Formel 1

Brawn fährt schwere Geschütze auf

Von Alexander Mey
Donnerstag, 23.07.2009 | 12:30 Uhr
Jenson Button führt die Fahrerwertung vor Sebastian Vettel an
© Getty

Für Red Bull wird es nach zwei Party-Rennen in Folge beim Ungarn-GP ernst. Die äußeren Bedingungen am Hungaroring sind völlig anders als die in Silverstone und am Nürburgring. Jetzt zeigt sich, ob der Red Bull wirklich besser ist als der Brawn-Mercedes. Aber nicht nur die beiden Spitzenteams haben in Ungarn gute Chancen, auch McLaren-Mercedes, Ferrari, Williams und Renault können sich einiges ausrechnen.

Die Ausgangslage ist klar. Nach zwei Doppelsiegen in Folge ist Red Bull mit seinem Fahrerduo Sebastian Vettel und Mark Webber zurück im Titelkampf. Vor allem in der Konstrukteurs-WM ist der Vorsprung von Brawn GP (112 Punkte) auf die Bullen (92,5 Punkte) deutlich geschrumpft. Für Jenson Button (68 Punkte) sieht es in der Fahrerwertung gegen Vettel (47 Punkte) und Webber (45,5 Punkte) noch halbwegs komfortabel aus.

Dennoch wird der Ungarn-GP am kommenden Wochenende zeigen, in welche Richtung sich der WM-Kampf entwickelt. Holt Red Bull weiter auf oder kann Brawn GP den Trend umkehren? Und welche Teams haben das Potenzial, im Titelrennen Zünglein an der Waage zu spielen?

SPOX nimmt die Hauptdarsteller unter die Lupe:

Brawn GP: Je heißer desto besser. Das ist das Motto des Brawn-Boliden, der so schonend mit den Reifen umgeht wie sonst kein Auto und deshalb in der Kälte von England und Deutschland große Probleme hatte. Damit ist es in Ungarn vorbei. 35 Grad am Freitag, immerhin noch knapp 30 Grad am Sonntag, dazu garantiert kein Regen. So sagen es die Wetterfrösche voraus.

Gut für Brawn. "Wir sind zuversichtlich, dass die in der ersten Saisonhälfte gezeigte Leistungsfähigkeit des BGP 001 nicht verschwunden ist und die Probleme nur den besonderen Umständen geschuldet waren", zitiert das Fachmagazin "auto, motor und sport" Teamchef Ross Brawn.

Zusätzlichen Optimismus verleiht dem Team ein umfangreiches neues Aerodynamik-Paket für den Hungaroring. Neben neuen Front- und Heckflügeln gibt es einen überarbeiteten Unterboden und eine neue Motorabdeckung. Dieses Paket sollte eigentlich erst drei Rennen später kommen, aber der Druck von Red Bull hat ein frühzeitiges Handeln erfordert. Ziel des Updates: Das notorische Untersteuern des Autos in schnellen Kurven in den Griff bekommen.

"Wir müssen selbst wieder Rennen gewinnen, sonst haben wir keine Chance auf den WM-Titel", sagte Button im Interview mit "Motorsport aktuell". Dabei soll ihm neben heißem Asphalt und neuer Aerodynamik auch die Psyche helfen.

Denn Button ist überzeugt, im Kampf gegen Vettel ein Ass im Ärmel zu haben. "Ich habe Vettel ziemlich genau durchschaut. Ich kann einschätzen, wann er sich im Rennen wohl fühlt und wann es für ihn schwierig wird", erklärte Button. "Er ist ein Fahrer, den ich sehr gut verstehe. Das ist wichtig."

Red Bull: Der offenbar durchschaute Vettel gibt sich vor dem Ungarn-GP ebenfalls zuversichtlich, allerdings mit Einschränkungen: "Das Rennen auf dem Hungaroring ist eine ganz besondere Herausforderung. Wir sollten dort gut sein, auch wenn es schwierig wird. Ich versuche alles, um zu gewinnen. Dafür ist aber ein gutes Qualifying die Voraussetzung."

Genau daran haperte es bei Vettel auf dem Nürburgring. Steht er nicht ganz vorne, hat er am Start gegen die zumeist KERS-befeuerte Konkurrenz von Ferrari und McLaren-Mercedes keine Chance und hängt danach im Feld fest. Für ihn und Teamkollege Webber geht es also in erster Linie darum, durch ein perfektes Qualifying dafür zu sorgen, dass man im Rennen das Potenzial des Autos umsetzen kann.

Denn neue Updates gibt es für Ungarn nicht. Warum auch, der Dreifach-Diffusor, den Red Bull seit Silverstone hat, ist bislang der Beste seiner Art. Nur die Reifen könnten Sorgen bereiten. Der Red Bull nimmt die Pneus relativ hart ran - bei großer Hitze und den angekündigten Reifenmischungen "super-weich" und "weich" eventuell ein Nachteil. Schon in Monaco bauten die Hinterreifen bei Vettel sehr stark ab.

Die Fortsetzung der großen Aufholjagd soll das aber nicht verhindern. "Uns stehen noch ein paar großartige Rennen bevor und wir werden überall schnell sein", kündigte Webber in seiner "BBC"-Kolumne an.

Der Australier setzt darauf, dass Button irgendwann einmal das Rennglück verlässt: "Jenson hatte bisher eine perfekte Saison, kein Pech, keine Unfälle. Es ist wahrscheinlich, dass auch er irgendwann einmal die Zielflagge nicht sieht." Allerdings weiß auch Webber: "Jenson neigt nicht zu Fehlern. Er ist unglaublich konstant und wird auch weiterhin Punkte sammeln."

Da kommen die Teams ins Spiel, die dem einen oder anderen WM-Kandidaten Punkte wegnehmen können, die Zünglein an der Waage. Vettel sagt: "Das wird nicht nur eine Schlacht zwischen Red Bull und Brawn GP. Ich denke, dass auch McLaren-Mercedes, Ferrari und Williams ein Wörtchen mitreden können."

GP-Rechner: Wie kann Vettel noch Weltmeister werden: Jetzt nachrechnen!

McLaren-Mercedes: Schon auf dem Nürburgring hätte Lewis Hamilton mit neuem Aerodynamik-Paket aufs Podium fahren können, der Hungaroring kommt den Silbernen noch mehr entgegen. Kaum schnelle Kurven, dafür aber viele Anbremszonen: perfekt für den KERS-betriebenen Silberpfeil.

Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug macht zwar keine konkreten Zielvorgaben für Ungarn, aber er stellt klar: "Es gibt neben Monaco keinen Kurs, auf dem KERS so viel bringt wie auf dem Hungaroring." Überholmanöver am Start scheinen schon wieder programmiert.

Auch wenn Haug lieber einen Brawn-Mercedes als einen Red-Bull-Renault als Weltmeister sehen würde, stellt er zum Thema Schützenhilfe klar: "Wenn wir vom fünften Platz aus einen Brawn in der ersten Ecke überholen können, dann werden wir das verdammt noch mal tun. Das ist das, was man dem Zuschauer schuldig ist. Wir werden sicher nicht sagen: 'Den lassen wir durch.' Wir fahren Rennen."

Ferrari: Für die Roten könnte Ungarn schon der letzte große Angriff auf die Spitze sein. Der enge Kurs kommt dem ebenfalls KERS-betriebenen Ferrari entgegen, das hat die starke Vorstellung in Monaco angedeutet. Außerdem war bei der Scuderia ein genereller Aufwärtstrend in den letzten Rennen zu erkennen. "Ich bin optimistisch, dass wir bald siegen können", sagte Felipe Massa.

Problem ist nur, dass das Team die Entwicklung am 2009er Auto im Gegensatz zur Konkurrenz bald einstellen will. Volle Konzentration auf 2010 ist schon bald angesagt. Da wird es schwierig, bis zum letzten Rennen Red Bull und Brawn GP Paroli zu bieten.

Das befürchtet auch Kimi Räikkönen: "Von der Entscheidung, wie die Ressourcen verteilt werden, hängt der Verlauf unserer zweiten Saisonhälfte ab. Wir haben hart gearbeitet, um die Lücke zwischen uns und den Spitzenteams zu schließen, aber die haben ihre Autos natürlich auch weiter verbessert."

Williams: Williams heißt beim Thema Titelkampf Nico Rosberg. Nur er ist in der Lage, um Podestplätze zu fahren und somit Brawn GP oder Red Bull Punkte wegzunehmen.

Rosberg freut sich auf den Kurs, da er mit maximalem Abtrieb gefahren wird und heiße Bedingungen bietet. Beides sollte dem Williams liegen. Sein Ziel ist klar: "Es wäre großartig, das erste Podium der Saison zu erreichen."

Renault: Renault heißt beim Thema Titelkampf Fernando Alonso. Schon auf dem Nürburgring hätte er den Brawns fast noch ein paar Punkte weggenommen. Die neue Aerodynamik an seinem Auto hat ihm offenbar im Rennen sehr geholfen.

"Wir waren das ganze Wochenende über schneller als die Ferraris, und Massa ist Dritter geworden", sagte Alonso nach dem Deutschland-GP über das, was ohne seinen Dreher im Qualifying möglich gewesen wäre.

"Die Teile, die wir ans Auto gebracht haben, bedeuten einen echten Schritt nach vorne", fuhr Alonso fort. "Daher bin ich für die nächsten Rennen ziemlich optimistisch."

Toyota für Überraschung gut

Toyota und BMW-Sauber hat interessanter Weise niemand mehr auf der Rechnung, wenn es um Spitzenplätze geht. Aber vor allem Toyota könnte bei großer Hitze zumindest sporadisch wieder dorthin kommen, wo das Team zu Saisonbeginn war.

Nicht zu vergessen ist auch Force India. Sollte bei einem der Spitzenteams irgendetwas schiefgehen, wären die stark verbesserten Inder sicher sofort zur Stelle.

So steht es in Fahrer- und Konstrukteurs-WM

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