Formel 1

Das Senna-Schumacher-Trauma

Von Alexander Mey
Bei diesem Unfall in Imola 1994 kam Rubens Barrichello mit glimpflichen Verletzungen davon
© Getty

Jenson Button, Rubens Barrichello oder Sebastian Vettel. Einer dieser drei Fahrer wird Formel-1-Weltmeister 2009. Alle drei waren es noch nie. Wer sind die drei und wie sind sie bis an diesen Punkt gekommen? SPOX stellt die Titelaspiranten vor dem Brasilien-GP vor. Teil 2: Rubens Barrichello.

Teil 1, Sebastian Vettel: "Ich mag deutsche Volksmusik"

37 Jahre alt musste Rubens Barrichello werden, um zum ersten Mal eine wirklich realistische Chance auf den WM-Titel zu haben. 14 Punkte Rückstand auf Teamkollege Jenson Button sind zwar eine Menge, aber immerhin darf er ohne Teamfesseln mit offenem Visier um seinen großen Traum kämpfen. Das gab es noch nie.

Denn Barrichello ist eine tragische Figur der Formel 1, der Ritter von der traurigen Gestalt, der Don Quichotte der Königsklasse. Erst hat er gegen den großen Schatten von Ayrton Senna angekämpft, dann gegen den übermächtigen Michael Schumacher, dann gegen seinen schlechten Honda-Boliden. Erst jetzt, in seinem 17. Formel-1-Jahr, ist er dort angekommen, wo er immer hin wollte.

Barrichello-Unfall am schwarzen Imola-Wochenende

Alles begann am schicksalhaftesten Wochenende der jüngeren Formel-1-Geschichte. Das hoffnungsvolle brasilianische Talent Rubens Barrichello kam im Frühling 1994 mit einem starken vierten Platz beim Heimspiel in Sao Paulo und einem Podium beim Pacific-GP für Jordan im Gepäck nach Imola.

Dort hatte Rubinho am Freitag einen Horror-Unfall mit über 200 km/h, bei dem er wie durch ein Wunder mit einem gebrochenen Arm und einer gebrochenen Nase davonkam. Einen Tag später verunglückte Roland Ratzenberger tödlich, und im Rennen folgte der tragische Unfalltod des großen Ayrton Senna.

Blog: Das schwarze Wochenende in Imola 1994

Barrichello: "Senna hat mein Leben verändert"

Von einem Tag auf den anderen war der damals 21-jährige Barrichello die große Hoffnung aller Brasilianer. Er sollte in die gigantischen Fußstapfen Sennas treten. Ein Anspruch, dem er nie gerecht werden konnte.

"Nach dem Tod von Ayrton Senna lastete der ganze Druck meiner Landsleute auf mir. Er war mein Lehrmeister, mein Freund, mein Vorbild", sagte Barrichello bei seinem Wechsel von Stewart-Ford zu Ferrari im Jahr 2000.

Dort gewann der neue Teamkollege von Michael Schumacher in Hockenheim 2000 sein erstes Rennen. Danach kam er erneut auf sein ganz besonderes Verhältnis zu Senna zurück: "Das ist ein ganz spezieller Moment für mich. Ich möchte diesen Sieg Ayrton Senna widmen. Seit 1984 hat er mein Leben verändert. Er hat mich sehr geprägt."

Rasanter Aufstieg  in die Formel 1

1984 war das Jahr, in dem Barrichello begann, Erfolge im Kart zu feiern. Bis er 17 Jahre alt war, hatte er fünf nationale Titel eingefahren. Nicht einmal vier Jahre später hatte er den Sprung in die Formel 1 geschafft. 1993 debütierte Barrichello im Alter von 20 Jahren - ein für die damalige Zeit rasanter Aufstieg.

Über Jordan und Stewart-Ford empfahl sich Barrichello durch seine Qualitäten als großer Kämpfer und sehr starker Regenfahrer für die Beförderung an Schumachers Seite zu Ferrari.

"Let Michael pass for the Championship"

Und schon hatte Don Quichotte Barrichello die zweite Windmühle nach Senna am Hals, gegen die er erfolglos ankämpfte. Höhepunkte der fatalen Rolle, die Rubinho bei Ferrari spielte, waren die Rennen in Österreich 2001 und 2002.

Beide Male musste er Schumacher seinen Platz überlassen, 2002 ging es sogar um den Sieg. "Let Michael pass for the Championship!" Dieser Funkspruch des damaligen Ferrari-Teamchefs Jean Todt von 2001 klingt heute noch jedem Formel-1-Fan in den Ohren.

Barrichello kam über die Demütigungen der beiden Jahre nie hinweg. "Sie haben mir gesagt, dass ich an meinen Vertrag denken soll. Mir war klar - nimm deinen Fuß vom Gas oder pack deine Sachen", sagte Barrichello viele Jahre später.

Barrichello tritt gerne nach

Das ist die schlechte Seite des Rubens Barrichello. Er tritt gerne und oft nach. Vor allem gegen Ferrari und gegen Schumi. Dem wirft er heute noch vor, dass er damals in Österreich von allem gewusst hat. "Er sagt zwar, er hatte damit nichts zu tun, aber ich habe Dokumente zuhause, die beweisen, dass er über alles informiert war", sagt Barrichello.

Zuweilen wurde er gegen Schumacher sogar ausfallend. Auf einer Party soll er den Deutschen 2008 als "Schwuchtel" beschimpft haben. Zudem droht er immer wieder mit einem Enthüllungsbuch über seine Zeit bei Ferrari.

Schlechte Bilanz beim Brasilien-GP

Im Moment ist das alles aber kein Thema. 2009 ist alles besser, Barrichello hat endlich gleiche Chancen wie sein Teamkollege und darf ausgerechnet vor dem Heimspiel in Brasilien vom ersten und wahrscheinlich auch einzigen WM-Titel träumen.

"Man spürt die Stimmung, man genießt die Anfeuerung und bezieht daraus zusätzliche Kraft", beschreibt Barrichello die unglaubliche Atmosphäre in Sao Paulo. Dazu muss er allerdings auch erwähnen, dass er sein Heimspiel noch nie gewinnen konnte und in 16 Versuchen gerade mal 14 WM-Punkte geholt hat.

Am schlimmsten war es 2003. Barrichello führte das Rennen souverän an, als ihm das Benzin ausging und er in Runde 47 ausrollte. Ferrari entschuldigte sich mit einem Rechenfehler. Insgeheim glaubt Barrichello wahrscheinlich heute noch an Absicht.

Barrichello: "Ich habe den Titel verdient"

Glaube ganz anderer Art ist ein großes Thema im Leben des Brasilianers. Auf seinem Helm stehen die Buchstaben FE. Das sind zum einen die Initialen seiner beiden Söhne Fernando und Edoardo. "Fe bedeutet aber in meiner Sprache auch Glaube", erklärte Barrichello einmal. "Ich bin ein sehr gläubiger Mensch und kann auf diese Weise zwei mir sehr wichtige Dinge gleichzeitig bei mir tragen: Meine Familie und meinen Glauben."

Barrichellos Familie lebte lange Zeit direkt neben der Rennstrecke in Interlagos. Noch heute kommt man direkt an Barrichellos Elternhaus vorbei, wenn man an der Strecke einen Parkplatz sucht.

Der Ort wäre perfekt, um sich im Titelkampf gegen Jenson Button noch einmal richtig laut zurückzumelden. "Ich denke, dass ich nach all den Jahren den Titel verdient habe", sagt Barrichello. "Nach allem, was in dieser Saison passiert ist, wäre es einfach gerecht."

Stand in der Fahrer- und in der Konstrukteurs-WM

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