Formel 1

"Wir machen hier keinen Blödsinn"

Von Robert Seiwert
Toyota-Pilot Jarno Trulli fuhr beim Japan-GP in Suzuka auf den zweiten Platz
© Getty

Der Formel-1-Zirkus hat sich schon vor zwei Jahren von den USA abgewandt. Doch die NASCAR zieht derzeit das Interesse aktueller und ehemaliger prominenter Formel-1-Fahrer auf sich wie nie zuvor. Darunter Jarno Trulli und ein Skandal-Profi.

Der sportliche Wert der Formel 1 in den USA halt sich stark in Grenzen. In den Staaten thront die Tourenwagen-Serie NASCAR weit über allen anderen Motorsportarten.

Gleich hinter der NFL mit ihrem alles überstrahlenden Super Bowl liegt das Rennen im Oval auf Platz zwei der beliebtesten TV-Sportereignisse. Formel 1? Fehlanzeige.

Um halbleere Ränge und schlechte Quoten machen muss sich die NASCAR keine Sorgen machen. Bei Traditionsrennen wie dem Daytona500 fiebern bis zu 300.000 Fans im Rund mit.

Keiner interessiert sich für Vettel

Im Jahr 2007 gastierte der F1-Zirkus zum letzten Mal in Indianapolis. Das große Highlight des Rennens: Sebastian Vettel debütierte in der Königsklasse des Motorsports, als er Robert Kubica in dessen BMW-Sauber ersetzte - und sofort in die Punkte fuhr.

Doch das interessierte die in den USA nur spärlich vorhandenen Formel-1-Fans kaum. Halbleere Zuschauer-Ränge gehörten bei den Großen Preisen der USA regelmäßig zur Serienausstattung.

"Vergiss Indianapolis. Dort gehen wir nicht mehr hin"

Seit nunmehr zwei Jahren gehen F1 und USA getrennte Wege. Sie werden auch nicht mehr zusammenfinden, wenn es nach Promoter Bernie Ecclestone geht: "Vergiss Indianapolis. Dort gehen wir nicht mehr hin."

Dem 78-Jährigen schweben eher spektakuläre Rennen, wie ein möglicher New York-, oder Las-Vegas-GP vor. Leise Zukunftsmusik.

Whitmarsh wünscht sich USA-Rückkehr

Was die USA als Austragungsort dennoch interessant macht, ist der riesige Werbemarkt. NASCAR-Boliden beispielsweise sind noch mehr mit Werbung zugepflastert als ein handelsüblicher F-1-Wagen.

McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh witzelte bereits: "Es ist ein großer Markt und in der Vergangenheit haben wir dort so viel kaputt gemacht, dass wir dort umsonst fahren sollten."

 

Auf die NASCAR-Begeisterung sind auch die ehemaligen F-1-Piloten Juan Pablo Montoya, Jaques Villeneuve und Christian Fittipaldi aufmerksam geworden, die seit einigen Jahren in der Rennserie aktiv hinterm Steuer sitzen.

Fahrer wandern aus

Noch gelten die ehemaligen Openwheeler als Exoten in der US-Rennserie, doch das könnte sich bald ändern: Wenn schon die Formel 1 nicht in die Staaten geht, dann tun es eben die Fahrer.

Ein heißer Kandidat für den US-amerikanischen Markt ist Nelson Piquet Jr. Nach der Crashgate-Affäre dürften seine Chancen auf einen Platz in einem der neuen F-1-Teams gegen Null tendieren.

Der Brasilianer genießt nach dem Renault-Skandal kein Vertrauen mehr im Fahrerlager. Von den Teamchefs erhält man immer dieselbe Antwort: "Piquet wäre für uns keine Option."

Piquet fährt für Toyota

Doch Piquet hat bereits einen Alternativplan. Am kommenden Montag wird der 24-Jährige wieder in einen Rennwagen steigen - diesmal mit erhöhter Sitzposition.

Auf dem Rockingham Speedway in North Carolina absolviert Piquet Jr erste Testfahrten in einem Toyota Tundra aus der NASCAR Camping World Truck Serie.

Der Brasilianer backt zunächst kleine Brötchen: "Mir ist bewusst, dass NASCAR eine ganz andere Form von Rennen ist. Deshalb will ich ganz unten anfangen und mich hochdienen", erklärt Piquet: "Ich glaube, viele meiner Formel-1-Kollegen haben den Fehler gemacht, sofort in der Top-Klasse einzusteigen."

Die höchste Rennklasse der NASCAR nennt sich Sprint-Cup. Es folgen absteigend die Nationwide Series sowie die Camping Wolrd Truck Series auf dem dritten Platz.

Trulli unternimmt NASCAR-Testfahrten

Doch die USA sind nicht nur für arbeitslose Rennprofis ein mögliches Motorsport-Mekka. Jarno Trulli wird nach dem letzten Saisonrennen in Abu Dhabi den Staaten ebenfalls einen Besuch abstatten. Am 22. November steigt der Toyota-Pilot in einen Toyota Camry des NASCAR-Teams von Michael Waltrip Racing (MWR).

Um ein besseres Verständnis für die Rennserie zu bekommen, wird sich der Italiener die letzten drei Saisonrennen in Texas, Phoenix und Homestead live vor Ort anschauen.

"Wir machen hier keinen Blödsinn"

Bei Trullis Ambitionen handele es sich nicht um eine PR-Aktion Toyotas, verkündet MWR-Vizepräsident Cal Wells: "Wir nehmen den Test ernst, wir machen hier keinen Blödsinn. Aber wir wissen natürlich nicht, was dabei herauskommen wird."

Toyotas Zukunft in der Formel 1 ist noch nicht gesichert, zudem hat Trulli noch kein Angebot für eine Vertragsverlängerung erhalten. Ein Abschied von den Japanern ist gut möglich, gerade weil auch die neuen Formel-1-Teams, wie etwa Lotus, Interesse am 35-Jährigen haben sollen.

Lieber NASCAR als arbeitslos

Neben Piquet und Trulli ist Mika Salo der dritte im Bunde, der den Sprung über den großen Teich wagt. Der ehemalige F-1-Fahrer wird wie Trulli in einem MWR-Cockpit Platz nehmen.

"Das ist kein einfacher Sport", betont MWR-Renndirektor Steve Hallam: "Aber von Zeit zu Zeit ergibt sich eine Gelegenheit, damit wir uns die beiden einmal genau ansehen können."

Trullis Zukunft ungewiss

Doch noch ist in der Angelegenheit nichts spruchreif, vor allem Trulli dürfte ein gesteigertes Interesse daran besitzen, weiterhin in der Formel 1 tätig zu sein - bei welchem Team auch immer.

Das ließ der Italiener auch in einer Pressemitteilung verlauten, nachdem sein NASCAR-Intermezzo öffentlich bekannt wurde: "NASCAR ist eine der bedeutendsten Motorsport-Serien der Welt und ich war sehr neugierig, diesen Sport einmal aus nächster Nähe zu beobachten. Aber meine Interessen liegen zu 100 Prozent in der Formel 1."

NASCAR goes Europe?

Trotzdem: Während die Formel 1 in den USA der völligen Bedeutungslosigkeit entgegenfährt, steht vor allem die NASCAR unter den aktuellen und ehemaligen F-1-Piloten auf hoch im Kurs.

Gut möglich, dass die für Europäer gefühlt unendlich vielen Runden im Oval dank Trulli und Co. hierzulande immer beliebter werden.

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