Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery im Interview

"Schumacher wird die Reifen mögen"

Von Interview: Alexander Mey
Mittwoch, 16.02.2011 | 12:14 Uhr
Michael Schumacher sollten die neuen Pirelli-Reifen entgegen kommen
© xpb
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Mit einer verrückten Aktion hat Pirelli Bridgestone als Reifenlieferant der Formel 1 abgelöst. Die Mission: Mehr Boxenstopps, mehr Show, mehr Action. Der Verantwortliche: Motorsportchef Paul Hembery. SPOX traf ihn bei den Testfahrten.

Alle Jahre wieder hallt der Ruf nach mehr Action auf der Strecke durch das Fahrerlager der Formel 1. Wichtigster Adressat in diesem Jahr: Paul Hembery. Der Engländer ist Motorsportchef von Pirelli und hat von den Teams und Bernie Ecclestone einen klaren Auftrag bekommen.

"Sie alle wollten zurück zu Zweistopp-Rennen", sagt Hembery im SPOX-Interview. "Weil es ihnen mit den ständigen Einstopp-Rennen zu langweilig wurde." Trotzdem wird Hembery wohl einer der am meisten kritisierten Männer der am 13. März in Bahrain beginnenden Saison werden.

Was er von jammernden Fahrern hält, was Michael Schumacher und andere an seinen Reifen mögen werden, warum die Formel 1 besser ist als die Fußball-WM und warum der Weg von Pirelli in die Formel 1 total verrückt war - das und mehr im Interview.

SPOX: Leben Sie gerade Ihr persönliches Formel-1-Abenteuer?

Paul Hembery: Wissen Sie, ich bin jetzt seit 13 Jahren im Motorsport, und natürlich will nach so einer Zeit jeder Mal in die Formel 1. Persönlich am meisten gegeben habe ich aber nicht für die jetzigen Testfahrten, sondern dafür, überhaupt den Zuschlag für den Vertrag mit der Formel 1 zu bekommen. Da steckte eine Menge Zeit und Arbeit drin. Jetzt müssen wir die Show auf die Straße bringen. Diese Herausforderung ist sehr aufregend. Wenn ich nach dem letzten Saisonrennen in Brasilien zurückblicken und sehen werde, dass wir einen guten Job gemacht haben, werde ich sehr stolz sein.

SPOX: Was war die größte Hürde?

Hembery: Zeit. Wir haben erst im Juni den Vertrag unterschrieben und waren schon im August auf der Strecke. Insgesamt hatten wir ein halbes Jahr, um die Reifen zu konstruieren und die komplette Logistik drum herum aufzubauen. Das ist verrückt.

SPOX: Wie ist diese rasante Entwicklung abgelaufen?

Hembery: In drei Schritten. Zunächst einmal mussten wir die Entwürfe der Reifen schaffen, und zwar sehr schnell. Dann ging es darum, die Struktur der Reifen festzulegen, also alles, was nicht aus Gummi ist. Im letzten Schritt haben wir uns sehr intensiv um die verschiedenen Gummimischungen gekümmert. Das war Hauptthema der letzten drei oder vier Reifentests. Man muss bedenken, dass wir 20 Kurse mit 20 verschiedenen Oberflächen und 20 verschiedenen Temperaturen im Rennkalender haben. Da stehen wir sicher vor einem Problem, das eine große Herausforderung darstellen wird.

SPOX: Wo haben Sie das Fachwissen über die aktuellen Formel-1-Reifen herbekommen? Gab es Verstärkung von Ihrem Vorgänger Bridgestone?

Hembery: Nein, das sind alles Leute von Pirelli. Sie kommen aus unseren bisherigen Motorsport-Programmen. Die meisten sind jung, aber brillante Ingenieure.

SPOX: Hat Ihnen die Erfahrung aus anderen Motorsportserien überhaupt geholfen? Ist die Formel nicht ein komplett anderes Feld?

Hembery: Zunächst einmal hat die Erfahrung dabei geholfen zu verstehen, dass Motorsport ein sehr anspruchsvoller und fordernder Job ist. Aber auch unsere Zusammenarbeit mit vielen großen Fahrzeugherstellern wie Mercedes, BMW, Audi oder Porsche hat uns eine Datenbank und ein Know-How gebracht, von dem wir profitieren konnten. Abgesehen davon ist das simple Geheimnis: harte Arbeit.

SPOX: Wenn alles so harte Arbeit ist, wie sind Sie dann überhaupt auf die Idee gekommen, sich als Reifenlieferant zu bewerben?

Hembery: (lacht) Wir haben uns überlegt, was wohl das Verrückteste wäre, das wir tun könnten. So ein Projekt in sechs Monaten auf die Beine stellen - daran würde doch niemand ernsthaft denken, oder? Im Ernst: Die Formel 1 fährt in der ganzen Welt, vor allem in Asien, was ein wichtiger Markt für Pirelli ist. Genauso wie Nordamerika oder Russland, wo wir in Zukunft häufiger fahren werden. Zur Formel 1 gibt es aus Marketingsicht weltweit im Sport keine Alternative. Nicht einmal eine Fußball-WM, die ja auch immer nur in einem Land stattfindet. Die Formel 1 reist Jahr für Jahr durch alle Kontinente. Für uns ist das perfekt.

SPOX: Gab es denn im Konzern gar keine Bedenken wegen der kostspieligen Formel 1?

Hembery: Wie in jedem Konzern gab es auch bei Pirelli Leute, die der Meinung waren, die Formel 1 wäre nicht der richtige Schritt. Aber nachdem alle Vorteile auf dem Tisch lagen, war es eine einstimmige Entscheidung.

SPOX: Was kostet Pirelli die Formel 1?

Hembery: Wir haben das Glück, dass die Teams unseren Einsatz würdigen, indem sie uns für die Reifen bezahlen. Dazu haben wir unser Marketing-Budget auf die Formel 1 umgeschichtet. Im Endeffekt hat der Einstieg auf die Profitabilität von Pirelli gar keinen Einfluss gehabt, da wir unsere Ausgaben nur umgelegt haben. Das heißt natürlich nicht, dass uns die Formel 1 nichts kostet. Das zu sagen, wäre lächerlich. Aber unserer Meinung nach wiegen die Marketing-Vorteile die Kosten auf.

SPOX: Ihnen ist aber sicher klar, dass Sie wahrscheinlich einer der am meisten kritisierten Männer der kommenden Saison sein werden?

Hembery: Wieso?

SPOX: Weil Fahrer sehr gerne und sehr oft an den Reifen herummäkeln.

Hembery: Naja, einer wird ja immer gewinnen, und der wird sich schon mal nicht beschweren. Die anderen jammern natürlich, weil auch sie gerne gesiegt hätten. Man sieht schon hier bei den Testfahrten, dass die einen mehr aus den Reifen herausholen als andere. Aber das wird Teil des Spiels sein. Sie alle wollten es so, weil es ihnen mit den ständigen Einstopp-Rennen zu langweilig wurde. Die Teams und Bernie Ecclestone wollten zurück zu Zweistopp-Rennen, dafür sollten wir die Reifen produzieren. Das haben wir getan, und jetzt stehen die Teams eben vor der Herausforderung, sich über die Reifen mehr Gedanken zu machen, gerade in Bezug auf die Strategie. Aber das sind die besten Ingenieure und Fahrer der Welt, die schaffen das schon (lacht).

SPOX: Das ist aber gegenüber Bridgestone, die sehr lang haltende Reifen gebaut haben, ein klarer Paradigmenwechsel.

Hembery: Klar, aber das war der Auftrag. Es wäre das Leichteste auf der Welt gewesen, einen Reifen zu bauen, der das ganze Wochenende über hält.

SPOX: Die Reifen bei den Testfahrten werden also auch die Reifen sein, die beim ersten Rennen eingesetzt werden?

Hembery: Zu 99 Prozent ja. Es wird nur noch minimale Veränderungen geben.

SPOX: Es bleibt also auch dabei, dass die Vorderreifen ein direkteres Einlenken in die Kurven ermöglichen als die Bridgestone-Reifen. Weniger Untersteuern, das vor allem Michael Schumacher sehr gestört hat. Wird er die Pirelli-Reifen also lieben?

Hembery: Weiß ich noch nicht. Vielleicht sollte ich mit ihm heute Abend einen Kaffee trinken und herausfinden, was er darüber denkt (lacht). Die Reifen werden wohl in die Richtung gehen, die er mag. Die übrigens alle lieber mögen. Alle Teams wollten Vorderreifen, die in den Kurven etwas stärkeren Grip bieten.

SPOX: Zum Schluss noch eine Prognose: Wie viele Einstopp-Rennen werden wir in dieser Saison sehen?

Hembery: Das weiß ich nicht. Wir können nicht alles vorhersagen, weil wir mit vielen Strecken schlichtweg noch keine Erfahrungen gemacht haben. Wir wollen zwei Stopps.

SPOX: Vielleicht gibt es ja sogar wieder Dreistopp-Rennen.

Hembery: Das ist nach momentanem Stand unwahrscheinlich. Aber wer weiß, vielleicht erleben wir ja die eine oder andere Überraschung.

Der Rennkalender der Saison 2011

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