Formel 1

Den Sport mit Füßen getreten

Von Alexander Mey
Verkehrte Formel-1-Welt. 2009 diktieren Red Bull und Brawn GP das Tempo
© Getty

Mit dem Deutschland-GP auf dem Nürburgring feiert die Formel 1 Bergfest. Die Hälfte der Saison ist absolviert, es gab jede Menge Überraschungen, aber auch zahlreiche Enttäuschungen. Von Brawn GP bis Sebastian Vettel, von leidigen Machtkämpfen bis zu strauchelnden Platzhirschen: SPOX bewertet die positiven und negativen Schlagzeilen der ersten Hälfte der Saison 2009.

Die positiven Schlagzeilen der Saison 2009:

Das weiß-gelbe Wunder
Es war der 6. März 2009, als Ross Brawn vor die Presse trat und die Übernahme des bankrotten Honda-Teams verkündete. Drei Wochen vor dem Saisonstart und ohne einen einzigen Testkilometer - kein Wunder, dass niemand einen Pfifferling auf den neuen Rennstall gab.

Doch dann kam alles anders. Fünf Tage nach dem 6. März fuhr Jenson Button die erste Bestzeit bei den Tests, 21 Tage danach waren der Engländer und Brawn GP die sensationellen Sieger des Auftaktrennens in Melbourne. Und wie ging das Märchen weiter? Nach acht von 17 Rennen führen Button und Teamkollege Rubens Barrichello die Fahrer-WM an, und auch bei den Konstrukteuren sind die weiß-gelben Renner weit voraus.

Auch wenn dem neutralen Fan die Dominanz von Brawn GP zwischenzeitlich schon zu groß wurde, muss jeder vor der Leistung der Truppe, die kurz vor Saisonbeginn noch arbeitslos war, höchsten Respekt haben.

Deutschland hat wieder einen Formel-1-Helden
So groß wie in diesem Jahr war die Euphorie der Fans vor dem Deutschland-GP seit 2006 nicht mehr. Der Grund: Sebastian Vettel. Nach zwei Siegen für Red Bull schafft der 21-Jährige in seinem erst zweiten kompletten Formel-1-Jahr das, was in Deutschland zuvor nur Michael Schumacher konnte. Er elektrisiert die Massen.

Egal, ob Vettel noch ernsthaft in den Titelkampf gegen Jenson Button eingreifen kann oder nicht, er ist genau das, was der Sport gebraucht hat, um hierzulande wieder zu altem Glanz zurückzufinden.

Schöne neue Formel-1-Welt
Immer wieder das gleiche, jahrelang. Ferrari gegen McLaren-Mercedes, Ferrari gegen Renault, ab und zu einmal Ferrari gegen BMW - das war's. Doch siehe da, 2009 war plötzlich alles anders. Die radikalen Regeländerungen haben es möglich gemacht. Plötzlich hießen die Kämpfe an der Spitze Brawn GP gegen Red Bull, Brawn GP gegen Toyota, sogar Williams mischte mit Nico Rosberg ab und zu ganz vorne mit. Und siehe da, auch Ferrari hat sich nach ganz schwachem Start wieder einigermaßen berappelt und zumindest wieder Podestplätze im Visier.

Fazit: Jeder Experte, der glaubte, die Gesetze der Formel 1 in- und auswendig zu kennen, musste 2009 komplett umdenken. Eine erfrischende Erkenntnis.

Ein bisschen Frieden
Nach monatelangen Streits an allen Fronten und ernsthafter Existenzangst (mehr dazu in den negativen Schlagzeilen) zählte am Ende nur eine Nachricht: Am 24. Juni verkündeten der Weltverband FIA und die Teamvereinigung FOTA die Einigung im Streit um das Budgetlimit und weitere Regeln für die Zukunft der Formel 1. Eine Spaltung und damit de facto das Ende der Königsklasse waren vom Tisch.

Wie lange der Burgfrieden hält, kann angesichts der streitlustigen Protagonisten auf beiden Seiten niemand sagen. Aber entscheidend ist, dass seit dem 24. Juni endlich mal wieder der Sport die Hauptrolle spielt.

Die wilde 13
Noch etwas Wichtiges passierte am 24. Juni. Die FIA gab die Starterliste für die kommende Saison bekannt. Darauf stehen neben den zehn etablierten Teams drei Neulinge, die 2010 das Feld auf 26 Autos vergrößern werden. Wie in guten alten Zeiten eines Ayrton Senna, Alain Prost oder Nigel Mansell also. Es wird wieder voll auf der Strecke, die Startaufstellungen werden bunter.

Natürlich gibt es Zweifel an der Konkurrenzfähigkeit der drei neuen Teams USF1, Manor und Campos, und man kann auch geteilter Meinung darüber sein, ob die drei richtigen Teams von der FIA ausgewählt wurden. Aber die Masse macht es in diesem Fall. Mehr Autos bedeuten mehr Fahrerpersönlichkeiten und mehr Action auf der Strecke, auch wenn es manchmal nur ums Überrunden gehen wird. Wichtig ist das Zeichen, das in Zeiten der Wirtschaftkrise von der Aufstockung des Feldes ausgeht - und das ist sehr positiv.

Die negativen Schlagzeilen der Saison 2009:

Den Sport mit Füßen getreten
Sie haben unglaublich genervt, die ewigen Grabenkämpfe zwischen den Teams und der FIA. Erst der unsägliche Disput über die Doppel-Diffusoren, der wenigstens noch einen sportlichen Hintergrund hatte, aber vor allem von Renault-Teamchef Flavio Briatore weit unter der Gürtellinie ausgefochten wurde.

Viel schlimmer danach das Hickhack um ein Budgetlimit für die kommende Saison. Keiner weiß genau, wie lange es bei dem Streit wirklich um die Sache ging. Jeder konnte aber sehen, dass der Streit immer mehr in Richtung eines puren Machtkampfes zwischen einigen Teamchefs und FIA-Boss Max Mosley abdriftete. Wäre es nicht um viel Geld und die Zukunft einer ganzen Sportart gegangen, man hätte sich vorkommen können wie im Kindergarten.

Das größte Missverständnis des Jahres
Was war noch einmal KERS? Ach ja, das war dieses Energie-Rückgewinnungssystem, das angeblich der ganz große Wurf in Richtung Zukunft der Formel 1 sein sollte. BMW wollte das System unbedingt und gegen große Widerstände schon 2009 einsetzen - und so kam es auch.

Und mit welchem Ergebnis? Nach der Hälfte der Saison setzen noch zwei Teams das System halbwegs regelmäßig ein, Ferrari und McLaren-Mercedes. Zuletzt verzichteten aber sogar die Silbernen auf die 82 Zusatz-PS. BMW hat das Projekt für den Rest des Jahres komplett eingestampft - was für ein Armutszeugnis!

Es ist bezeichnend, dass die Teams, die jetzt um Siege fahren, nie auch nur ansatzweise über den Einsatz von KERS nachgedacht haben. Das System mag eine tolle Idee sein, aber die Formel 1 war 2009 einfach noch nicht bereit dafür.

Mitten in den Fettnapf gesprungen
Bernie Ecclestone war schon immer ein Freund von klaren Aussagen, zuweilen auch von kleinen Provokationen. Aber mit seinen jüngsten Äußerungen über Adolf Hitler ist er deutlich über das Ziel hinausgeschossen. Ein Fehler, für den er sich seitdem Tag für Tag in irgendeinem anderen Medium zurecht entschuldigen muss.

Es geht dabei gar nicht um seine Gesinnung. Es geht darum, dass ein Mann mit seiner Erfahrung und in seiner Position respektieren muss, dass Aussagen, die er tätigt, um die Welt gehen. Und sie erreichen eben auch Personen, die die Grausamkeiten des Nationalsozialismus unmittelbar oder mittelbar erlebt haben. All diese Personen hat Ecclestone vor den Kopf gestoßen. Egal, wie er seine Aussagen gemeint hat, so gedankenlos darf er keine Interviews geben.

Ende der Herrlichkeit
Was ist nur aus den einstigen Formel-1-Supermächten geworden? Ferrari war zu Saisonbeginn im Nirgendwo, ist jetzt wenigstens wieder in der erweiterten Spitze. Aber McLaren-Mercedes und BMW-Sauber? Beide deutschen Hersteller dümpeln im Mittelfeld, manchmal sogar noch weiter hinten. Und das Schlimmste ist: Es gibt kaum Aussicht auf Besserung.

Beiden hilft eigentlich nur eins: Die Saison abhaken und sich voll auf 2010 konzentrieren. Dumm nur, dass sich der Imageschaden so nicht korrigieren lässt - und das ausgerechnet in einer Zeit, in der jeder Automobilhersteller zweimal überlegt, ob er in den Motorsport investiert. Aus deutscher Sicht kann man nur hoffen, dass sich McLaren-Mercedes und BMW-Sauber ihre Krise nicht zum falschen Zeitpunkt genommen haben.

Bye, bye Hockenheim
Es ist ein Jammer zu sehen, wie der Traditionskurs von Hockenheim unter dem Druck horrender Lizenzgebühren aus dem Formel-1-Kalender zu verschwinden droht. Die Gemeinde Hockenheim wird das Verlustgeschäft 2010 nicht mehr finanzieren, das endgültige Aus kann nur noch ein gnädiger Geldgeber verhindern.

Die Hoffnungen ruhen dabei auf Bernie Ecclestone, der gerne die Formel 1 in Deutschland halten möchte. Aber wird er tatsächlich Hockenheim retten, wenn er doch im Nahen und Fernen Osten viel mehr Geld verdienen kann? Der Glaube daran fällt schwer.

So steht es in der Fahrer-WM

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