Die deutschen Fahrer in der Einzelkritik

"Ein sehr enttäuschendes Wochenende"

Von SPOX
Dienstag, 27.07.2010 | 19:05 Uhr
Sebastian Vettel kam beim Heim-GP in Hockenheim nicht über Rang drei hinaus
© Getty
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Sechs deutsche Fahrer stehen in dieser Formel-1-Saison am Start, so viele wie noch nie. Sebastian Vettel bekommt nach dem ereignisreichen Saisonstart die meiste Aufmerksamkeit, aber den echten deutschen Fan interessieren auch die Leistungen aller anderen. Haben Nico Rosberg und Michael Schumacher trotz dessen durchwachsenen Comebacks eine Chance auf den Titel? Schafft Adrian Sutil den Durchbruch? Und was können Nico Hülkenberg und Timo Glock leisten? SPOX blickt nach jedem Rennen durch die deutsche Brille und beurteilt die Leistungen des Sixpacks in der Einzelkritik.

Und so funktioniert's: Mit Hilfe des GP-Rechners geben wir eine Prognose für jeweils vier Rennen ab. An dieser messen wir jetzt die Leistungen von Michael Schumacher, Nico Rosberg, Sebastian Vettel, Nico Hülkenberg, Adrian Sutil und Timo Glock.

Wer ist im Soll, wer hat uns positiv, wer negativ überrascht?

Dabei geht es weniger um die genaue Position im Ranking, es geht um die Tendenz, darum, ob die Fahrer bei der Erfüllung ihrer Saisonziele auf Kurs sind. Denn gegen technische Ausfälle oder sonstige Zwischenfälle ist kein Fahrer gefeit. Und klar ist, dass sich solche Unwägbarkeiten unmöglich voraussagen lassen.

Reaktionen auf Stallorder: "Kann es zu 100 Prozent nachvollziehen"

Sebastian Vettel - Saisonziel: Weltmeister werden

Prognose: Sieg - 25 Punkte
Ergebnis: Platz 3 - 15 Punkte

Es hätten die großen Vettel-Festspiele von Hockenheim werden sollen. Hätten. Und nach dem Qualifying sah auch alles genau danach aus. Der Red-Bull-Pilot auf der Pole, die direkten WM-Konkurrenten durch eine Ferrari-Wand von ihm getrennt.

Doch dann kam der Start.

"Normalerweise starten wir gut und ich bin mir nicht sicher, was heute passiert ist", sagte Vettel. "Ich hatte viel Grip und ließ die Kupplung kommen. Leider verzettelte ich mich und die Beschleunigung auf den ersten fünf bis zehn Metern war schwach. Ich hatte Glück, dass mir der Motor nicht abgestorben ist." Kurz: Start verkackt. Nur noch Platz drei.

Rennanalyse: Vettel verliert Heimspiel am Start

Und dabei sollte es auch bleiben. Denn zwar konnte Vettel am Ende auf Massa aufholen, doch: "je näher ich dem Auto vor mir kam, desto mehr verloren die Reifen an Grip und ich bekam leichtes Graining", analysierte der 23-Jährige. Deshalb habe man mit dem dritten Platz noch "das Maximum aus der Situation herausgeholt", wie Vettel erklärte.

Dennoch: Vettel hat wegen des verpatzten Starts eine große Chance verspielt, im Kampf um die WM zu Hamilton und Button aufzuschließen. Will er Weltmeister werden, muss er solche Vorlagen nutzen. Dass es möglich gewesen wäre, zeigt seine schnellste Rennrunde.

Nico Rosberg - Saisonziel: Rennen gewinnen, Schumacher schlagen

Prognose: Platz 4 - 10 Punkte
Ergebnis: Platz 8 - 4 Punkte

Das Rennen gewinnen? Nein. Das konnte Nico Rosberg beim Deutschland-GP mit Sicherheit nicht. Dazu war Mercedes einfach zu weit weg. Und das nicht nur von Red Bull - sondern auch von Ferrari und McLaren. Und das nach dem dritten Platz in England.

"Wir haben das Beste aus unserer Situation gemacht", beschwichtigt Rosberg. "Aber nach dem Podestplatz vor zwei Wochen in Silverstone ist der achte Rang enttäuschend." Von Schadensbegrenzung ist die Rede ("Ich habe auf Kubica ja nur zwei Punkte verloren" - und von schneller Besserung ("In Ungarn erleben wir bestimmt wieder bessere Zeiten").

Ein Ziel hat Rosberg dennoch erreicht. Er hat Teamkollege Michael Schumacher geschlagen. Schon wieder, wenn auch diesmal nur äußerst knapp. Dennoch: geschlagen ist geschlagen. Und bei der aktuellen Leistungsdichte im Mittelfeld können wenige Tausendstel eine große Wirkung haben und wie in diesem Fall über den Einzug ins Top-Ten-Qualifying entscheiden.

Und hier stand nun einmal Rosberg und nicht Schumacher. Denn wieder einmal ist es dem 25-Jährigen gelungen, das Maximum aus dem Mercedes herauszuholen. Doch Vorsicht: Der Teamkollege holt auf. Langsam muss sich Rosberg vor Schumi in Acht nehmen.

Michael Schumacher - Saisonziel: Um den WM-Titel fahren

Prognose: Platz 2 - 18 Punkte
Ergebnis: Platz 9 - zwei Punkte

Zugegeben, unsere Schumi-Prognose vor dem Rennen war optimistisch. Sehr optimistisch. Aber träumen durfte vor dem ersten Heim-GP nach dem Comeback einfach erlaubt sein. Die bittere Realität holte uns dann allerdings spätestens im Qualifying ein, als Williams-Rookie Nico Hülkenberg den Rekord-Weltmeister aus den Top-Ten kegelte. Einfach so.

Im Rennen sah es dann kurze Zeit danach aus, als könne Schumacher beim Heimrennen doch noch etwas reißen. Gleich am Start schob er sich bis auf Rang acht vor und konnte gut mithalten. "Aber danach konnte ich nicht mehr viel ausrichten", musste Schumacher selbst eingestehen. "Wir waren einfach nicht so stark wie erhofft."  Den Rest besorgte eine nicht aufgegangene Boxen-Strategie: "Ursprünglich war geplant, dass ich lange draußen bleibe. Aber wir passten uns den Umständen an", erklärte der 41-Jährige. Schumacher zog den Boxenstopp vor - kam aber trotz eines sehenswerten Duells dadurch nicht an Robert Kubica vorbei. "Vielleicht wäre sonst ein etwas besseres Resultat drin gewesen", meinte Schumi.

Doch während es beim Team noch immer nicht aufwärts geht, ist bei Schumacher selbst ein deutlicher Aufwärtstrend zu erkennen. Hing er zu Beginn der Saison meist noch deutlich hinter Teamkollege Nico Rosberg zurück, liegen beide nun gleichauf. Im Qualifying trennten sie nur 0,008 Sekunden, am Ende des Rennens waren es 2,4 Sekunden.

Nico Hülkenberg - Saisonziel: Barrichello schlagen, regelmäßig Punkte holen

Prognose: keine Punkte
Ergebnis: Plart 13 - keine Punkte

Der Rookie hat bei seinem ersten Heim-GP gleich beide Saisonziele verfehlt. Dabei hatte es im Qualifying noch gut ausgesehen. Da sorgte er für Aufsehen, als er in letzter Minute Rekordweltmeister Michael Schumacher aus den Top Ten verdrängte.

Doch im Rennen ging dann nicht mehr viel. "Das Rennen heute wurde durch den Start definiert", erklärte Hülkenberg. "Und der war für mich nicht gut." In der Tat. Er verlor drei Positionen und versuchte deshalb so lange wie möglich auf den weichen Reifen draußen zu bleiben. In der Hoffnung, etwa von einer Safety-Car-Phase profitieren zu können.

Doch die kam nicht. "Und so war es sehr schwierig, irgendwelche Fortschritte zu machen. Das Auto war nicht schnell genug und das Rennen ereignislos. Es gab nicht einmal die Möglichkeit, von unerwarteten Ereignissen zu profitieren", sagte Hülkenberg.

Es ist und bleibt ein hartes Jahr für Nico Hülkenberg. Der Williams wird mit zunehmendem Saisonverlauf nicht gerade schneller und Teamkollege Rubens Barrichello entdeckt mit seinen 38 Jahren gerade den dritten Rennfahrer-Frühling. 22 Punkte holte der Brasilianer aus den vergangenen drei Rennen. Und Hülkenberg? Der holte genau einen Punkt. Bei diesem Vergleich kann man nur unglücklich aussehen. Deutliche Steigerung erwünscht.

Timo Glock - Saisonziel: Ins Ziel kommen, bestes der neuen Teams werden

Prognose: keine Punkte
Ergebnis: Platz 18 - keine Punkte

Immerhin. Timo Glock hat beim Deutschland-GP gleich beide Saisonziele erfüllt. Er kam ins Ziel - und er war dabei auch noch der beste Fahrer eines Newcomer-Teams. Das war allerdings auch nicht sonderlich schwierig. Denn außer Glock beendete von den Neulingen nur noch HRT-Pilot Bruno Senna das Rennen.

Dennoch: Nach den ganzen Problemen nach dem Qualifying (10 Plätze Strafe wegen Getriebewechsel und Veränderung der Übersetzung) ist es ein versöhnliches Ergebnis.

Findet auch Glock selbst. "Mit dem weichen Reifen konnte ich bei freier Strecke gute Zeiten fahren", so der 28-Jährige. "Generell bin ich zufrieden. Ich hoffe nur, wir können künftig den Ablauf während des Wochenendes flüssiger gestalten, damit unser Leben einfacher wird."

Adrian Sutil - Saisonziel: Regelmäßig in die Punkte fahren, die Großen ärgern

Prognose: Platz 10 - ein Punkt

Ergebnis: Platz 17 - keine Punkte

Katastrophal. So einfach lässt sich das Hockenheim-Wochenende von Adrian Sutil beschreiben. Hatte er im ersten Training noch mit der Bestzeit geglänzt, war es mit der guten Laune spätestens nach der Quali vorbei. Denn wegen eines Getriebewechsels wurde er um fünf Plätze (von 14 auf 19) strafversetzt - und damit ins Schlamassel gestürzt.

"Was soll ich schon sagen, es war ein sehr enttäuschendes Wochenende", sagte Sutil. "In der ersten Runde berührte ich mich mit Tonio und verlor ein paar Positionen." Die Folge: ein Boxenstopp. Denn: "Sollte ich nach dem Start nicht Positionen gutgemacht haben, war es schon immer unsere Strategie, dass ich in der ersten Runde an die Box kommen würde, um auf die härteren Reifen zu wechseln, und um Positionen gutzumachen, wenn andere Autos später stoppen. Das war ein guter Plan, denn wir hatten nichts zu verlieren."

Fast. Denn was dann beim Boxenstopp passierte, kann durchaus als mittelschwere Peinlichkeit bezeichnet werden. "Tonio hatte über Funk gemeldet, dass er ebenfalls an die Box kommen würde. Und da wir beide gleichzeitig kamen, wurden die Reifensätze vertauscht. Ich musste dann wieder an die Box kommen, um den korrekten Satz zu erhalten."

Der Heim-GP war endgültig gelaufen. Nach einem Ausrutscher im Motodrom und einem daraus resultierenden Zusatz-Stopp, kam der 27-Jährige als 17. ins Ziel. Mit zwei Runden Rückstand. Von seinem Ziel, die Großen zu ärgern, war er diesmal weit entfernt.

Stand in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM

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