Formel 1

"Aus politischen Gründen handverlesen"

Von Jan-Hendrik Böhmer
Mit Prodrive galt David Richards als aussichtsreicher Kandidat für die Formel-1-Saison 2010
© Getty

Das bei der Einschreibung für die Saison 2010 nicht berücksichtigte Team N.Technology klagt gegen den Automobil-Weltverband FIA. Der Vorwurf: Bei der Auswahl der drei Neueinsteiger sei es zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Außerdem hätten nur Teams, die sich der FIA beugen, Chancen auf eine Berücksichtigung gehabt.

"Die Bewerbungen wurden aus politischen Gründen handverlesen und nicht aufgrund sportlicher oder in Zusammenhang mit dem Projekt stehender Kriterien. Das ist glasklar", wird ein namentlich nicht genannter möglicher Teamchef auf "Motorsport-Total.com" zitiert.

So hätte man N.Technology etwa entgegen der Richtlinien zu keinem Zeitpunkt darauf Aufmerksam gemacht, dass mit der Bewerbung etwas nicht stimmen könnte. "Es gab keine Transparenz bei der Auswahl der Teams und den Vorbereitungen für 2010. Deshalb glauben wir, dass das Verfahren zur Zulassung neuer Teams nicht eingehalten wurde", sagte Angelo Codignoni, Vorstandsmitglied bei der N.Technology-Mutterfirma MSC, gegenüber dem britischen Fachmagazin "Autosport". "Wir tun das im Namen des Sports."

Offiziell wurde die Bewerbung des in Formel-, GT-, und Rallye-Sport erfolgreichen Teams von der FIA wegen fehlender und nicht fristgerecht eingereichter Unterlagen abgelehnt. Laut Codignoni und Mitstreiter Mauro Sipsz nur ein Vorwand. "Wir sind lediglich Opfer dieses Krieges", so Sipsz gegenüber der italienischen Zeitung "Corriere della Sera."

Keine Chance mit Ferrari und Co.

Und offenbar wurden Kandidaten tatsächlich nur dann als Neueinsteiger berücksichtigt, wenn sie der Verwendung der von der FIA vorgeschlagenen Einheitsmotoren zustimmten. "Uns wurde gesagt, dass wir den Dreijahresvertrag mit Cosworth unterzeichnen müssten, wenn wir 2010 in der Startaufstellung stehen wollten", wird ein Teamchef zitiert.

Ein weiterer bestätigt in einem Brief: "Mir gab Tony Purnell (FIA-Technik-Berater, Anm. d. Red.) den Tipp, dass eine Bewerbung nur mit Cosworth als Partner Aussicht auf Erfolg hat. Als ich erklärte, dass ich Chancen auf Motoren von Renault, Mercedes oder Ferrari habe, wurde mir klar gemacht, dass es Bedingung sei, Cosworth als Lieferant zu nennen."

FIA: Angst vor den Herstellern?

Die FIA fürchtet offenbar, dass die Neueinsteiger bei einer Versorgung mit Renault-, Mercedes-, Ferrari-, Toyota oder BMW-Aggregaten von den großen Herstellern anhängig wären und sich in einem neuerlichen Streit auf deren Seite schlagen könnten. Kurz gesagt: Dass bei einem Ausstieg der FOTA auch die Neueinsteiger gehen würden.

In einem FIA-Statement heißt es: "Ohne die Versorgung durch unabhängige Kundenmotoren würde die gesamte Startaufstellung einzig vom Wohlwollen der Automobilindustrie abhängen."

Die Schlagzeilen der ersten Saisonhälfte: Den Sport mit Füßen getreten

Prodrive verlor offenbar zugesicherten Startplatz

Prominentestes Opfer der Politik ist wohl David Richards. Mit Prodrive und Aston-Martin-Power galt er als einer der aussichtsreichsten Kandidaten auf einen Formel-1-Einstieg. Doch auch er soll den Cosworth-Deal abgelehnt haben - und daraufhin seinen von Mosley bereits zugesicherten Startplatz für 2010 verloren haben. Das berichten jedenfalls mehrere Quellen.

"Wir sind von der FIA-Entscheidung enttäuscht", so Richards. "Denn wir glauben, dass wir  die Ressourcen besitzen, um in der Formel 1 konkurrenzfähig zu sein."

FOTA schaltet sich ein

Unterstützung erhalten die Kritiker offenbar von der FOTA. Diese soll "Autosport"-Informationen zufolge die FIA dazu aufgefordert haben, den Auswahlprozess offen zu legen.

Offiziell hält man sich allerdings noch zurück. BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen bestätigte "Motorsport-Total.com" lediglich, dass im Fall von N.Technology rechtliche Schritte eingeleitet wurden.

Außerdem ließ ein Sprecher der Teamvereinigung druchblicken: "Sollten sich diese Gerüchte bewahrheiten, wären sie ein Beispiel dafür, wie schlecht unser Sport reguliert wird." Die Spekulationen gehen sogar so weit, dass die FOTA unter gewissen Umständen eine komplette Neubewertung der Team-Bewerbungen verlangen könnte.

Droht der Formel 1 der nächste Skandal?

Ob dieses Szenario wegen der knappen Zeit zwischen Verhandlung (erste Anhörung am 15. September in Paris) und Saisonstart überhaupt realistisch ist, darf bezweifelt werden. Schließlich hätten eventuell nachrückende Teams nur noch wenig Zeit, ein komplettes Auto auf die Beine zu stellen. Denn nach der Absage haben sie ihre Anstrengungen möglicherweise zurückgeschraubt und verfügen teilweise weder über Sponsoren noch Personal.

Außerdem: Kann man den bereits eingeschriebenen Teams ihre Zulassung für die kommende Saison ohne erneute Klage-Welle überhaupt wieder entziehen? Sie tragen keine Schuld an der FIA-Politik und haben bereits Millionen  investiert.

Und so steht aktuell wohl nur Eines fest: Das politische Hickhack geht weiter, der Königsklasse droht der nächste Skandal.

FIA und FOTA streiten schon wieder

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