So funktioniert das Überraschungsteam Renault

"Wir wurden unterschätzt"

Von Jan-Hendrik Böhmer
Freitag, 30.04.2010 | 14:59 Uhr
Robert Kubica stand beim Australien-GP auf dem Podium
© Getty
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Von der Lachnummer zum Podiums-Kandidaten: Renault überrascht die Formel 1. Nach dem Abgang von Fernando Alonso und dem Crashgate-Skandal um Flavio Briatore erlebt das Team nach dem Verkauf an einen privaten Investor eine Wiederauferstehung. Doch wie ist das möglich? SPOX erklärt, warum das ehemalige Werksteam so gut ist.

2009 war ein Desaster. 26 Punkte aus 17 Rennen. Platz acht in der Konstrukteurs-WM. Nur Force India und Toro Rosso waren noch schlechter. Fernando Alonso sollte das Team schon bald verlassen - und zu allem Überfluss gab es den Crashgate-Skandal.

Kurz: Renault war am Ende.

Als der französische Automobilkonzern dann auch noch 75 Prozent seiner Anteile an den luxemburgischen Investor Genii Capital verkaufte und das Team auch noch bei den ersten Winter-Testfahrten enttäuschte, war die Sache für viele Experten klar: das Weltmeister-Team von 2005 und 2006 wird endgültig zum Nachzügler.

"Der Erfolg ist eine Erleichterung"

"Wir wurden unterschätzt", sagt Teamchef Eric Boullier. Und es klingt so, als würden ihm dabei diverse Steine vom Herzen fallen. Denn mittlerweile ist sein Team eine der größten positiven Überraschungen der ersten vier Rennen. 40 Punkte hat Nummer-Eins-Fahrer Robert Kubica auf dem Konto, in der Konstrukteurs-WM liegt man direkt hinter Mercedes auf Rang fünf. Und ohne Kubicas Kollision mit Adrian Sutil beim Auftaktrennen in Bahrain würde der Pole wohl sogar zu den Top 3 in der Fahrer-WM gehören.

"Der Erfolg ist eine Erleichterung", sagt Boullier, der vor der Saison aus der GP2-Serie kam. "Wir mussten turbulente Zeiten überstehen", erklärt auch Kubica. "Es gab Zweifel am Team. Aber die Stimmung blieb immer positiv. Und das ist der Lohn."

Dabei wäre es beinahe nicht soweit gekommen. Viele Stimmen im Fahrerlager rieten Kubica vor der Saison dazu, das Team zu verlassen. Selbst sein Manager Daniele Morelli hatte damals gegenüber der "BBC" gesagt: "Seit unserer Vertragsunterzeichnung hat sich die Lage geändert. Deshalb kann ich nicht sagen, ob wir gehen oder bleiben."

Kubica blieb - und wurde zum Teil der Renault-Erfolgsstory.

Doch warum ist das ehemalige Werksteam plötzlich so gut?

Das Auto: Plump. Klobig. Pummelnase. So wurde der R30 bei den Testfahrten im Winter von einigen Experten beschrieben. Beschimpft sogar. Mittlerweile steht fest: der Weg, den Renault bei der Entwicklung einschlug (z.B. kürzester Radstand im Feld), ist ein Erfolg. "Der Bolide ist einfach zu fahren und verschleißt die Reifen nicht besonders stark. Dadurch kann sich der Fahrer besser konzentrieren", erklärt Boullier.

Besser konzentrieren - und am Ende des Rennens, wenn der Rest des Feldes mit nachlassenden Pneus kämpft, noch einmal zulegen. "Beim Nachtankverbot ist das ein enormer Vorteil", sagt Chefingenieur Alan Permane. Sein Fazit: "Wir haben das Auto vom Vorjahr klar verbessert - wissen aber auch, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben." Kurz: Der R30 ist eine gute Basis, auf der man aufbauen kann.

Entwicklung: Und genau das wird konsequent getan. Lag Kubica beim Saisonauftakt in Bahrain noch 1,78 Sekunden hinter der Pole-Zeit, waren es in China nur noch 0,8 Sekunden. "Mit unseren neuen Teilen holen wir uns bei jedem Rennen ein paar Zehntel zurück. Und wir sind mit Sicherheit noch nicht fertig", so Boullier.

In China bekam der R30 zum Beispiel einen neuen und stark verbesserten Diffusor. "Die Aerodynamik-Abteilung spürt ständig Verbesserungspotenzial auf", lobt Permane. "Außerdem haben wir einen sehr guten Windkanal, der im Winter noch einmal modernisiert und auf noch realistischere Bedingungen abgestimmt wurde."

Das Team: "Das Team wird 2010 seinen Namen, seine Identität und alle Grund-Zutaten behalten, die es 2005 und 2006 so erfolgreich gemacht haben", hieß es beim Verkauf an Neu-Investor Genii Capital. Tatsächlich hat man den Verlust von Flavio Briatore und Technik-Guru Pat Symonds gut kompensiert. "Jeder im Werk arbeitet am Limit - und das zahlt sich aus", sagt Boullier. Seit der Krise ist das Team eng zurammengerückt.

Die Fahrer: Dass Kubica ein hervorragender Rennfahrer ist, hat er in der Vergangenheit bereits bewiesen. Jetzt zeigt sich, dass er auch eine extrem starke Nummer eins ist. "Robert will sich und uns unbedingt verbessern", sagt Boullier. Er konzentriert sich voll und ganz auf das Team, spricht fast jeden Tag mit den Ingenieuren - und fordert von allen Leistung ein. Kurz gesagt: Er macht uns besser." Bereits jetzt stellt man ihn im Team - wenigstens in diesem Bereich - auf eine Stufe mit Fernando Alonso und Michael Schumacher.

Doch nicht nur Kubica überzeugt. Auch Witali Petrow, den man nach der Absage von Timo Glock verpflichtet hatte, entpuppt sich immer mehr als Glücksgriff. Vor der Saison noch wegen seiner Sponsoren-Mitgift als "15-Millionen-Witali" verspottet, ist der Russe im Fahrerlager mittlerweile akzeptiert. Besonders im Regen überzeugte er seine Kritiker mit purem Speed und lieferte sich in Malaysia ein starkes Duell mit Lewis Hamilton. Auch unter Druck bleibt er gelassen. Allerdings leistet er sich noch zahlreiche Anfängerfehler. "Für einen Rookie ist es immer schwer", relativiert Boullier. "Und Witali macht das hervorragend."

Klingt nach einer tollen Erfolgsgeschichte.

Doch wie geht es weiter? "In Spanien werden wir noch mehr zeigen", verspricht Boullier. "Wir werden noch mehr neue Teile mitbringen. Das werden andere Teams natürlich auch, deshalb müssen wir vorsichtig sein. Es ist möglich, dass sich das Kräfteverhältnis verschiebt. Vielleicht zu unserem Vorteil, vielleicht aber auch nicht." Man bleibt also realistisch.

Und auch das ist ein Grund für den Erfolg.

Technik-Kolumne: So funktionieren die Reifen in der Formel 1

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