anderes konnte ich nicht tun."

Sein Fazit nach der ersten Niederlage in dieser Saison: "Wir haben in diesem Rennen viel gelernt. Der Speed unseres Autos steht nicht in Frage, aber man muss eben vom Start bis zur Zielflagge alles richtig machen. Wenn du nur einen kleinen Fehler machst oder etwas ausprobierst, ist sofort jemand zur Stelle, der dich schlagen kann."

Keine Floskel: "Im Rennen kann viel passieren"

Diesmal war es Hamilton, der sich durch seinen Sieg auf Platz zwei in der Fahrerwertung geschoben hat. Ausgerechnet er, der in Malaysia Opfer der neuen Reifen war und in den letzten Runden nach hinten durchgereicht wurde. Sein Rückstand auf Vettel: 21 Punkte.

Den will er in drei Wochen in der Türkei natürlich weiter verkürzen. Aber was hat uns die bisherige Saison gelehrt? Ganz einfach. Der Satz "im Rennen kann viel passieren" ist keine Floskel mehr. Er beschreibt eine Tatsache, die den Teams noch viel Kopfzerbrechen, den Fans aber tolle Action bereiten wird.

"Die Rennen scheinen in diesem Jahr besser und besser zu werden", sagte Pirelli-Motorsportchef Hembery. "Es ist schwer vorstellbar, wie wir das in der Türkei noch toppen sollen. Aber wir werden alles versuchen, um etwas Ähnliches wieder hinzukriegen."

China-GP: Das komplette Rennergebnis

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