Formel 1

"Ein großer Coup für Mercedes"

Von Interview: Alexander Mey
Mario Theissen (l.) und Norbert Haug waren seit der Saison 2000 gemeinsam in der Formel 1 tätig
© Getty

Während die Formel 1 wieder rollt, sitzt BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen in seinem Büro in München am Schreibtisch und beobachtet die Arbeit der ehemaligen Kollegen. SPOX hat ihn besucht und das turbulente Jahr 2009 mit dem Ausstieg von BMW Revue passieren lassen. Theissen über das schwerste Jahr seiner Karriere, die Suche nach einem neuen Sinn, die sportlichen Pläne von BMW und den Schumi-Coup des großen Konkurrenten Mercedes.

SPOX: Die Formel 1 rollt wieder auf vollen Touren bei den Testfahrten. Aber was tun Sie jetzt den ganzen Tag?

Mario Theissen: Auch ich arbeite weiter (lacht). Die Situation hat sich aber in der Tat verändert. Schon Ende Dezember, Anfang Januar wäre die Arbeit am neuen Formel-1-Auto in der Fabrik von größter Hektik geprägt gewesen. Diese Abläufe sind jetzt bei den Sport- und Tourenwagen, für die ich verantwortlich bin, anders. Für mich war es eine ganz neue Erfahrung, nach zehn Jahren einmal über Weihnachten und Neujahr frei zu haben. Mittlerweile sind aber auch unsere neuen Projekte angelaufen und wir stehen in einigen ebenfalls unter einem gewissen Zeitdruck.

SPOX: Wie sehr wird sich Ihr Leben ohne die Formel 1 noch verändern?

Theissen: Ich werde auf jeden Fall ungefähr zehn Rennwochenenden weniger haben. Zudem fällt das Pendeln zwischen den beiden Standorten München und Hinwil weg, was auch eine Menge Zeit spart.

SPOX: Sie gehen die Sache jetzt also entspannter an.

Theissen: Man hat immer so viel Arbeit, wie man sich auflädt. Auch zu Formel-1-Zeiten hatte der Tag nur 24 Stunden. Damals hatte ich dann eben nicht so viel Zeit für die Touren- und Sportwagen wie ich gerne gehabt hätte. Das ist jetzt anders.

SPOX: Aber sind zwei Werksautos in der WTCC und ein paar GT-Autos wirklich ein gleichwertiger Ersatz für die Formel 1?

Theissen: Das ist eine Frage der Perspektive. Natürlich ist die Formel 1 im Motorsport mit Abstand die größte Bühne. Das ist und bleibt die Premium-Plattform. Bei den anderen Rennserien, um die ich mich jetzt kümmere, geht es aber auch um Technik und Wettbewerbsfähigkeit. Und man ist viel näher am Publikum, macht also Motorsport zum Anfassen. Das ist für mich genauso attraktiv.

SPOX: Klingt nicht, als würden Sie die Formel 1 vermissen.

Theissen: Jetzt noch nicht (lacht). Ich werde mir natürlich weiterhin die Rennen anschauen, aber ich bin mit Sicherheit in diesem Jahr mit den BMW-Projekten ausgelastet.

SPOX: Wie belastend war denn die Zeit des BMW-Ausstiegs im Sommer 2009?

Theissen: Der Ausstieg war auch für mich eine große Enttäuschung. Gerade als es zum ersten Mal nicht bergauf ging, kam diese Entscheidung. Wir hätten alle gerne gezeigt, dass wir aus dem Tief wieder herauskommen, und das Projekt mit dem WM-Titel abgeschlossen. Dank der beiden Podestplätze am Ende haben wir immerhin noch einen versöhnlichen Abschluss geschafft.

SPOX: In der öffentlichen Wahrnehmung kam der Ausstieg natürlich verheerend rüber. Nach dem Motto: Kaum tauchen die ersten Probleme auf, zieht BMW den Schwanz ein.

Theissen: Sie und ich wissen, dass es andere Gründe für den Ausstieg gab, nämlich eine strategische Neuausrichtung des Konzerns, in die die Formel 1 nicht mehr gepasst hat. Aber ich habe auch die anderen Kommentare gelesen. Denn aus anderen Bereichen gab es große Zustimmung für diese Entscheidung.

SPOX: Sehen Sie sich als Motorsportdirektor dennoch gescheitert?

Theissen: Nicht gescheitert. Ich konnte das Projekt aus übergeordneten Gründen nicht zu Ende führen.

SPOX: Sind Sie vom Vorstand überhaupt nach Ihrer Meinung zum Ausstieg gefragt worden?

Theissen: Wir haben das Projekt gemeinsam intensiv bewertet, und ich habe natürlich aus Sicht der sportlichen Seite für den Verbleib argumentiert. Danach hat sich der Vorstand dann eine Woche Zeit für die Entscheidung genommen, die ich letztlich nachvollziehen konnte.

SPOX: War 2009 das beruflich schwerste Jahr Ihrer Karriere?

Theissen: Ja.

SPOX: Mussten Sie auch in München Mitarbeiter entlassen?

Theissen: Nein. In München haben alle ehemaligen Formel-1-Mitarbeiter andere, gute Jobs in der Serien-Produktion bekommen.

SPOX: Hätte Ihr 2009er Flagschiff KERS funktioniert, hätte der Konzern dann anders entschieden?

Theissen: Schwer zu sagen. Es war ja nicht so, dass KERS an sich nicht funktioniert hätte. Es hat nur das Auto im Gesamtpaket nicht schneller gemacht. Vom System selbst profitieren wir jetzt sogar bei den Serien-Fahrzeugen. Generell spielen bei so einer weitreichenden Entscheidung wie dem Ausstieg immer mehrere Faktoren zusammen. Die Neuausrichtung der Strategie des Unternehmens war dabei der langfristig dominante. Sportlicher Erfolg hätte mir wahrscheinlich bei meinem Kampf für den Verbleib zu diesem Zeitpunkt geholfen, aber er hätte die Sache wohl nur um ein paar Monate verschoben. Hätten wir im Sommer die WM angeführt, hätte wohl kaum jemand gesagt, wir steigen jetzt aus. Aber was wäre gewesen, wenn wir im Herbst die WM gewonnen hätten?

SPOX: Was ist später beim Verkauf des Teams an den Investor Qadbak schief gelaufen?

Theissen: In solchen Verhandlungen werden immer Vereinbarungen getroffen, die an bestimmte Bedingungen geknüpft sind. Wenn einige von denen nicht eingehalten werden, dann kommt es eben nicht zur Vertragsunterzeichnung. Dabei hat auch die fehlende Garantie eines Startplatzes eine Rolle gespielt.

SPOX: Dann kam Peter Sauber und ist eingesprungen.

Theissen: Wir hatten vorher schon parallel an Alternativen zu Qadbak gearbeitet. Peter Sauber war eine davon. Die Einigung mit ihm ging dann sehr schnell und ohne Verhandlungen. Sauber hat einen Vorschlag gemacht, und BMW hat dem sofort zugestimmt.

SPOX: Haben Sie im Zuge des Ausstiegs selbst einmal an Rücktritt gedacht?

Theissen: Ich muss ehrlich sagen, dass ich im vergangenen Jahr keine Zeit hatte, über meine eigene Zukunft nachzudenken. Ich habe alles daran gesetzt, das Formel-1-Projekt zu einem positiven Ende zu bringen. Für mich war aber immer klar, dass ich bei BMW bleibe.

SPOX: Im Moment beherrscht ausgerechnet Ihr großer Konkurrent Mercedes mit eigenem Team und Michael Schumacher alle Schlagzeilen. Sind Sie neidisch auf Norbert Haug?

Theissen: Neidisch nicht. Aber ich erkenne an, dass Norbert Haug mit diesem Projekt ein großer Coup gelungen ist. Nicht nur für Mercedes, sondern für die ganze Formel 1. Da stößt aber der Verantwortungsbereich eines Motorsportchefs wie Norbert Haug oder mir an seine Grenzen. Der Konzern entscheidet allein, ob so ein Projekt ins Konzept passt oder nicht. Beide Wege können richtig sein, sowohl der von Mercedes als auch der von BMW. Es kommt ganz darauf an, wo sich der Konzern in Zukunft positionieren will. Entscheidend ist nur, dass man als Unternehmen eine Strategie hat und diese dann konsequent umsetzt. Egal, was die anderen machen.

SPOX: Immerhin hat Mercedes der Formel 1 Michael Schumacher zurückgebracht. Was halten Sie von seinem Comeback?

Theissen: Das ist rundum positiv. Für die Fans und die Formel 1 ist das eine Riesensache. Aber auch für das Team und ihn selbst ist es gut. Egal wie es ausgeht: Er wird danach Gewissheit haben, wo er steht. Und die braucht er.

SPOX: Wird er am Ende ganz oben stehen oder haben Sie einen anderen WM-Tipp?

Theissen: Ich habe Sebastian Vettel auf dem Zettel.

SPOX: Ein schönes Schlusswort zur Formel 1. Kommen wir zu dem, was BMW 2010 im Rennsport vorhat.

Theissen: Wir haben die Schwerpunkte verschoben. Die Formel BMW bleibt unverändert. Bei den Tourenwagen in der WTCC haben wir den Aufwand auf zwei Werksautos reduziert und dafür den Einsatz des GT-Autos BMW M3 hochgefahren. Für uns ist die WTCC dennoch weiterhin die Spitze des Tourenwagensports.

SPOX: Auch noch, nachdem Ihr Hauptkonkurrent Seat ausgestiegen ist?

Theissen: Ich bin trotzdem davon überzeugt, dass die WTCC von der internationalen Positionierung her die Nase weiter vorn hat, auch wenn 2010 generell das schwerste Jahr des Motorsports werden wird. Denn erst jetzt wirkt sich die Wirtschaftskrise so richtig aus. Für BMW ist das Wichtige an der WTCC, dass wir das Auto dank der einheitlichen technischen Regeln auch in vielen anderen Serien als Kundenauto einsetzen können. Man darf dieses Engagement nicht nur auf die WTCC reduzieren.

SPOX: Trotzdem werden Ihnen die DTM-Verantwortlichen von Mercedes und Audi klar widersprechen, wenn Sie die WTCC über die DTM heben.

Theissen: Klar hat die DTM die spektakuläreren und schnelleren Autos. Das sind nach unserer Definition aber keine Tourenwagen mehr. Das passt eher zu unserem GT-Engagement, mit dem wir in diesem Jahr bei den 24 Stunden auf dem Nürburgring und in Le Mans starten wollen. Die DTM liegt sogar am oberen Ende des GT-Sektors. Im Rahmen unseres Ausbaus dieses Sektors entwickeln wir uns auch in Richtung DTM, denn ich halte die Vermarktungsplattform für ausgesprochen stark.

SPOX: Ein Einstieg von BMW in die DTM ist also durchaus realistisch.

Theissen: Nach heutigem Muster ist das für uns kein Thema, weil es keinen Unterbau von Rennserien gibt, in denen andere Teams die Autos einsetzen können. Wenn sich hier in Zukunft - wie angedacht - etwas ändert, dann wird die DTM für uns deutlich interessanter.

SPOX: Wir haben jetzt viel über BMW und ein wenig über Sie persönlich gesprochen. Ist eine Zukunft von Mario Theissen ohne BMW eigentlich vorstellbar?

Theissen: (lacht) Soweit ich weiß, bin ich mit meiner Frau verheiratet und nicht mit BMW. Aber ich arbeite jetzt 30 Jahre bei BMW und habe keine Pläne, daran in absehbarer Zukunft etwas zu ändern.

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