Formel 1

Button: "Red Bull wird uns vernichten"

Von Alexander Mey
Jenson Button hat in der Fahrerwertung 70 Punkte auf dem Konto
© Getty

Während McLaren-Mercedes mit dem Sieg beim Ungarn-GP eine Wiederauferstehung feierte, war Brawn GP der große Verlierer des Rennens. Nicht unbedingt wegen der verlorenen Punkte, denn zu Jenson Buttons Glück holte auch Red Bull nicht das Optimum aus dem Wochenende heraus. Aber die Tendenz macht dem Team große Sorgen. Button sieht seine Felle im Titelkampf schon davonschwimmen.

Es war ein Funkspruch der Verzweiflung. "Ich habe schon wieder Graining auf den Hinterreifen. Ich kann nicht glauben, dass unser Auto so schlecht ist", brüllte Jenson Button kurz nach seinem ersten Reifenwechsel in den Boxenfunk. Beim WM-Leader lagen die Nerven blank, und die ganze Welt konnte es hören.

Eigentlich besteht noch kein Grund zur Panik. Immerhin hatte Button bei seinem siebten Platz jede Menge Glück, dass Sebastian Vettel leer ausging und Mark Webber als Dritter auch nur sechs Punkte aufholte. 18,5 Zähler beträgt Buttons Polster immer noch.

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Surer: "Bedenklich, dass man so abstürzen kann"

Aber um die nackten Zahlen geht es bei Brawn GP nicht. Es geht um die Tendenz. Das Team, das in der ersten Saisonhälfte alles in Grund und Boden fuhr, ist im freien Fall.

"Es ist schon bedenklich, dass man so abstürzen kann, nachdem man zuvor ein fast unschlagbares Auto hatte", sagt Sky-Experte Marc Surer im Gespräch mit SPOX. "Dass sie so schlecht waren, hat mich überrascht."

Nicht nur ihn. "Wir haben die Ergebnisse der beiden Rennen in Silverstone und auf dem Nürburgring auf das kalte Wetter geschoben. Wir waren felsenfest davon überzeugt, an diesem Wochenende deutlich besser zu sein", sagte Rubens Barrichello.

Reifenprobleme sind "ein Teufelskreis"

Das ist der Punkt. Das Brawn-Auto war bisher immer am besten, wenn es heiß war und der Kurs enge Kurven hatte. Das war in Ungarn der Fall, und dennoch haderte das Team mit den Reifen.

Surer erklärt: "Es fehlt an der Balance zwischen Vorder- und Hinterrädern. Das Problem ist: Wir haben in der Formel 1 zu breite Vorderräder, die unterfordert sind, und zu schmale Hinterräder, die überfordert sind. Heißt: Bei kühlem Wetter sind die Vorderreifen zu kalt, bei heißem Wetter sind die Hinterreifen zu heiß. Das ist ein Teufelskreis."

Button trifft es besonders hart

Button wird besonders tief in diese Abwärtsspirale hineingezogen, weil erstens der Brawn-Bolide sehr sanft zu den Reifen ist und zweitens Button auch noch einen extrem schonenden Fahrstil hat.

Will er also die Vorderreifen auf Temperatur bringen, muss er das Auto so extrem abstimmen, dass er dabei zwangsläufig die Hinterreifen zerstört. So geschehen auf dem Hungaroring. "Sogar mit meiner schonenden Fahrweise habe ich die Hinterreifen ruiniert", wunderte sich Button.

Button sieht Felle davonschwimmen

Das macht ihm Angst, denn er sieht den insgeheim vielleicht schon eingeplanten WM-Titel durch seine Finger rinnen. "Natürlich mache ich mir Sorgen. Ich habe in den vergangenen drei Rennen 15 Punkte verloren. Wenn das so weitergeht, haben sie mich in vier Rennen überholt", rechnete Button vor.

GP-Rechner: Fangen Vettel und Webber Button noch ab? Jetzt nachrechnen!

Vor allem die Rennen in Spa und Monza bereiten Button jetzt schon schlaflose Nächte. "Auf den beiden Kursen wird uns Red Bull vernichten", sagte Button. Schnelle Passagen und zumindest in Spa wohl eher kühle Bedingungen spielen dem Auto von Vettel und Webber perfekt in die Karten.

Ein Vergleich mit der Tour de France drängt sich Button auf: "Das ist so, als ob man das Gelbe Trikot trägt und es in die Berge geht, wo man weiß, dass man dort keine Chance hat. Es ist zwar schön, die Meisterschaft anzuführen, aber wird  in drei oder vier Rennen nicht mehr so sein, wenn wir uns nicht steigern."

McLaren und Co. können Button Punkte wegnehmen

Brawns Probleme wären ja gar nicht so schlimm, wenn die Kräfteverhältnis 2009 noch so ähnlich wären wie in den Jahren zuvor, wenn es nur zwei Teams gäbe, die alles dominieren und die Siege untereinander aufteilen. Aber spätestens nach dem Sieg von Lewis Hamilton in Ungarn ist klar, dass immer mehr Teams im Titelkampf eine Rolle spielen werden.

"In den vergangenen Jahren fuhr immer nur Silber gegen Rot. Da konnte man sicher sein, dass man zumindest Dritter werden kann. Doch wenn sich so viele dazwischen schieben wie im Moment, dann geht das für Button selbst mit dem momentanen Punktesystem schief", erklärt Surer.

Schlüsselrennen in Valencia

Jetzt ist erst einmal vier Wochen Sommerpause, in denen auch in den Fabriken die Arbeit laut FIA-Regeln ruhen muss. Button und Co. gehen in den Urlaub und können in Ruhe darüber nachdenken, wie sie ihre Balance-Probleme in den Griff bekommen.

Dann kommt der Europa-GP im vermutlich heißen Valencia, auf einer Strecke, die dem Brawn-Auto der ersten Saisonhälfte sehr gut gelegen hätte. "Dieses Rennen wird sehr wichtig sein", betonte Button, der den Glauben an sein Team noch nicht verloren hat: "Wir haben schließlich auch in der ersten Saisonhälfte Updates ans Auto gebracht, die funktioniert haben."

Red Bull: "Tor zur WM steht weit offen"

Warum sollte das nicht wieder klappen, vor allem mit einem vermeintlichen Superhirn an der Spitze des Teams? "Sie haben von der Basis her immer noch ein sehr schnelles Auto. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sie das wieder in den Griff bekommen. Das traue ich Ross Brawn und seinen Leuten zu", sagt Surer.

Selbst wenn es wieder etwas berauf geht für Brawn GP. Zu alter Dominanz werden sie aller Voraussicht nach in den letzten sieben Rennen nicht mehr zurückfinden. Die einst Unbesiegbaren haben Schwächen gezeigt.

Das ist der Konkurrenz nicht entgangen. Red-Bull-Teamchef Christian Horner gibt die Marschroute für ein vielleicht erneut dramatisches WM-Finale schon vor: "Das Tor zur WM steht nach wie vor weit offen."

WM-Stand: So steht es in der Fahrerwertung

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