Mittwoch, 13.01.2010

Norbert Haug im Porträt

"Haug hat sich sein eigenes Denkmal gesetzt"

Seit Wochen spricht die ganze Formel-1-Welt fast nur über Michael Schumacher. Dabei ist ein anderer Mann der eigentliche Star der letzten Wochen: Norbert Haug. Der Mercedes-Motorsportchef ist der Architekt des deutschen Dreamteams, von dem er schon seit 15 Jahren träumt. Jetzt hat er sich sein eigenes Denkmal gesetzt.

Norbert Haug fuhr in früheren Jahren ein paar Rennen im Porsche-Carrera-Cup
© Getty
Norbert Haug fuhr in früheren Jahren ein paar Rennen im Porsche-Carrera-Cup

Hockenheimring, Motodrom: Es ist DTM, Showrunden sind angesagt, um die Fans bei Laune zu halten. Das macht man in der DTM so, dort soll der Zuschauer König sein. Plötzlich wird es laut. Ein alter 500er Mercedes rauscht im wilden Drift um die Kurven. Es qualmt. Es stinkt. Die Fans grölen.

Am Steuer dieses so genannten "Drift Cars" sitzt kein Rennfahrer. Es ist Norbert Haug, Motorsportchef bei Mercedes, ehemaliger Journalist - und ganz nebenbei ein großer Driftkünstler. Es gibt kaum ein Auto, dass er nicht mit zwei Fingern locker quer durch die Kurven jagen kann.

Haug flippt bei schnellen Autos seit frühester Jugend aus, "so, wie viele Kids heute zum Beispiel beim Thema iPod ausflippen", hat der 57-Jährige einmal in einem Interview gesagt. "Alles, was sich von einem Motor angetrieben bewegte, fand ich von klein auf unheimlich cool."

Schumi, Rosberg und die Silberpfeile

Unheimlich cool findet ganz Motorsport-Deutschland, wahrscheinlich sogar ein Großteil des weltweiten Formel-1-Zirkus', was Haug in diesem Herbst geleistet hat.

Erst hat er den Daimler-Vorstand davon überzeugt, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht wie viele andere aus der Formel 1 auszusteigen, sondern im Gegenteil ein eigenes Team zu kaufen. Und dann, kaum dass er eine neue Ära der Silberpfeile ermöglicht hatte, spendierte er ihnen auch noch Michael Schumacher und Nico Rosberg als funkelnde Pfeilspitzen.

Stuck lobt Haugs Engagement

"Norbert Haug hat sich sein eigenes Denkmal gesetzt", sagt Formel-1-Experte Hans-Joachim Stuck im Gespräch mit SPOX. "Allein schon dadurch, dass er gegen den Strom geschwommen ist und Brawn GP übernommen hat, anstatt auszusteigen." Danach noch Schumi zum Comeback zu bewegen, hat dem Ganzen die Krone aufgesetzt.

Feiern lässt sich der Schwabe dafür aber nicht. "Die Idee stand schon seit 15 Jahren als Stehsatz in meinem Kopf. Aber man muss ja nicht gerade Einstein sein, um darauf zu kommen, dass es das Beste wäre, den Mann zu verpflichten, der die meisten WM-Titel und Rennen gewonnen hat", sagt er stattdessen.

Vom Journalisten zum Motorsportchef

Stehsatz ist ein schönes Wort, das viele, die nichts mit Journalismus zu tun haben, vielleicht nicht auf Anhieb verstehen. Haug tut das aber. Als ehemaliger Sportchef und stellvertretender Chefredakteur der Motorsport-Fachzeitschrift "auto, motor und sport" kennt er sich mit vorbereiteten Beiträgen für die Zukunft - eben Stehsätzen - aus.

1990 wechselte Haug die Fronten und wurde vom Journalisten zum Motorsportchef bei Mercedes. Zunächst bei den Sportwagen, wo er 1991 schon einmal mit Schumi zusammenarbeitete und ihm zum Sprung in die Formel 1 verhalf. Später überzeugte er dann seinen Vorstand, zunächst mit Sauber und ab 1995 mit McLaren in die Formel 1 einzusteigen.

Seitdem ist Haug nicht mehr aus der Königsklasse wegzudenken. "Wäre der Motorsport nur Brumm-Brumm gemischt mit Promi-Auflauf in Boxen und Fahrerlager, dann wäre ich nicht dort", sagt Haug. "Für mich ist das aber eine hoch komplexe Angelegenheit: Es geht um Technik, Strategie und Diplomatie, man muss Verantwortung für Kollegen tragen und für sehr viel Geld, ich habe unser Motorsport-Budget zu verantworten."

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Respekt von Freunden und Feinden

Gerade mit der Diplomatie ist das immer so eine Sache. Natürlich schafft es auch Haug nicht, es immer allen Recht zu machen, und er hat sicher nicht nur Freunde im Fahrerlager.

Aber er stellt sich immer, geht keinem Problem aus dem Weg. Bei sportlichen Blamagen und sogar den zuletzt leider zahlreichen Skandalen um McLaren-Mercedes war er immer der Erste, der Rede und Antwort gestanden hat. Egal, ob er für das Schlamassel verantwortlich war oder nicht. Das verschafft ihm Respekt bei Freunden und Feinden.

Immer ein Auge für andere

Außerdem blickt er immer nach rechts und links. Wie oft hat er zum Beispiel in der vergangenen Saison Fahrer anderer Teams gelobt? Sebastian Vettel war fast immer Teil seiner stets ausführlichen Analysen nach den Rennen.

Haug hat ein Auge für alle und kennt dementsprechend auch alle. Nicht zuletzt sein ständiger Kontakt zu Michael Schumacher hat dessen Comeback womöglich ein Stück weit forciert. "Der einzige ernsthafte Grund für die Rückkehr war, noch einmal mit Mercedes arbeiten zu können. Sie haben mir die Chance gegeben, in die Formel 1 zu gehen. Jetzt ist es schön für mich, etwas zurückgeben zu können", betonte Schumi nach der Verkündung seiner Rückkehr.

Endlich kann Haug seine Vorstellungen umsetzen

Jetzt ist Norbert Haug, der Schwarzwälder Junge aus dem kleinen Örtchen Grunbach, einer der mächtigsten Männer der Formel 1. Er kann mit dem Mercedes-Werksteam endlich seine Vorstellungen aktiv umsetzen, anstatt sich von einem Partner die Bedingungen diktieren zu lassen - so wie er es schon seit vielen Jahren in der DTM tut.

Bescheiden sind diese Vorstellungen für die Debütsaison nicht gerade: "Wir haben die Zielsetzung, um Siege und Titel zu fahren. Ich habe das Gefühl, dass Michael, Nico und unser Silberpfeil-Werksteam große Begeisterung auslösen können."

Haug: "Ich war immer ein Rocker"

Eine Sorge bleibt bei all der Euphorie dennoch. Wie soll Haug angesichts so vieler Aufgaben noch Zeit für seine Frau, seine Tochter oder ein paar Drifts durch das Motodrom in Hockenheim finden?

Und wann soll er sich um sein großes Hobby Musik kümmern? Die Stones, die Beatles, Jimi Hendrix, Led Zeppelin? "Ich war immer ein Rocker. Diese Musik-Epoche fasziniert mich nach wie vor", bekennt er.

Na dann: Rocken Sie die Formel 1, Herr Haug!

Alexander Mey

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