Montag, 15.03.2010

F1 nimmt Kampf gegen die Langeweile auf

"Wir sind den Zuschauern etwas schuldig"

Die Formel 1 steht nach dem Saisonauftakt in Bahrain vor einem Problem - und sie weiß es. Obwohl mit vier siegfähigen Teams und acht siegfähigen Fahrern die Vorzeichen für eine spannende Saison so gut sind wie noch nie, herrschte in der Wüste gähnende Langeweile. Die Kritik von allen Seiten ist groß, Aktionismus greift schon um sich. Aber ist das alles nicht nur Flickschusterei?

Lewis Hamilton hing beim Bahrain-GP hinter Nico Rosberg fest und kam nur an der Box vorbei
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Lewis Hamilton hing beim Bahrain-GP hinter Nico Rosberg fest und kam nur an der Box vorbei

Man kann ja von englischen Boulevard-Zeitungen halten, was man will, aber manchmal treffen sie mit ihren Schlagzeilen den Nagel auf den Kopf. "Bore-rain", titelte die "Sun" nach dem Saisonauftakt in Bahrain. Man ersetzte die Silbe "Bah" einfach durch "Bore", was so viel wie Langeweile bedeutet. Die französische Zeitung "L'Equipe" fällte ihr Urteil weniger kunstvoll: "Todlangweilig", Punkt.

Und genau das war das erste Rennen, langweilig. Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger sagte das schon direkt nach dem Rennen, Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug stimmte ihm sofort zu. Und auch im weiteren Verlauf des Abends fand sich niemand im Fahrerlager, dem gefallen hat, was er sehen musste.

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"Das war ein bisschen wie in einem Stau", resümierte Red-Bull-Pilot Mark Webber. "Auf keinen Fall eines der aufregendsten Rennen, die ich je gefahren bin."

Schumacher und Alonso zeichnen düsteres Bild

Michael Schumacher brachte das Dilemma auf den Punkt: "Überholen ist grundsätzlich unmöglich, wenn niemand einen Fehler macht. Die Rennen werden bei dieser Strategie in Zukunft meistens so aussehen."

Ähnlich sieht es Bahrain-Sieger Fernando Alonso: "Ich fürchte, das ist das Bild für den Rest der Saison. Das Qualifying und die erste Kurve legen die Reihenfolge fest."

Das darf natürlich nicht Sinn der Sache sein, sonst ist die rekordverdächtige Menge an Zuschauern ganz schnell wieder weg. Das Schumacher-Comeback in Bahrain sahen allein bei "RTL" deutlich über 10 Millionen Menschen - die beste Quote für ein Tagrennen seit 2004. Die wollen aber auf Dauer bestimmt keine Prozessionen sehen.

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Problem liegt bei den Reifen

Aber woran liegt es, dass das Überholen 2010 offenbar noch schwieriger geworden ist als ohnehin schon?

Klare Antwort: an den Reifen. Die schmaler gewordenen Vorderreifen bieten noch weniger Haftung als ihre Vorgänger. Gift für jeden, der zu einem Gegner aufschließen will. "Ich war viel schneller als Nico Rosberg, konnte aber unmöglich dicht an ihn heranfahren, wenn ich gleichzeitig meine Reifen schonen wollte. In den schnellen Kurven war es ganz und gar unmöglich, dicht an ihm dranzubleiben", beschrieb Lewis Hamilton seinen auf der Strecke aussichtslosen Kampf gegen den Mercedes.

Die besten Bilder vom GP in Bahrain
Vor dem Rennen feierte die Formel 1 ihr 60-jähriges Bestehen. Dabei waren ehemalige Weltmeister wie Jacques Villeneuve oder Damon Hill (v.l.)
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Auch Jackie Stewart war zu Gast. Der präsentierte seinen alten Boliden
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Jacques Villeneuve (l., im Gespräch mit Damon Hill) hatte eigentlich gehofft, selbst in Bahrain zu starten
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Als endlich das Rennen losging, stellte sich heraus, dass Sebastian Vettel ein gutes Paket hatte. Dem Red-Bull-Piloten konnte anfangs keiner die Pole-Position streitig machen
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Weniger gut kam dagegen Mark Webber ins Rollen. Dessen Bolide rauchte heftig, er verlor sofort Plätze - konnte die Probleme aber in den Griff bekommen
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Auch Michael Schumacher wirkte skeptisch. Nicht zu unrecht, wie sich herausstellte: Mercedes konnte mit den Topteams noch nicht mithalten
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Ferrari machte einen starken Eindruck. Als Vettel aufgrund technischer Probleme an Speed verlor, gingen Fernando Alonso und Felipe Massa vorbei und fuhren den Doppelsieg ein
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Zurück in der Boxengasse: Alonso steigt auf seine F10 und lässt sich feiern
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"Auf die Spitze des Podiums zurückzukehren, ist immer etwas Besonderes, aber mit Ferrari ist es noch spezieller", so der Spanier
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Für den Spanier war es der perfekte Einstand bei seinem neuen Team
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Nach einem enttäuschenden Vorjahr bei Renault hatte er sich die selbst verpasste Sektdusche redlich verdient
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Lewis Hamilton war mit seinem dritten Platz zufrieden
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Für Michael Schumacher war Platz sechs das Maximum
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Red Bull: "Alonso macht nur seine Reifen kaputt"

Bestes Beispiel für das Problem war das Duell zwischen Sebastian Vettel und Alonso. Kurz vor Vettels technischen Problemen versuchte Alonso schon einmal, Druck auszuüben. Er fuhr die kleine Lücke zu Vettel schnell zu, fiel dann aber ebenso schnell wieder zurück, als er merkte, dass seine Reifen überhitzten.

Genau das hatte Red-Bull-Renningenieur Guillaume Rocquelin schon vorher gewusst. Er sagte Vettel über Funk: "Mach dir keine Sorgen, Alonso macht sich nur seine Reifen kaputt."

Rennanalyse: Alonso gewinnt - Vettel im Pech

Zwei Pflichtboxenstopps werden diskutiert

Die Verantwortlichen wissen also um das Dilemma, haben sich aber vor der Saison nicht auf einen Verbesserungsvorschlag einigen können, der es wert gewesen wäre, der FIA vorgelegt zu werden.

Red Bull hatte gefordert, zwei Pflichtboxenstopps vorzuschreiben, um der Gefahr aus dem Weg zu gehen, dass fast alle Rennen mit Ein-Stopp-Strategien angegangen werden. Das wurde jedoch abgelehnt, weil die Konkurrenz fürchtete, das Team von Vettel, das 2009 ab und zu mit abbauenden Reifen zu kämpfen hatte, wolle sich dadurch einen Vorteil verschaffen. "Ich denke aber, wir haben in Bahrain gezeigt, dass wir damit keine Probleme haben", sagte Teamchef Christian Horner.

Jetzt ist der Vorschlag wieder ganz oben auf der Agenda. "Ich denke, es wäre ganz schlecht, wenn wir nach diesem Rennen nicht reagieren würden", warnte Mercedes-GP-Geschäftsführer Nick Fry. "Die Zuschauer sind unsere besten Kunden. Wir sind es ihnen schuldig, eine gute Show zu bieten."

Weichere Reifen? Alles Flickschusterei!

Ein anderer Vorschlag kommt von McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh: "Wir sollten Druck auf Bridgestone machen, damit sie uns Rennaction fördernde Reifen liefern. Wir brauchen einen superweichen Reifen, der wirklich weh tut, wenn man 20 Runden mit ihm fahren will. Die aktuellen Reifenmischungen sind zu ähnlich."

Immerhin redet noch niemand darüber, nach nur einem Rennen die Tankstopps wieder einzuführen. Aber auch so klingen die Vorschläge mit den Reifen oder dem Pflichtstopp stark nach Flickschusterei.

Problem ist viel grundlegender

Denn mal ehrlich: Was würde ein zweiter Boxenstopp denn ändern? Die Teams arbeiten so perfekt, dass es vielleicht alle fünf Rennen mal einen Patzer bei einem Top-Team geben würde. Mehr Spannung auf der Strecke entsteht dadurch nicht.

Weichere Reifen könnten ein bisschen helfen, aber auch die Fahrer sind so hervorragend vorbereitet, dass sie sich sicher schnell auf die neuen Gegebenheiten einstellen könnten.

Das Problem ist viel grundlegender. Überholen geht nicht, die Autos sind viel zu filigran - nach wie vor. Das Beschneiden der Aerodynamik und die Rückkehr zu Slicks sind durch die Einführung des Doppeldiffusors verpufft.

Nur radikale Maßnahmen können helfen

Abhilfe können nur radikale Maßnahmen schaffen. Glatter Unterboden, noch kleinere Flügel, breitere Reifen. Das geplante Verbot des Doppeldiffusors für 2011 ist ein guter Anfang - back to the roots.

So wie zu Schumis Anfangszeiten eben. Damals war die Welt noch annähernd in Ordnung, und zwar, obwohl keine Tankstopps erlaubt waren.

Es muss also eine Lösung des Dilemmas geben - auf die müssen sich nur alle einigen.

Wer wird Weltmeister? Jetzt selbst ausrechnen!

Alexander Mey

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